“Ynglinge – Schwule Kurzfilme aus Skandinavien”, DVD (OmU)

Skandinavische Perlen

Kurzfilme haben es schwer: In ihrer knappen Laufzeit müssen eine glaubhafte Handlung angelegt, die Personen eingeführt und charakterisiert werden. Eine Aussage sollen sie natürlich auch noch haben. Ähnlich wie bei Kurzgeschichten enden sie bereits wieder, wenn man gerade dabei ist, ein Gefühl für Personen und Setting zu entwickeln. Oft will man länger dabei bleiben, noch nicht aussteigen. Schließlich gibt es noch ungeklärte Fragen. Aber genau darin liegt die Stärke dieser kurzen Erzählungen: Sie funktionieren mit offenem oder halb-offenem Ende. Und sie lassen nicht los. Sie verfolgen uns und beschäftigen unsere Gedanken weit über das Ansehen hinaus. Wenn sie gut sind. Und das sind zumindest drei der vier Kurzfilme dieser Edition!

Die vier skandinavischen Filme liegen im Originalton vor. Wahlweise lassen sich deutsche Untertitel einblenden. Sprachlich allein ist es ein Genuss, die Darsteller zu hören!

Der dänische Film “Erwachen” (2008) beginnt relativ ruhig und gemächlich: Nach einer Kostümparty begleitet Carsten seine Freundin Melissa nach Hause. Beide sind deutlich angetrunken, albern herum, lachen und können scheinbar kaum die Finger voneinander lassen. Aber die Eltern, die den Jungen bis dahin nicht einmal kannten, nehmen es gelassen. Ein Problem haben sie allenfalls mit der Lautstärke der Musik, nicht aber damit, dass die beiden Jugendlichen miteinander schlafen. Carsten ist von da an oft bei Melissa zu Hause. Einen Monat sind sie zusammen. Jubiläum. Das will er feiern. Mit Melissas Vater versteht er sich gut, zu gut. Er kann den Blick kaum von ihm abwenden. Ohne jede Vorwarnung geschieht, womit er nicht gerechnet hätte: Er “erwacht”. Als sie zusammen einen echten Männerausflug machen, kann Carsten nicht anders: Er wagt es, er küsst Stig… und der küsst zurück.

Mutig zieht Carsten die Konsequenzen. Als er geht, geschieht es ohne Bitterkeit. (3/5 Sternen)

Gelungen ist der Kontrast zwischen den beiden männlichen Hauptdarstellern. Carsten ist jung, offen; in seinem Gesicht sind Gefühle deutlich lesbar. Stig ist verschlossen, vorsichtig, hält sich bedeckt. Ein schöner Film mit einem Hauptdarsteller, der Alan Rickman nicht unähnlich sieht…

“Mein Name ist Love” (2008) beginnt mit einer sehr emotionalen Szene: Ein sichtlich verstörter junger Mann rennt weinend durch das nächtliche Göteburg, kurz darauf übergibt er sich auf offener Straße. Dann springt die Handlung zeitlich zurück: Ausgelassen feiern Studenten in einer Bar. Love will endlich gehen, doch seine Freundin will noch tanzen, kann sich noch nicht lösen. Irgendwann verliert er die Geduld und zieht alleine los. In der Stadt begegnet ihm ein junger Mann: blond, sportlich, Ende 20, ein absoluter Traum. Sebastian nimmt ihn mit nach Hause. Sie trinken Bier, reden verkrampft. Love versucht so etwas wie eine Verbindung herzustellen, redet von seinem Leben als Student, von der WG mit seinen Freunden. Sebastian ist 28 und nicht an Small Talk interessiert. Er weiß genau, was er will…

Man weiß, was geschehen wird. Man weiß auch, wie die Begegnung zwischen den beiden Männern ausgehen wird. Trotzdem verfolgt man das Geschehen mit fast atemloser Anspannung. Hervorragend gespielt, sehr mitreißend umgesetzt. Am Ende schließt sich der Kreis: Love rennt durch die fast menschenleeren Straßen, aufgewühlt, wirklichkeitswund. Er steht vor einer Entscheidung. Wie diese ausfällt, das bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. (5/5 Sternen)

