“Die Akte Vaterland: Gereon Raths vierter Fall” von Volker Kutscher (Rezension)

Die Beerdigung der preußischen Demokratie”- Gut recherchierter Kriminalroman in historischem Setting

9783462044669_10Historische verortete, gut recherchierte Kriminalromane haben einen ganz eigenen Reiz, vor allem, wenn sie die Haupthandlung glaubhaft und geschickt mit gesellschaftspolitisch relevanten Ereignissen verknüpfen. In “Die Akte Vaterland”, dem mittlerweile vierten Fall von Gereon Rath, erweckt Autor Volker Kutscher den Zeitgeist der 1930er Jahre kenntnisreich zum Leben.

Er schickt den Kommissar von Berlin nach Masuren und lässt die Leser so die letzten Jahre der Weimarer Republik und den Aufstieg der Nationalsozialisten bedrückend anschaulich miterleben. Durch typische zeitgenössische Einsprengsel aus dem Alltagsleben, wie etwas das Brühen des Kaffees oder das Bedienen der Ampelanlagen von Hand, wird das Lesen vollends zur Zeitreise. Damit hebt sich dieser Kriminalroman wohltuend von Publikationen ab, die vor allem auf Schockeffekte setzen. Auf das eher ruhige Tempo muss man sich allerdings einstellen können.

Als in Berlin in einem stadtbekannten Amüsierparadies namens “Haus Vaterland” die Leiche eines Spirituosenlieferanten im Fahrstuhl entdeckt wird, ist es vor allem die Art der Todesursache, die Rätsel aufgibt: Der Mann ist ertrunken. Später stellt sich allerdings heraus, dass ihm ein Lähmungsgift verabreicht worden ist. Es kommt zu weiteren, sehr ähnlichen Todesfällen. Ein Serientäter? Bald stellt sich heraus, dass es gewisse Gemeinsamkeit zwischen den Ermordeten gibt.

Gereon Rath bricht schließlich nach Treuburg in Masuren (Ostpreußen) auf, wo alle Fäden in einer Brennerei zusammenlaufen. Damals ist Ostpreußen von polnischem Gebiet umgeben und die Feindseligkeiten zwischen beiden Nationen sind allgegenwärtig. Das macht die Ermittlungsarbeit nicht einfacher. Misstrauen begleitet jeden Schritt.

Auch das Privatleben des Kommissars gestaltet sich alles andere als unkompliziert: Seine Lebensgefährtin Charlotte Ritter ist von ihrem Studienjahr in Paris zurückgekehrt und hat den Dienst als Kommissaranwärterin am Alex aufgenommen. Seine anfängliche Freude weicht allerdings der Ernüchterung, als sie auf seinen Heiratsantrag bei weitem nicht so enthusiastisch reagiert wie erhofft. Doch für sie steht die Karriere an erster Stelle. Sie hat hart gearbeitet, um so weit zu kommen, und das will sie nicht aufgeben.

Der Roman verbindet geschickt die eigentliche Krimihandlung mit einem Stück deutscher Zeitgeschichte und dem Privatleben Gereon Raths. Man verschwindet vorübergehend in einer längst vergangenen Zeit und erlebt einen sympathischen Ermittler mit Unzulänglichkeiten und Schwächen. Während Rath in Masuren unterwegs ist, arbeitet Ritter verdeckt in der Küche des “Haus Vaterland”, wo sie zeigt, aus welchem Holz sie wirklich geschnitzt ist. Hautnah erlebt sie mit, wie Berlin zum Dreh- und Angelpunkt des Weltgeschehens wird, als es im Juli 1932 zum Putsch kommt.

Kutscher begann die erfolgreiche Serie um den Berliner Kommissar bereits 2007 mit “Der nasse Fisch”, der 1929 angesiedelt ist. In den Folgebänden begleitet man nicht nur Gereon Rath beim Lösen knifflig-mysteriöser Fälle, sondern auch die historischen Ereignisse kontinuierlich mit. Der zweite Fall mit dem Titel “Der stumme Tod” spielt 1931, “Goldstein” im Jahr darauf. Liest man die Abenteuer der Reihe nach, entsteht ein lebendiges, authentisch wirkendes Gesamtszenario: Alles scheint zu leben und sich weiterzuentwickeln. Es wirkt wie der Blick des Lesers in den tatsächlichen Alltag eines Ermittlers jener Zeit.

“Die Akte Vaterland” ist durchaus komplex angelegt; allerdings sind die Zusammenhänge des Falls dennoch nicht schwer zu entschlüsseln. Das Buch lebt vor allem von seinen dichten, atmosphärischen Schilderungen, von den intensiven Einblicken in Politik und Zeitgeist und nicht zuletzt von der gelungenen Charakterisierung der Hauptfiguren. Kutscher versteht es, die Lesenden für seine Protagonisten und auch die Nebenfiguren einzunehmen und emotional so zu binden, dass sie auch an privaten Sorgen und Nöten Anteil nehmen.

Wer anspruchsvolle Kriminalromane mit sorgfältig ausgearbeitetem historischem Setting mag, liegt mit Volker Kutscher richtig.

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Gereon Raths vierter Fall
ISBN: 978-3-462-30625-5

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Categories: Krimis und Thriller

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