»Wir können nicht alle wie Berta sein«: Erinnerungen von Eva Mattes

“Nobody is Perfect” – Lebenserinnerungen einer wunderbaren Schauspielerin

Eva Mattes zu sehen oder zu hören, ist stets ein ganz besonderes Vergnügen. Sie hat nicht nur eine wunderbare Stimme; sie hat auch einen herrlichen Sinn für Humor und Selbstironie. Dass sie auch mitreißend und unterhaltsam schreiben kann, zeigt sie in ihrer Biographie “Wir können nicht alle wie Berta sein”. Es ist ein farbenprächtiger, lebendiger Erstling. Ein Blick in die Erinnerungen einer großen deutschen Schauspielerin und damit eine spannende Zeitreise in die deutsche Theater- und Fernsehgeschichte. Natürlich hat sie mit vielen Berühmtheiten vor und hinter der Kamera zusammengearbeitet, dennoch arten ihre Erzählungen nie in banales Namedropping aus. Werden bekannte Zeitgenossen erwähnt, sind sie verknüpft mit persönlichen Erinnerungen, individuellen Geschehnissen oder Entwicklungen.

An dem Cover kommt man im Buchladen kaum vorbei: Sympathisch, offen, einladend. Eva Mattes hat etwas ungemein Anziehendes. Der ungewöhnliche Buchtitel allein bringt ins Grübeln. “Berta? Wer ist denn Berta?”, fragt man sich und stutzt. Zumindest für einen kurzen Moment. Es handelt sich dabei um ein Zitat aus “Die Wildente”, einem gesellschaftskritischen Drama des norwegischen Dichters Hendrik Ibsen, gleichzeitig Eva Mattes’ erste Inszenierung mit Peter Zadek. Berta kommt als Charakter innerhalb des Stückes nicht einmal vor. Aber sie gilt als Idealbild der perfekten Frau. Irgendwann wehrt sich dann die zentrale weibliche Figur in “Die Wildente” gegen den ständigen Druck, es dieser idealisierten Gestalt gleichtun zu müssen, mit den Worten: “Wir können nicht alle wie Berta sein!” Richtig. Nobody is perfect”. Ein wunderbarer Satz! Und von hoher biographischer Relevanz. Im Alltag kommt er immer dann zum Einsatz, wenn Eva Mattes das Gefühl hat, Erwartungen nicht gerecht werden zu können.

Klappt man die Autobiographie auf und liest die ersten Zeilen, erliegt man augenblicklich der gekonnten, selbstironischen Darstellung:

“Mein Vater fand mich hässlich, als ich auf die Welt kam. Ich war ganz gelb und hatte an jedem Auge nur drei Wimpern. Die Hebamme, die unter Depressionen litt, hängte sich nach meiner Geburt auf.”

Der Stil macht das Lesen erträglich, leicht, ja amüsant, obwohl ihr Lebenseinstieg alles andere als einfach ist: Ihrer 42-jährigen Mutter, einer Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin, wird aus Altersgründen zur Abtreibung geraten, aber sie will das Kind. Unbedingt. Als Eva zwei Jahre alt ist, kommt es zur Scheidung der Eltern. Sie wächst zusammen mit ihrer älteren Schwester bei der Mutter auf. Als die diese zu Besuch beim Vater ist, sehnt sie sich als Dreijährige nach ihr und begibt sich allein auf die Suche… Später wird sie von ihrem Vater – einem Künstler ohne Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse seiner Kinder – entführt. Wohl und geborgen fühlt sich Eva Mattes schon als Kind vor allem in der Gesellschaft anderer Schauspieler. Der Grundstein für ihre Karriere wird schon sehr früh gelegt. Die bedingungslose Liebe zur Schauspielerei, aber auch Disziplin und Ehrgeiz begleiteten Eva Mattes lebenslang.

Den meisten wird sie als “Tatort”-Kommissarin Klara Blum ein Begriff sein. Seit 2002 kann man sie regelmäßig bei Ermittlungsarbeiten begleiten. Dabei sind Schussgeräusche, ja, alles, was knallt, für sie unerträglich. Sektkorken, platzende Luftballons, inszenierte oder angedeutete Explosionen – alles absolute No-Goes. Verzichten lässt sich auf derartige Elemente natürlich gerade in einer Krimi-Serie nicht. Da muss es auch mal Knallen! Entsprechende Action-Szenen also ganz normal gedreht, aber erst später vertont.

Diese und ähnlich unterhaltsame Anekdoten bereichern das Buch. Aber Eva Mattes plaudert ebenso von ihren Anfängen als Synchronsprecherin des kleinen Timmy in der beliebten Fernsehserie “Lassie”, dem sie als 13-Jährige ihre Stimme lieh. Das mag im ersten Moment überraschen. Doch Jungen vor der Pubertät werden häufiger von Mädchen synchronisiert. Später sprach sie “Pipi Langstrumpf” und arbeitete mit großen Namen wie Senta Berger, Ute Lemper, Peter Zadek, Klaus Kinski und natürlich Rainer Fassbinder zusammen. Letzteren lernte sie persönlich in einer Schwulendisko kennen, als sie – mit gerade einmal 16 Jahren – mit ihrer Mutter das Nachtleben unsicher machte.

Mit vielen Rollen schrieb sie Fernseh- und Theaterskandal-Geschichte: Der Vietnamfilm “O.K.” (1970) empörte mit seiner kritischen Haltung die amerikanische Öffentlichkeit. Darin spielt sie mit gerade 15 ein Mädchen, das von Soldaten vergewaltigt und schließlich umgebracht wird. Ihr Auftritt als 14-jähriges, fast blindes Bauernmädchen Beppi, das von einem etwa 60-jährigen Knecht geschwängert wird, erhitzte in Franz Xaver Kroetz sozialkritischem Stück “Stallerhof” (1972) hierzulande die Gemüter. Vor allem wegen der langen Sequenz, in der sie nackt zu sehen ist. Auch Rainer Werner Fassbinders “Wildwechsel” (1972) und Peter Zadeks Inszenierung von “Othello” (1976) riefen wegen Eva Mattes’ Nacktszenen Entrüstung hervor. Es ist ein mehr als bewegtes und bewegendes Bühnenleben, das sich hier entfaltet.

Doch natürlich berichtet Eva Mattes ebenso von persönlichen Momenten jenseits der Bretter, die die Welt bedeuten. Es geht um typische Alltagssituationen mit anstrengenden Kindern, um Renovierungsarbeiten, um Depressionen und Essstörungen. Sie verrät ihre Tendenz, sich in die Regisseure zu verlieben und gibt Einblicke in ihr bisher wenig öffentlich gemachtes Innenleben.

Es ist ein wunderbares, warmherziges und unterhaltsames Buch. Vier Jahre hat Eva Mattes daran gearbeitet. Jedes Jahr allerdings nur vier bis fünf Wochen. Mehr Zeit blieb der viel beschäftigten Künstlerin für ihre neu entdeckten schriftstellerischen Ambitionen nicht. Vorher hatte sie noch nie etwas Literarisches verfasst, nicht einmal Tagebuch geschrieben. Umso erstaunlicher und beeindruckender, wie sie es schafft, ihren ganz eigenen Ton zu finden, eine eigene Stimme, die einfach mitreißt. Hoffentlich bleibt “Wir können nicht alle wie Berta sein” kein einmaliger Ausflug in die Welt des geschriebenen Wortes für sie.

(c) M. Hoevermann

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Categories: Biographien

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