“Wovon wir träumten” von Julie Otsuka

Dem Vergessen entrissen

otsuka_webEs ist nicht der Lebensweg einer einzelnen Frau, den Julie Otsuka in ihrem zweiten Roman beleuchtet; es ist das Schicksal unzähliger. Im Gepäck stecken vage Träume von einem anderen, einem besseren Leben, als die jungen Japanerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Heimat mit dem Schiff Richtung Amerika verlassen. In ihren zitternden Fingern Fotografien von gut aussehenden Männern, allesamt heiratswillige Kandidaten, die in der Ferne auf sie warten.

Wie genau sich ihr weiteres Leben gestalten wird, ahnen sie nicht. Sie sind traditionell erzogen, gehorsam, können Blumen stilvoll herrichten und Tee zubereiten. Sie stammen aus unterschiedlichen Regionen, Schichten und Familien. Was sie verbindet, sind bange Fragen, die sie während der Überfahrt begleiten. “Auf dem Schiff krochen wir abends zueinander in die Kojen (…), um den unbekannten Kontinent zu besprechen, der vor uns lag. Angeblich aßen die Menschen dort nichts als Fleisch, und sie waren überall behaart (wir waren überwiegend Buddhistinnen und aßen kein Fleisch, und Haare hatten wir nur an den richtigen Stellen)”.

Bei aller Tragik besticht die Erzählung durch einen leisen Sinn für Humor und die ruhige, angenehm kitschfreie Schilderung der Ereignisse. Es ist nicht das Einzelschicksal, das beim Lesen an die Seiten fesselt. Es sind die kombinierten Erfahrungen einer ganzen Generation, die mal einzeln auffächern und Blicke in individuelles Leben ermöglichen, mal einen Überblick geben über das, was sie alle verbindet. Stilistisch muss man sich auf Anaphern einstellen, auf parallele Satzmuster, auf Wiederholungen. All das ist gewollt. All das veranschaulicht die kollektive Erfahrung.

Ob es stimme, dass man in Amerika nicht hinter vorgehaltener Hand lächeln müsse, hatten sie auf dem Schiff einen weltmännischen Landsmann gefragt. Er hatte es bejaht, wenn auch mit einem gewissen Bedauern. Da wussten die jungen Frauen nicht, dass sie selten in die Verlegenheit kommen würden, ein Lächeln womöglich verbergen zu müssen.

Als sie in Kalifornien eintreffen, verdrängt Ernüchterung jede Fantasie.

Etwa 40 000 Japaner waren in jenen Jahren in der amerikanischen Landwirtschaft, rund 10 000 beim Bau der transkontinentalen Eisenbahn beschäftigt. Wer in Städten lebte, betrieb Wäschereien, Obst- und Blumengeschäfte oder Restaurants und Hotels. An der See fanden sich japanische Fischer. Allerdings sahen die Amerikaner in ihnen nicht etwa eine wertvolle Stütze von Gesellschaft und Wirtschaft. Im Gegenteil: Sie stellen vor allem eine unliebsame Konkurrenz dar. Und das lässt man sie deutlich spüren.

Die Männer ähneln den Bildern der Heiratsvermittler oft nicht einmal. Statt Respekt und einem besseren Leben warten Erniedrigung, Vergewaltigungen und harte Arbeit auf die Frauen, in einem Land, zu dem sie den Zugang erst finden müssen.

Die amerikanische Autorin Julie Otsuka, die in Kalifornien zur Welt kam und heute in New York City lebt, hat selbst japanische Wurzeln. Ihrem Roman sind umfangreiche Recherchen vorangegangen. Sie spürte den Lebenserinnerungen von japanischen Einwanderern in historischen Quellen nach. Das führt zu diesem Eindruck von Unmittelbarkeit und Dichte.

Vorurteile, Misstrauen und Anlehnung prägen den Alltag der asiatischen Einwanderer. Vollends eskaliert die Fremdenfeindlichkeit mit dem zweiten Weltkrieg: Nach dem Angriff auf Pearl Harbour stehen japanische Familien als Landesverräter praktisch unter Generalverdacht, werden enteignet und in Lager deportiert. Nur wenige können fliehen…

“Wovon wir träumten” schaffte es 2011 unter die Finalisten für den begehrten National Book Award. 2012 wurde der Roman mit dem PEN/Faulkner Award geehrt. Wenn man das schmale Buch zuschlägt, fühlt man sich nachdenklich, erschüttert und bereichert durch diese geballten Einwanderungserfahrungen, die oft einfach vergessen werden.

“Wir wissen (…), dass die Japaner irgendwo da draußen sind, an dem einen oder anderen Ort, und dass wir ihnen in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr begegnen werden”, berichtet im letzten Kapitel ein ganz anderes erzählendes “Wir”. Es ist nicht das Kollektiv der Japanerinnen, das hier spricht und aus dem Roman entlässt. Es ist die nicht-asiatische Mehrheit der Amerikaner. Vielstimmig ist auch das, was zwischen dem Gesagten mitschwingt: Gefühle zwischen Schuld, Verharmlosung und Verleugnung.

Vergessen werden die stillen, würdevollen japanischen Frauen aber nicht. Jedenfalls nicht, wenn man Julie Otsukas berührendes Buch gelesen hat.

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Julie Otsuka
Wovon wir träumten
Roman
OT: The Buddha in the Attic
Aus dem Amerikanischen von Katja Scholtz
160 Seiten,
gebunden mit Schultzumschlag und Lesebändchen

Verlag
Amazon

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Categories: Literatur

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