“Warum Sie diesmal wirklich keine Weihnachtsgeschenke kaufen sollten” von Joel Waldfogel

Vom Sinn und Unsinn des gegenseitigen Schenkens

Alle Jahre wieder bricht er aus – der Geschenkewahn. Kaufwütige Menschen schieben sich durch die Kaufhäuser. In Wagen und Körben landet oft, was sich niemand wünscht. Und was auch letztendlich niemand braucht.

Wie viel Zeit, Geld und Mühe investieren Menschen tatsächlich Jahr für Jahr in Geschenke? Warum schenken wir überhaupt? Steht dahinter wirklich immer ein altruistisches Motiv?

Natürlich machen Geschenke Freude – aber nur, wenn es auch die richtigen sind. So ziemlich jeder Mensch wickelt gern ein Päckchen aus, prinzipiell. Allerdings wächst während dieses Vorgangs mit zunehmendem Alter auch ein gewisses Unbehagen. Was verbirgt sich unter dem bunten Papier? Die erwartungsvollen Augen des Schenkers beobachten jede Handbewegung. Man schält es also behutsam herunter. Vielleicht löst man die Klebestreifen sogar mit einer Schere. Bloß keine Risse verursachen, geradezu so, als wolle man auch das Papier aufbewahren.

Dabei verzögert man im Wirklichkeit nur den Moment der Wahrheit. Was, wenn es nicht den eigenen Geschmack trifft? Wenn man sich absolut nicht freut? Dann ist schauspielern angesagt. Heucheln. Lügen. Und mitunter ist dann der Satz: “Das wäre doch nicht nötig gewesen!” die ehrlichste Äußerung, die einem über die Lippen rutscht.

Trotzdem wird mehrheitlich hartnäckig an der Praxis des gegenseitigen Schenkens festgehalten.

Verlegenheitsgeschenke, die niemand braucht, werden fix und fertig verpackt in den Läden bereits angeboten – und enden in irgendwelchen Abstellkammern, Nischen oder schlimmstenfalls gleich im Recycling-System.

Wirtschaftlich gilt die Vorweihnachtszeit als umsatzstarke Zeit. Doch wie viel Profit wird eigentlich wirklich erzielt?

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Joel Waldfogel beleuchtet das Schenken und Beschenktwerden zur Weihnachtszeit nicht nur von einem pädagogischen oder psychologischen Blickwinkel aus; sein Bezugspunkt ist auch die Wirtschaft. Zahlen. Fakten. Geldbeträge.

Eine seiner Thesen: Das Verschenken von Dingen verringert ihren Wert. Genauer: Es vernichtet Werte. Denn Studien zeigen, dass die Summe, die der Schenker großzügig für ein Präsent ausgibt, deutlich über dem liegt, was der Beschenkte dafür bezahlt hätte – falls er es überhaupt gekauft hätte.

Wann immer man etwas erwirbt, für sich selbst, überlegt man: Ist es mir das Geld wert? Muss ich diesen Gegenstand besitzen? Man greift zu, wenn man mit einem klaren “Ja!” antworten kann. So kauft man den neuen Fernseher, weil das Sehvergnügen auf dem Großbildschirm die veranschlagte Summe mehr als wert ist. Oder man entscheidet sich für ein Paar Turnschuhe, weil man sich darin modisch aufgewertet oder gleich um einiges sportlicher fühlt.

Andere Menschen kennt man nicht so gut wie sich selbst. Selbst, wenn es enge Freunde oder Familienagehörige sind, besteht die Gefahr, daneben zu greifen. Bei kleinen Kindern ist das Treffen des Geschmacks noch einfach. Was dem dreijährigen Sohn ein Quietschen der Freude entlockt, weiß man. Aber was den Puls der 15-jährigen Tochter in die Höhe jagt – vor Begeisterung, nicht vor Entsetzen – ist schon deutlich schwerer zu entscheiden.

Viele Menschen verschulden sich letztendlich sogar, um Dinge zu verschenken, die 1. Empfänger erreichen, die ohnehin genug besitzen und 2. mit  hoher Wahrscheinlichkeit ihren Wert nicht in vollem Umfang schätzen werden. Nicht umsonst wird überall mit Zahlungsstopps und Ratenzahlung nach der kauffreudigen Kundschaft geangelt.

Am Ende werden Geld, Zeit, Nerven und Ressourcen verschwendet. Am vermeintlich perfekten Tag der Liebe und Gemeinsamkeit sitzt man dann in einem Meer aus Papier, Folie und Schleifen unter dem Baum. Umgeben von Gegenständen, die man sich selbst nicht gekauft hätte. Oder die einem zumindest das ausgegebene Geld nicht wert gewesen wären. Alle verbindet vor allem eins: ein erzwungenes Lächeln angesichts lieb gemeinter Geschenke, die dennoch mehrheitlich nicht ins Schwarze getroffen haben. Gut gemeint ist eben nicht automatisch auch gut gemacht.

Was also tun? Bargeld schenken. Besser, als unnötige Gegenstände zu kaufen, ist das allemal. Allerdings findet es gesellschaftliche Akzeptanz nur dann, wenn das Geschenk von älteren an jüngere Familienmitglieder gerichtet ist. Gutscheine! Auch eine gute Idee, vorausgesetzt, diese sind in Geschäften einlösbar, die der Beschenkte tatsächlich besucht. Sonst werden sie womöglich nicht eingelöst. Eine weitere Alternative wäre, dass man sich Listen mit Dingen schreibt, die man sich wirklich wünscht und auch selbst kaufen würde. Allerdings kann man genau das dann auch gleich tun: sich selbst das richtige Geschenk machen. Die Vereinbarung, sich nur Selbstgemachtes zu überreichen, klingt gut in der Theorie. Aber wie wehrt man sich in der Praxis dagegen, Oma Elses Häkeldeckchen auf den Tisch zu legen und das Wachsmalstiftgemälde von Klein-Marvin gut sichtbar an der Wand zu platzieren?

Auf Geschenke komplett zu verzichten, ist für viele Weihnachtsfans ein unschöner Gedanke. Allerdings: Warum macht macht sich jeder selbst eine Freude und man genießt es dann zusammen, Zeit für die richtigen Dinge zu haben? Oder man entscheidet sich als Familie für eine gemeinsame, größere Anschaffung, die allen Freude bereitet.

Waldfogel regt auch dazu an, Gutscheine für wohltätige Zwecke zu verschenken. Die meisten Menschen tun  gern etwas Gutes. Manchmal fehlen dafür die finanziellen Möglichkeiten. Mit einem Gutschein dieser Art könnte der Beschenkte entscheiden, welche Organisation unterstützt werden soll.

Es ist ein vieldimensionales Buch, das zum Nachdenken über den eigentlichen Sinn des Weihnachtsfestes auffordert. “Warum Sie diesmal wirklich keine Weihnachtsgeschenke kaufen sollten” beleuchtet den Konsum. In den Blick genommen werden dabei amerikanische Verhältnisse, doch die Ergebnisse von Waldfogels Überlegungen sind weitgehend auf die gesamte westliche Welt übertragbar. Das Buch zeigt die Verschuldungsbereitschaft, die Folgen des Konsums für die Wirtschaft und es präsentiert Lösungsvorschläge.

Dabei befasst sich der Autor mit dem gesamten Themenkomplex auf populärwissenschaftliche Weise: stilistisch locker und unterhaltsam, aber faktisch fundiert. Dieses Buch kann den eigenen Blick auf Weihnachten verändern, wenn man es zulässt! 

(c) M. Hoevermann

 

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Categories: Humor, Sachbücher

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