“Liebesgedichte” (Hrsg. Ulla Hahn) von Emily Dickinson (Rezension)

Wirken in der Stille: Zeitlose Liebeslyrik einer großen Literatin

liebesgedichte-072050326“Wenn ich ein Buch lese und mir wird davon am ganzen Körper so kalt, dass kein Feuer mich wärmen kann, weiß ich: Das ist Poesie.” So beschwor die Dichterin Emily Dickinson selbst die Magie und Macht der niedergeschriebenen Worte. Ganz genauso lesen sich ihre Zeilen.

Dieser bezaubernde kleine Band präsentiert eine Auswahl der schönsten Liebesgedichte der bedeutenden amerikanischen Dichterin. Gerade die Liebeslyrik nimmt in ihrem immerhin 1775 Gedichte umfassenden Gesamtwerk eine besondere Stellung ein. Auswahl, Übersetzung und Nachwort stammen von Mirko Bonné. Dabei sind die ausgewählten Gedichte sowohl in ihrer englischen Fassung als auch in sensibel übersetzter deutscher Version auf je einer Doppelseite gegenüber gestellt. Das erlaubt einen direkten Vergleich zwischen dem Original und überaus gelungenen Übersetzung. Der Originaltext folgt der von Thomas H. Johnson herausgegebenen Gesamtausgabe “The Complete Poems of Emily Dickinson” (1976).

Die Lyrik der Amerikanerin Emily Dickinson (1830-1886) ist von bewegender Zeitlosigkeit, Eleganz und Schönheit. Fast scheint es, als habe sie ihre Gedichte im Hinblick auf die heutige Zeit verfasst. Wer in diesem Gedichtband liest, kann sich dem Zauber ihrer Worte nicht entziehen. Dennoch ist sie nach wie vor im deutschen Sprachraum wenig bekannt, gilt als Geheimtipp.

In seinem Nachwort zeichnet Mirko Bonné ein feinfühliges Portrait der menschenscheuen Schriftstellerin, die sich am liebsten im beschaulichen Städtchen Amherst in Massachusetts aufhielt, wo sie im Alter von nur 55 Jahren an Nierenversagen starb. Mehr und mehr zog sie sich im Lauf der Jahre vor der Welt zurück, erst in das väterliche Haus, dann vollends auf ihr eigenes Zimmer.

Dennoch pflegte sie einen intensiven, regen schriftlichen Gedankenaustausch mit den Menschen, die ihr am Herzen lagen. Rund 1000 dieser Briefe sind erhalten geblieben. Trotz der beachtlichen Menge dürfte es nur ein Bruchteil dessen sein, was Emily Dickinson über die Jahre hinweg zu Papier gebracht hat. Sie war eine kluge, belesene Frau voller Weisheit. Doch laut singen, das wollte sie nicht, wie die erfolgreiche Autorin Helen Hunt Jackson einst bedauerte.

Um Ruhm und Ehre ging es der feinfühligen Literatin nicht. “Ich bin Niemand!”, schreibt sie. Und:

“Wie trist – Jemand – zu sein
So öffentlich – ganz wie ein Frosch -
Den Junilebtag – seinen Namen leiert -
Damit ein Sumpf ihn feiert!”

Wohltuende Worte, gerade in der heutigen Zeit.

Ihrer Poesie haftet etwas Offenes, zugleich Rätselhaftes an. Wem ihre Liebesbekundungen gelten, ob sie sich überhaupt konkret an eine oder auch mehrere Personen richten, bleibt unklar. “Die Liebe ist das Kaspische Meer – eine erträumte See, die umso weiter wird, je mehr man sich vergegenwärtigt, dass Emily Dickson ein Meer nie gesehen hat” (S. 110), schreibt Bonné in seinem Nachwort.

Doch trotz ihres weltverlassenen Schaffens in häuslicher Enge und Abgeschiedenheit zeichnet sich ihr Werk durch eine verblüffende Weite aus. Heute zählt Emily Dickson wie auch Walt Whitmans oder Charles Baudelaire zu den Wegbereitern der modernen Poesie.

Ein wunderbares, fest gebundenes kleines Buch, das auch aufgrund seiner hochwertigen Präsentation mit Prägung, rotem Vorsatzpapier und passendem Lesebändchen für schöne und nachdenkliche Momente sorgt.
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Englisch/Deutsch 
Neuübersetzung
Hrsg.: Hahn, Ulla.
Aus., Übers. und Nachw.: Bonné, Mirko
Geb. mit Prägung, rotes Vorsatzpapier, rotes Lesebändchen
Format: 9,6 x 15,2 cm.
112 S.
ISBN: 978-3-15-010747-8

Verlag
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Categories: Literatur, Lyrik

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