“Unterwegs mit Kathy K.”, DVD (OmU)

Hinreißende Komödie mit Biss

Die Pubertät meint es nicht gut mit Tabby Fleece. Sie lebt in einem unbedeutenden Kaff in Oklahoma, besucht eine unbedeutende High School und lebt ein unbedeutendes Leben. Nicht, dass ihr Herz an diesem Ort hängen würde. Nein, es ist einfach nur der Platz, an dem ihre Eltern – in ihren Augen Totalversager – hängengeblieben sind. Vor der Mutter haben weder sie noch der kleine Bruder Respekt, der Vater ist mit Vorsicht zu genießen. Der hübsche Teenie hat allerdings auch außerfamiliäre Sorgen: Tabby ist in einen Macho verschossen, mit dem sie immer mal wieder Sex hat. Allerdings will sie ihre Gefühle nicht zugeben. Dann erwischt sie Denny ausgerechnet auch noch mit ihrer besten Freundin. Da sind der Tritt in die Familienjuwelen und der Fausthieb die richtigen Antworten.

Sie führt teilweise durch die Handlung und kommentiert mit hinreißend-direktem Zynismus das Geschehen aus dem Off.

Im eigentlichen Zentrum steht allerdings nicht sie selbst, sondern ihre schöne Mutter Anora (Laura Harring). Die vom Leben desillusionierte Hausfrau und Mutter phantasiert sich die unerträgliche Realität schön und verliert sich in Träumereien von einer perfekten Ehe. In ihrer Fantasie ist sie jung und glücklich, ihr Mann trägt sie auf Händen, und ihr gemeinsames Leben ist ein einziger Rausch zwischen erfüllender Liebe, Sexualität und Lebensfreude. Die Realität sieht anders aus: Cheb ist ein gewalttätiger, grober Widerling, abstoßend rassistisch und kleinkariert. Seine Frau betrachtet er bestenfalls als Werkzeug zur Befriedigung seiner Primärbedürfnisse. Der eheliche Sex ähnelt dementsprechend eher einer Vergewaltigung. Abgesehen von diesen Tiefpunkten ist Anoras Leben an Tristesse kaum zu überbieten.

Sohn Pete gibt sich aus Angst vor dem Vater als Sportkanone. In Wirklichkeit fühlt er sich mehr zu seinem Englischlehrer als zum Footballfeld hingezogen, und wenn überhaupt, dann gilt seine Leidenschaft dem Schreiben. In der Hinsicht ist er wirklich begabt. Um dem Jähzorn des Vaters zu entgehen, liefert er auch schon mal die Mutter aus…

Als die lebensfrohe Afro-Amerikanerin Imogene Cochran (Jill Marie Jones) nebenan einzieht, wendet sich das Blatt: Anora taucht ein in eine ganz andere Welt voller Wärme, Mitmenschlichkeit, Lachen und Schönheit. In der Kosmetikverkäuferin für die Marke Kathy K. findet sie eine Freundin. Endlich gibt es jemanden, der sich auch mal für sie interessiert. Langsam entwickelt sich eine eigenständige Beziehung zwischen den beiden Frauen und in Anoras Tagträumereien wird Cheb zunehmend während des Liebesaktes von Imogene überlagert. Bei einem gemeinsamen Nachmittag kommt es zwischen den beiden Frauen zu ersten zärtlichen Annäherungen. Als Cheb unerwartet nach Hause zurückkehrt, bricht die Hölle los. Die Situation gerät vollkommen außer Kontrolle, und am Ende sind sie auf der Flucht: Anora, Imogene und die beiden Kinder. An Bord: Taschen mit den wichtigsten Habseligkeiten. Und Cheb im Kofferraum… Ziel: Die Leiche loswerden.

Es ist ein Road Trip, der alles verändert…

Man muss dieser lesbischen Indie-Komödie Zeit geben, sich zu entfalten. Gerade der Anfang verwundert, denn der Fokus liegt zunächst auf Tabby, die auf eine wirklich billige Masche hereinfällt. Nach und nach lernt man die Familienmitglieder kennen, erlebt die Dynamik zwischen ihnen und bekommt einen Einblick in die unerträglichen Lebensverhältnisse. Dabei gelingt es, sowohl Anora als auch Cheb so darzustellen, dass sie nicht karikaturhaft überzeichnet oder zu klischeehaft wirken. Anora ist zwar die frustrierte Hausfrau, aber sie hat auch einen herrlichen Sinn für Humor und beweist erstaunliche Resilienz; Cheb ist Täter und Opfer zugleich. Tabbys Gefühlswelt erschließt sich durch ihre Comic-Zeichnungen, die kurz lebendig zu werden scheinen. Man fühlt sich dabei unweigerlich an “Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers” von Sherman Alexie erinnert. Spätestens, als Imogene auftaucht, tritt die Beziehung zwischen den beiden Frauen dann vollständig in den Vordergrund.

Es ist ein Film, der trotz seines geringen Budgets überzeugt. Das liegt zum einen an der Kameraarbeit, aber auch an den beiden Hauptdarstellerinnen, zwischen denen die Chemie einfach stimmt. Besondere Erwähnung verdient Ashley Duggan Smith, die als Tabby eine reife Leistung abliefert. Dank ihr wirkt “Unterwegs mit Kathy K.” wie ein Abgesang auf all die geschönten High School-Filme. Das Drehbuch ist intelligent, böse, oft überraschend, schräg und witzig. Wer “Little Miss Sunshine” mag, wird sicher auch an “Unterwegs mit Kathy K.” viel Freude haben!

(c) M. Hoevermann

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Categories: DVDs - Filme und Serien, DVDs -Filme, GLBT

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