“Mama weiß es am besten” (2009): Diese Mama ist ein Hammer! Sie liebt ihren Sohn über alles. Und sie kocht gern, mit Vorliebe isländische Spezialitäten wie Blutwurst mit Zucker. An sich verläuft ihr Leben recht eintönig: ein bisschen Haushalt, einkaufen, Essen zubereiten, sich um den Sohn kümmern… Den Alltag versüßt sie es sich, indem sie ihren Kuchen unter einem Berg Sprühsahne versteckt, während sie es sich vor dem Fernseher gemütlich macht. Ansonsten hat sie sich darauf spezialisiert, die Freundinnen ihres Sohnes wirkungsvoll zu vergraulen. Schließlich hat sie nicht vor, ihn an einen dieser hässlichen Hohlköpfe zu verlieren. Ideal wäre sowieso, wenn er schwul wäre. Denn davon profitieren letztendlich alle, wie eine Doku über die Indianer in Südamerika ganz eindeutig zeigt…

Alles in allem eine Komödie mit hohem Spaßfaktor, die nur so vor Klischees strotzt! Der typisch isländische Humor ist herrlich, auch wenn Gudni Geir es wirklich nicht leicht hat… (4/5 Sternen)

“Ynglinge” (2006), der dänische Kurzfilm dieser Edition ihren Titel gab, ist der mit Abstand qualitativ schwächste Beitrag: Rasmus ist ein typischer Halbstarker, schwul und hängt meist mit Freunden ab. Jedenfalls, wenn er sich nicht gerade Gewaltvideos reinzieht. Er ist zwar mit einem Mädchen zusammen, die aber verweigert den Analverkehr. Als er einen Cruising-Ort entdeckt, den normale Männer mittleren Alters aufsuchen, nimmt er seine Freunde mit. Sie picken sich einen heraus, einen Familienvater. Rasmus filmt ihn mit dem Handy und versucht, seinen Freund zu überreden, ihn damit zu erpressen. Aber der Freund will nicht (das ist einer der besten Momente des Films!). Als das Mädchen sich genervt bereiterklärt, nimmt Rasmus die Sache dann doch lieber selbst in die Hand. Er will Geld. Oder wenigstens Alkohol. Sonst käme auch noch teure Technik in Frage. Allerdings muss er feststellen, dass ein Überfall gar nicht so einfach ist. Und am Ende bekommt er dann doch etwas ganz anderes…

Weder optisch noch schauspielerisch überzeugen hier die Darsteller. Dazu kommt, dass mich die Themen gelangweilte Jugendliche, Gewalt-Videos, Vagina-Frisuren etc. nicht ansprechen. Der Soundtrack ist zwar vollkommen passend, kopfschmerzempfindlich sollte man allerdings bei dem dissonanten Lärm nicht sein. Der Film zog sich wie Kaugummi, wurde erst bei der Begegnung zwischen Möchtegern-Erpresser und Opfer interessant und sogar kurz humorvoll. Aber zwei gute Szenen machen Anfang und Mitte nicht wett. (2/5 Sternen)

Die Sammlung wendet sich inhaltlich vor allem an ein junges Publikum. Die einzelnen Filme beschäftigen sich mit der Entdeckung der eigenen sexuellen Identität und ersten Erfahrungen mit dem gleichen Geschlecht, mal zärtlich, mal flüchtig, mal gewalttätig. Heterosexuelle Erfahrungen und Versteckspiel sind dabei typische Stationen auf dem Weg zum Coming-Out; ältere offen schwul lebende Männer kommen bei der sonst zur Schau gestellten Liberalität leider nicht vor. Ist die jüngere Generation weiter? Teilweise… Aber die Filme erzählen auch von der Schwierigkeit, Anschluss zu finden, sich zu begegnen und der Last des Doppellebens.

Es ist gut, dass der lockere “Mama weiß es am besten” dabei ist. Er nimmt den anderen Beiträgen etwas von ihrer Schwere. Sehenswert – auch mehrfach – sind die drei ersten Filme auf jeden Fall!

(c) M. Hoevermann

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Categories: DVDs - Filme und Serien, DVDs -Filme, GLBT

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