“Nullzeit” von Juli Zeh

Abgetaucht

Zeh_NullzeitNichts sehen, nichts hören, nicht länger durch das Hamsterrad rennen. Am besten die Politik und die arroganten Akademiker ganz ausblenden. Der 40-jährige Jurist Sven Fiedler hat seit Jahren genug von Deutschland, von Vordergründigkeit und Scheinheiligkeit und will eigentlich nur eins: Abtauchen und nichts erleben als das weite Meer.

“Mit hundert Prozent Sonne und null Prozent echtem Leben” betreibt der Aussteiger als Tauchlehrer auf einer beschaulichen Insel im Atlantik eine kleine Pension. Verantwortung übernehmen? Das will er nur noch für sich selbst, aber ganz bestimmt nicht mehr für das Leben anderer. An seiner Seite Antje, die Deutschland ihm zuliebe verlassen hat. Liebe fühlt er für sie nicht.

Seine neuen Kunden bringen Unruhe: Die Soap-Darstellerin Jolanthe Augusta Sophie von der Pahlen ist jung, schön, vermögend und voller ehrgeiziger Zukunftspläne. Anders ihr 12 Jahre älterer Partner Theodor Hast: Den Schriftsteller lähmt eine Schreibblockade, sodass er sich mehr oder minder finanziell von ihr aushalten lässt. Beiden geht es um die gemeinsame Beziehung. Zudem will Jola ihre Karriere vorantreiben: Sie will eine Tauchpionierin in einem seriösen, autobiographischen Film verkörpern. Grundvoraussetzung dafür ist, dass sie Tauchen lernt.

Fast wirkt das kleine Ensemble aus Juli Zehs neuem Roman wie aus Formaten des Privatfernsehens importiert: Aussteiger Sven sagt “Good-bye, Germany”. Schauspielerin Jola ist selbstverständlich bildschön und spielt in minderwertigen Fernsehformaten. Dazu ist sie mit Theo in eine unkonventionelle, von Machtspielen und Quälereien geprägte Beziehung verstrickt. Antje ist die frustrierte Frau mit an sich bescheidenen Träumen von Eheglück und Mutterschaft.

Bemerkenswert ist die Doppelbödigkeit, die sich aufgrund der cleveren Erzählweise auftut und den Leser in Auseinandersetzungen verwickelt: Als Ich-Erzähler berichtet und kommentiert Sven die Geschehnisse. Parallel dazu führt Jola ein privates Tagebuch. Selten decken sich die Schilderungen. Meistens finden sich überraschende Abweichungen. Immer wieder erfährt man so auch intime Details zu ihrem (Sexual)Leben mit Theo, das zwischen gegenseitiger Abhängigkeit, Hass, Selbsthass und Gewalt pendelt. Was ist Realität, was die verfälschte Darstellung der Geschehnisse? Wer ist Opfer, wer Täter in diesem schwer durchschaubaren Geflecht?

Die 1974 in Bonn geborene Juristin und Autorin Juli Zeh äußert sich zum einen zu aktuellen politischen Diskursen, spiegelt gesellschaftliche Tendenzen wie Politikverdrossenheit und Weltfrust und übt Kritik an den Verhältnissen. Zum anderen entwickelt sich “Nullzeit” über die verzwickte Beziehungsgeschichte zwischen Sven, Jola und Theo zu einem durchaus spannenden Thriller. Sven, der sich menschlichen Machtspielen eigentlich komplett entziehen will, rutscht unweigerlich in eine Situation, die eine Entscheidung erzwingt. In der Lebensmitte muss er sich noch einmal komplett neu verorten, seinen Platz wieder finden.

Leider bleiben sowohl Antje als auch Theo insgesamt eher blasse Figuren. Sympathie entwickelt sich mit den kühl agierenden Protagonisten auch nur eingeschränkt. Hier sind es Stil und Erzählweise, die an die Zeilen fesseln und gut unterhalten, dennoch bleibt die große Überraschung am Ende aus.

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Roman
256 Seiten. Gebunden.
ISBN: 978-3-89561-436-1

Verlag
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Categories: Literatur

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