“The Art of George Quaintance” von Reed Massengill und Dian Hanson (Hrsg.)

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„… erwiderte Männerliebe, ungehemmte Lust und unausgesprochene Wünsche in der Abenddämmerung“…

… werden greif- und sichtbar in dieser einzigartige Hommage. TASCHENs imposanter Bildband mit dem schlichten Titel “Quaintance” präsentiert Lebensgeschichte und Werk des amerikanischen Künstlers George Quaintance in bisher unerreichter Qualität: großformatig, gedruckt auf schwerem Glanzpapier und hochwertigem Strukturpapier erwachen seine homoerotischen Kunstwerke zu neuem Leben.

Mit dieser mehrsprachigen Werksausgabe in Deutsch, Englisch und Französisch ist eine verlegerische Glanzleistung auf höchstem Niveau gelungen: Sie fängt die schillernde Persönlichkeit des Ausnahmetalents unter Berücksichtigung bislang unbekannter Quellen ein und zeigt, warum Quaintance als erfolgreichster Künstler seines Metiers in den 40ger und 50ger Jahren des letzten Jahrhunderts gilt.

Es ist ein Buch, das man kaum ohne Handschuhe zu berühren wagt, so edel und hochwertig ist es. Die dargestellten Figuren scheinen lebendig und plastisch, als würden sie jeden Augenblick dem hochwertigen Papier entsteigen. Das ist Druckqualität in Perfektion. Für dieses Buch braucht man Platz. Und Zeit.

Reed Massengill zeichnet die Lebensgeschichte des Künstlers mit viel Liebe zum Detail nach. Denn wirklich würdigen, daran besteht kein Zweifel, kann man Person und Werk nur, wenn man sich zeitgeschichtlich eingebettet damit auseinandersetzt. Spannend wie ein Krimi liest sich Quaintances Werdegang, der mit seiner Geburt im Jahre 1902 auf einer Farm in Luray, Virginia, beginnt. Schon als Kind fühlt er sich fremd, fehl am Platz und leidet darunter, nicht in die Strukturen des einfachen Landlebens zu passen. Obwohl die Wurzeln seiner Familie väterlicherseits bis ins Jahr 1712 zurückreichen und George Quaintance die Landwirtschaft sozusagen im Blut liegen müsste, bleibt sie für ihn, wie er selbst schreibt, zeitlebens “ein Buch mit sieben Siegeln”.

Er hat das Glück verständnisvolle Eltern zu haben, die ihn mit dem Kauf von Pinseln und Farben unterstützen und seine künstlerischen Ambitionen fördern. So bemalt er bereits als Kind und Jugendlicher Stühle, gestaltet Dekorationsgegenstände und entwirft ein Etikett für eine Konservenfabrik.

Bis heute zeugt ein religiöses Wandgemälde über dem Taufbecken in der Kirche von Stanley, einem Nachbarort von Luray, vom frühen Wirken des Künstlers. Zu sehen ist eine Darstellung der Johannestaufe: Jesus Christus schreitet an der Hand von Johannes dem Täufer in den Jordan. Zu seinen Füßen kniet – den Blick bewundernd erhoben – George Quaintance selbst. Mit glänzendem Körper, das Geschlecht mit einem Lendenschurz aus Leopardenfell verhüllt, hat er sich selbst ein ewiges Denkmal gesetzt. Bereits hier zeigt sich seine Vorliebe für schmale Taillen und breite Schultern. Ein Schönheitsideal, das sich in all seinen späteren Gemälden und Werken findet.

Nach Abschluss der High School zieht es George Quaintance aus der ländlichen Abgeschiedenheit in das pulsierende Leben der Großstadt. New York wird seine neue Heimat. Doch den ursprünglichen Plan, ein Kunststudium zu absolvieren, setzt er nicht in die Tat um. Stattdessen wird er Tänzer, Tanzlehrer, Varietékünstler und Illustrator. Er kreiert auf dem Zeichenbrett extravagante – in der Realität allerdings nicht umsetzbare – Turmfrisuren für bekannte Schauspielerinnen seiner Zeit, die ihm Modell sitzen. Den pompösen Haartrachten verleiht der Hair-Stylist nicht minder pompöse Bezeichnungen wie “Rhumba” oder “Medusa”. Später zeichnet er für Magazine wie Physique Pictorial, Demi-Gods und Body Beautiful, entwirft Cover und Grußkarten.

George Quaintance ist eine durch und durch schillernde Figur. Ein künstlerischer, ambitionierter Allrounder, seiner Zeit weit voraus, der sich immer wieder neu erschafft und frische Wege sucht. Würde er heute leben, er wäre ein omnipräsenter, gefeierter Medienstar.

TASCHENs Kunstband präsentiert alles, was von Quaintances Gesamtwerk erhalten geblieben ist, aufwendig produziert und umfassend kommentiert: Man sieht von ihm angefertigte Cover-Zeichnungen, seine komplette Grußkartenserie und erlebt ihn direkt bei der Arbeit mit seinen Modellen.

Unbestrittener Höhepunkt des Bandes sind seine 55 Bilder, die teilweise doppelseitig bzw. als Fold-Out elegant in all ihrer Farbintensität präsentiert werden.

Quaintance konzentriert sich bei seinen muskulösen Männerakten auf Archetypen: harte Cowboys, furchtlose Matadore, knackig-durchtrainierte Stallburschen, edle Indianer. Doch sie erscheinen nie ungehobelt, rau oder von den harten Lebensbedingungen gezeichnet; sie bestechen durch Anmut und Eleganz. Eine Verbeugung vor dem definierten männlichen Körper, der idealisierten männlichen Schönheit.

Genitalien zeichnerisch offen darzustellen, war nicht nur gesellschaftlich ein Tabu, es war illegal. Ein Wagnis, das man unmöglich in der repressiven Atmosphäre der 40ger und 50ger Jahre eingehen konnte, ohne mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Darum verbergen strategisch clever platzierte Kleidungsstücke wie Stiefel, ein Tuch oder eine Decke stets das, was nicht gezeigt werden darf.

Beeindruckend progressiv ist dennoch die unverhohlene Homoerotik zwischen den Männern: tiefe, bewundernde oder lüsterne Blicke werden getauscht. Mimik, Gestik und Körper sprechen von dem, was notgedrungen verschwiegen werden muss.

Der Sogwirkung von George Quaintances bunten, an die Zeit der Renaissance erinnernden Bilder kann man sich nicht entziehen. So wundert es nicht, dass die wenigen Originale so gut wie nie im Rahmen von Versteigerungen auftauchen, sondern – wenn überhaupt – privat von einem Kunstliebhaber an den anderen veräußert werden.

Quaintances Kunst wirkt inspirierend auf zahllose Künstler in Vergangenheit und Gegenwart. Zu nennen sind hier etwa Tom of Finland (1920-1991), Harry Bush (1926-1994) oder auch Michael Breyette.

Wer sich für homoerotische Kunst begeistert, kommt um diesen opulenten, gewaltigen Bildband nicht herum!

(c) M. Hoevermann

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