“Verschenkte Potenziale? Lebensverläufe nicht erwerbstätiger Frauen” von Jutta Allmendinger

Defizit “Mutter” – Warum Beruf und Familie in Deutschland (noch) unvereinbar sind

Wohl keiner Gruppe wird in Deutschland der Wiedereinstieg ins Erwerbsleben so schwer gemacht wie den Frauen. Kinder und Karriere erfolgreich verbinden? Gelebte Gleichberechtigung? In unserer konservativen, nach wie vor an patriarchale Strukturen gebundenen Demokratie Fehlanzeige. Hier wird auch dank des Ehegattensplittings und ungleicher Lohnzahlung an alten Strukturen und Vorstellungen vom Mann als Haupt- oder Alleinverdiener geklammert – zu Lasten der Frauen.

Das belegt Jutta Allmendinger, Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin, in ihrem Buch “Verschenkte Potenziale?”, das sich mit den Lebensverläufen nicht erwerbstätiger Frauen auseinandersetzt, eindrucksvoll. Dabei schneiden Mädchen, was ihre akademische Leistung anbelangt, in allen Schulformen besser ab als Jungen. Mädchen machen laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) öfter Abitur: 55,7 % der erfolgreichen Gymnasiasten sind weiblich. Ein Trend, der sich an den Universitäten fortsetzt. Bei immerhin 51 % der Studierenden mit abgeschlossenem Studium handelt es sich um Frauen. 44,1 % promovieren sogar, und doch findet man in Führungspositionen gerade 21,7 % dieser hoch qualifizierten Kräfte wieder. Konzentriert man sich auf die 200 größten Unternehmen, sind es sogar nur traurige 3,2 % der Frauen, die es bis in die Vorstände schaffen.

Während wortgewaltig und theatralisch der Fachkräftemangel beklagt wird, steht im eigenen Land längst eine große Gruppe hervorragend ausgebildeter, motivierter Arbeitskräfte in den Startlöchern, deren Potenzial nicht ausgeschöpft wird: Frauen.

Woran liegt das? Weshalb wird hier nach wie vor die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung und -erziehung allein auf die Schultern der Frauen gelegt? Warum sind in Deutschland Mütter überwiegend in Teilzeit- und Minijobs anzutreffen, während erwerbstätige Väter mehrheitlich einer Vollzeittätigkeit nachgehen?

Hier ergrübelt man Strategien, fähige Kräfte aus dem Ausland ins Inland zu locken statt das Problem an der eigentlichen Wurzel anzugehen. Dabei ist die Lösung naheliegend, wie Allmendinger, deren Publikation weit über die Darstellung des bloßen IST-Zustandes hinausreicht, eindrucksvoll darstellt. Entstanden ist das ehrgeizige Werk auf Anregung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Es basiert auf den Ergebnissen zweier Projekte des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB): “Wiedereinsteigerinnen – Die Potenziale nicht erwerbstätiger Frauen für den Arbeitsmarkt” (2008) und “Nicht Erwerbstätigkeit von Frauen: Pfade, Probleme, Potenziale”.

Darin werden Zusammenhänge aufgedeckt und Hintergründe offengelegt, die bisher im öffentlichen Diskurs noch weitgehend ausgespart geblieben sind, es aber verdienen, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Daten, Fakten, Hintergründe. Wer auf fundierte, wenn auch ernüchternde, Informationen zurückgreifen will, kommt um dieses Buch nicht herum. Jutta Allmendinger gibt Einblicke in die Heterogenität weiblicher Lebensgestaltung: In der Regel bewegt sich die Durchschnittsfrau in Deutschland zwischen der Verantwortung für Familie und Kinder, der Pflege von Angehörigen, ehrenamtlichen Tätigkeiten und Halb- bzw. Teilzeitjobs. Von den immerhin 20 Millionen in Deutschland lebenden Frauen zwischen 25 und 59 sind 5,6 Millionen nicht erwerbstätig. Das ergibt einen Anteil von 28 %. Viele würden gern Vollzeit arbeiten, wieder in ihren alten Beruf zurückkehren oder sich neue Karrierewege erschließen. Vereitelt wird dies durch familienfeindliche Arbeitszeiten sowie fehlende (Plätze in) Kindertagesstätten mit entsprechend langen Öffnungszeiten und Ganztagsschulen. Problematisch, besonders in den von Frauen bevorzugt gewählten Sparten Dienstleistung und Pflege. Gerade dort muss man Flexibilität mitbringen, Wochenend-, Spät- und Nachtdienste hinnehmen. Doch wohin mit dem Kind?

Zahlreiche Graphiken veranschaulichen die derzeitige Situation in Deutschland im Unterschied zu der Situation von Frauen in anderen europäischen Ländern. Von besonderem Interesse ist hierbei der internationale Vergleich, was Arbeitslosenversicherungs- und Transferleistungen, Elternzeit sowie Eltern- und Kindergeld, Kinderbetreuung und die Systeme der Einkommensbesteuerung anbelangt. Woran es hapert, was getan werden muss, kann nach der Lektüre einwandfrei beantwortet werden. Denn Allmendinger geht weit über die reine Faktenerhebung hinaus und zeigt: Jetzt ist die Politik gefragt. Klare Entscheidungen. Klare Ansagen. Nicht nur, was die Einführung einer längst überfälligen Frauenquote in Politik und Wirtschaft anbelangt. Auch, was flächendeckende Kinderbetreuung, Ganztagsschulen und das Zuverdienermodell angeht.

Die im Titel gestellte Frage: “Verschenkte Potenziale?” kann nach der Lektüre des Buches eindeutig mit: “Ja!” beantwortet werden. Und unser Land kann es sich nicht leisten, auf dieses Potential zu verzichten. Darum, so das Plädoyer von Frau Allmendinger, sollten in Anlehnung an funktionierende Systeme in unseren europäischen Nachbarländern, Strukturen etabliert werden, die Deutschland aus seiner ewigen Schlusslichtposition befreien. Gleichberechtigung und Teilhabe müssen endlich mehr werden als bloße Lippenbekenntnisse.

Das Buch ließt sich flüssig und und wird immer wieder durch Erfahrungsberichte, Graphiken und Statistiken aufgelockert, so dass es auch für ein nichtwissenschaftliches Publikum leicht zugänglich ist. Wer sich mit der Erwerbstätigkeit und -losigkeit von Frauen, biographischen Verläufen und aktuellen politischen Debatten befasst, kommt um dieses grundlegende Werk nicht herum, denn Jutta Allmendinger bietet nicht nur fundierte Informationen, sondern zeigt auch konkrete Lösungsmöglichkeiten aus der Misere. Ein überaus lesenswertes, kluges und wichtiges Buch!

Jutta Allmendinger, geboren 1956, ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Bildungssoziologie, Soziologie des Arbeitsmarktes, soziale Ungleichheit und deren Auswirkungen auf die Lebensverläufe von Frauen. Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher. Zuletzt erschien von ihr “Frauen auf dem Sprung. Wie junge Frauen heute leben wollen” (2009).

(c) M. Hoevermann

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Categories: Gesellschaft, Sachbücher

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