“Vollkommen leblos, bestenfalls tot” von Antonia Baum

Unbeherrschbares Leben – Blick in die verstörende Psyche einer ganzen Generation

Entscheidend ist in “Vollkommen leblos, bestenfalls tot” nicht, was passiert. Entscheidend ist, wie die Protagonistin mit dem umgeht, was ihr widerfährt. Wie reagiert und reflektiert sie? Wie geht sie aus der Begegnung mit anderen Menschen hervor? Wie gestaltet und meistert sie ihr Leben?

Jenseits banaler Unterhaltungsliteratur und Lakonie legt Antonia Baum mit ihrem in nur drei bis vier Monaten entstandenem Werk eine scharfzüngige, zynisch-bissige Analyse der
Gegenwartsgesellschaft vor. Dabei wird die Psyche einer ganzen Generation fassbar.

Die Handlung ist schnell umrissen: Mit dem Abitur in der Tasche bricht die junge, gebildete Ich-Erzählerin in ihr eigenes Leben auf. Raus aus der beschaulichen Enge der Provinz, rein ins reichhaltige Getümmel der Großstadt. Die Welt liegt vor ihr: Unendlich viele Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten, ihr Glück zu finden, sich auszuprobieren und neu zu entdecken. Gesellschaftliche Zwänge sind beseitigt; alles scheint möglich. Das weitere Geschehen orientiert sich an den typischen Eckpunkten junger Erwachsener: Sie geht Beziehungen ein, sie beginnt ein Praktikum, sie immatrikuliert sich an der Universität.

Und sie scheitert.

“Ich brauche ein Leben, aber ich habe keins, kein Oben und kein Unten.” Die Realität wird als schrecklich, überfordernd und zerstörerisch erlebt. Verletzungen kann man sich nicht entziehen. Aber der Ich-Erzählerin fehlt das Instrumentarium, sie auszuhalten und gestärkt daraus hervorzugehen.

Der vermeintlichen äußeren Freiheit steht ein inneres Gefängnis gegenüber: Erlebtes ist und wird immer wieder eingeschrieben in Seele und Verstand, sucht nach einem Ventil und entlädt sich schließlich in einer bitteren, mitunter gewalttätigen, schmerzhaften Sprache. Wirklichkeitswund und teilnahmslos steht die junge Frau mitten im Leben – gleichzeitig aktiv und wie erstarrt. Sie hasst mit zerstörerischer Intensität. Ihre Wut macht sie schwach und nimmt ihr jegliche Luft. Sie leidet an der Selbstverantwortung für ein Leben, das sich nicht fassen, nicht einsperren, nicht kontrollieren lässt.

Sexualität und Beziehungen erweisen sich nicht als ersehnte Erfüllung romantischer, ewig währender Liebe, sondern werden als Illusion, als einseitig, begrenzt und unzuverlässig entlarvt. Vom ersten Mann fühlt sie sich ausgenutzt. Sie zahlt es ihm heim in unzensierten Gewaltphantasien, die auf die Lesenden einschlagen wie Peitschenhiebe. Vom zweiten Mann wird sie schwanger. Auf die Schwangerschaft der Anti-Heldin folgt die Abtreibung. Sie selbst bleibt wieder verletzt zurück in ihrem Gefängnis ohne Tür.

Den Leistungsanforderungen des gehobenen Bildungsbetriebs fühlt sich die Protagonistin ebenso wenig gewachsen wie der Unkontrollierbarkeit des Lebens allgemein: Sie stürzt immer tiefer in einen Strudel der Verzweiflung, verliert jegliche Bodenhaftung und ergeht sich in Gedankenschleifen, die schließlich in Suizidgedanken münden. Der Tod als einzige Lösung.

Intensive Auseinandersetzung ist bei der Lektüre nicht nur erwünscht; vielmehr handelt es sich um eine Grundvoraussetzung zum Verständnis dieses düsteren Romans. Die Fähigkeit zur eigenen Distanzierung sollte man jedoch unbedingt mitbringen. Für labile Menschen auf der Suche nach sich selbst und dem eigenen Platz im Leben ist “Vollkommen leblos, bestenfalls tot” eher ungeeignet; wer zu Depressionen, Selbstzweifeln und dem Verzweifeln an der Welt neigt, sollte dieses Buch meiden. Denn die Hoffnungslosigkeit, die die Ich-Erzählerin gekonnt in den Lesenden auslöst, während sie sie in den Abgrund reißt, muss man überwinden können. Eine wort- und bildgewaltige Abrechnung mit der Gesellschaft unserer Zeit!

Die 1984 in Borken geborene Autorin Antonia Baum studierte Geschichte und Literaturwissenschaft. Sie publizierte Kurzgeschichten in der Wochenzeitung “Der Freitag” sowie bei “Zeit Online”. Für ihren Debüt-Roman “Vollkommen leblos, bestenfalls tot” wurde die westfälische Autorin für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2011 nominiert.

(c) M. Hoevermann

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