“Unter Feinden” von Georg M. Oswald

Die Polizeibeamten Kessel und Diller, zwei langjährige Freunde und Kollegen, sind bei verdeckten Ermittlungen im Münchener Westend zugange. Einfach ist ihr Job nicht: Etwa 50 % der Einwohner dort haben Migrationshintergrund: ‘”Türken, Albaner, Nordafrikaner, Iraker, Iraner, was auch immer ‘ Arabs jedenfalls” (S. 5). Verdeckte Ermittler werden im Nu enttarnt, und auch Kessel und Diller sind längst aufgeflogen. Ganz in der Nähe ihres Beobachtungspostens sehen sie eine Gruppe junger Männer beim Dealen, ignorieren das Treiben aber vorerst.

Für Kessel ist es die erste Observierung seit langem. Es ist ohnehin ein Wunder, dass er noch lebt. Schließlich blickt er auf eine lange, unrühmliche Drogenkarriere zurück, bei der er so ziemlich alles an illegalen Substanzen eingeworfen hat, was ihm in die Hände kam. Gut gemeinte Ratschläge von Kollegen schoss er therapie- und vernunftresistent in den Wind. Dafür fing er auch noch an, exzessiv zu trinken. Eine Bauchspeicheldrüsenentzündung zog ihn letztendlich aus dem Verkehr. Bei seiner Rückkehr gilt er zwar als clean, aber sein Zittern im Wagen spricht eine andere Sprache: Diller weiß nicht, wie er den Bluttest fälschen konnte, aber dass Kessel auf Entzug ist, sieht er sofort. Als nächste Stufe sind Krämpfe zu erwarten. Damit ist der gesamte verdeckte Einsatz in Gefahr. Was also tun? Einen Krankenwagen zu rufen, hätte zu viel Aufsehen erregt. Außerdem wäre das Kessels Freiflugschein aus dem Polizeidienst gewesen.

Schnaps erscheint ihm schließlich als beste Lösung. Doch kaum ist er einigermaßen unauffällig aus dem Wagen, um Jack Daniels und Cola zu besorgen, ist Kessel schon dabei, sich von den jungen Dealern Stoff zu besorgen. Die Situation entgleist, und am Ende überfährt er aggressiv und hirnlos einen jungen Türken. ‘Pitbull’ Amir Aslan überlebt, liegt allerdings im Koma. Ungewiss ist, ob er je wieder aufwacht. Und falls ja, ob und inwieweit er sich an das Vorgefallene erinnern wird.

Diller weiß, dass es falsch ist, aber er deckt den Freund. Für ihn selbst steht viel auf den Spiel. Im Gegensatz zu Kessel führt er ein bürgerliches, durchaus gehobenes Leben in einem schicken Viertel: Seine Frau Maren ist Dozentin an der Uni, ihr dreizehnjähriger, gemeinsamer Sohn Luis besucht eine katholische Privatschule. Zumindest von außen ist alles Top, und genauso soll es auch bleiben.

In Wirklichkeit lebt die Familie am Rande des Machbaren, denn Schulgebühren und Miete sind auch für ein Beamtenehepaar schwer aufzubringen. Auch die vermeintliche familiäre Harmonie ist oft eher vorgetäuscht als echt. Stieftochter Mona hat – im Gegensatz zu dem eher unmotivierten, pubertierenden Mitläufertyp Luis ‘ wirklich etwas auf dem Kasten, ist unangepasst, engagiert und direkt.

Während Diller einen Unfall vortäuscht, um den Schaden am Dienstfahrzeug zu erklären, bricht im Westend die Hölle los: Wütende Jugendliche ziehen randalierend durch die Straßen. Aufruhr, brennende Autos ‘ das beschauliche München befindet sich im Ausnahmezustand.

Mona, die im ersten Semester Philosophie studiert, macht die Aufstände kurzerhand zum Fokus ihrer Seminararbeit und ihren Stiefvater zum ‘”Studienobjekt” (S. 125). Genau das, was er noch gebraucht hat. Sie zerpflückt seinen öffentlichen Auftritt auf der Pressekonferenz und geht sogar gegen die Polizei demonstrieren. ‘”Unterstützt wurde sie dabei von ihrer Mutter, der Wissenschaftlerin, die ihr begeistert davon berichtete, welche Vorzüge es hatte, als Frau nicht nur klug zu sein, sondern auch als klug zu gelten. Diller hatte gegen all das das selbstverständlich nicht das Geringste einzuwenden. Nur jetzt, da seine Existenz dabei war, sich vor seinen Augen aufzulösen, war ihm das alles ein bisschen zu viel”‘ (S. 127).

Kessel muss vorerst von der Bildfläche verschwinden, denn natürlich waren einige Migranten dabei, als er den jungen Türken anfuhr. Dass er nach wie vor ‘”drauf'” ist, merken auch andere. Während Diller versucht, vor Kollegen und Öffentlichkeit alles einigermaßen plausibel zu vertuschen, Kessel zu decken, gleichzeitig den Polizeipräsidenten zu beruhigen, der übereifrigen Staatsanwältin Didem Osmanoglu keine weitere Munition für Verdächtigungen zu bieten, sich um die Schulprobleme seines Sohnes zu kümmern und ganz nebenbei seine Arbeit zu tun, frönt Kessel dem Drogenrausch. Er schießt sich erst mal ab und ist zu nichts zu gebrauchen. Doch es kommt noch schlimmer.’ Die Ereignisse spitzen sich mehr und mehr zu und selbst Kessel fühlt irgendwann die Schlinge, die sich unausweichlich zuzieht. Und dann bekommt er eine Möglichkeit offeriert, seinen Namen reinzuwaschen…

Raffiniert kombiniert der deutsche Autor und Rechtsanwalt Georg M. Oswald Polizeiarbeit, Drogenabhängigkeit und die privaten Probleme seiner Protagonisten mit großen sozialkritischen und gesellschaftspolitischen Themen. Denn die Polizei muss sich nicht nur um die Krawalle im Westend kümmern; noch dazu steht das wichtigste Ereignis des Jahres vor der Tür: die alljährliche Internationale Sicherheitskonferenz wird demnächst in München stattfinden. Gleichzeitig geht ihnen ein Mann ins Netz, bei dem es sich möglicherweise um einen international gesuchten Terroristen handeln könnte.

In ‘”Unter Feinden”‘ zeigt sich deutlich, dass Georg M. Oswald nicht nur ein Kenner Münchens, sondern auch des hiesigen Rechtssystems ist: Er präsentiert einen ungewöhnlichen Kriminalroman, eine Mischung aus Milieustudie und Krimi mit moralischen Konflikten und juristischem Fundament.

Die ungewöhnliche Prämisse fesselt von Anfang an. Die gewählte Perspektive bedeutet jedoch, dass man beim Lesen immer außen vor bleibt: Die Identifikation mit den Personen kommt nie vollständig zustande. Und das ist beabsichtigt. Man behält einen Außenblick, der es ermöglicht, das Geschehen von allen Seiten zu betrachten. Es wird nichts beschönigt, nichts weichgespült. Man sieht den Figuren zu, erlebt ihre Entscheidungen und kann aus ihrer Sicht Verhalten und Entscheidungen nachvollziehen. (Bedingungslose) Sympathieträger sind sie alle nicht. Ganz am Ende bleibt es einem selbst überlassen, welche Position man bezieht, welches moralische Urteil man fällt.

“‘Unter Feinden”‘ geht weit über einen üblichen Krimi hinaus. Sehr zu empfehlen!

(c) M. Hoevermann

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Categories: Krimis und Thriller, Literatur

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