Straßenfeger 41 – Stahlnetz / Folge 01-10 [4 DVDs], Rezension

“Wenn das lief, hast du keinen Menschen auf der Straße gesehen…”

ZEITREISE

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“Taaaaa-Ta-Dam-Tam”, Paukenschläge. Wer die ungemein einprägsame Musik des ungarisch-amerikanischen Komponisten  Miklós Rózsa (1907-1985) einmal gehört hat, vergisst sie nie wieder. Dieser Aufmerksamkeitserreger ist und bleibt absolutes Markenzeichen der “Stahlnetz”-Reihe – und er bleibt im Ohr. Jahrzehntelang.

Endlich gibt es diese berühmte deutsche Krimiserie auch auf DVD. Die vier Silberscheiben mit den Folgen 1-10, die von 1958-1960 erstmals im NDR liefen, befinden sich zusammen mit einem Booklet in zwei Digipacks in einem Pappschuber. Die verwendeten Fotos sind scharf und kontrastreich; und in den Texten liest man sich unweigerlich fest.

Einleitend wird innerhalb der Episoden ein tatsächlicher Kriminalfall aus Polizeiakten nachgestellt, dann folgt die vertraute Text-Einblendung: “Dieser Fall ist wahr. Er wurde aufgezeichnet nach Unterlagen der Kriminalpolizei. Nur Namen von Personen, Plätzen und die Daten wurden geändert, um Unschuldige und Zeugen zu schützen.”

Das allein erzeugt Spannung und signalisiert: Hier kann man der Polizei bei echten Fällen über die Schulter schauen. Das geschieht in der Regel ruhig mit sparsam dosierter Mimik, wenig Schnitten oder gar schnellen Szenenwechseln, aber stets mit der beeindruckenden Darstellung von Gründlichkeit und hoher Realitätsnähe.

Für heutige Zuschauer wird das Eintauchen in diese Serie zu einer fesselnden Zeitreise in die Geschichte des Fernsehens. Aber es ist auch der Blick zurück in das ganz normale Alltagsleben zwischen 1958 und 1960, der fasziniert. Fast könnte man aufgrund der Detailgenauigkeit von Milieustudien sprechen. Die Ausstattung sieht nicht nur verblüffend authentisch und real aus; sie ist es auch: Schon der Einblick in die Ermittlungsarbeit der Polizei, bevor die Computer Einzug gehalten haben, ist das Anschauen wert und fast  spannender als die Fälle selbst. Da gibt es noch meterlange Aktenschränke, Telefone mit Drehscheiben und mühsame, mitunter zähe Ermittlungsarbeit. Nicht immer existieren Fotos der Verdächtigen, und die Fakten zusammenzutragen, braucht entsprechend Zeit.

Nicht minder spannend ist der Blick auf Geräte wie Fernseher, Radios, Tonbänder, Kameras oder Autos. Beim Anblick der Einrichtung von Privatwohnungen, in denen ermittelt wird, den  Beschilderungen und Auslagen der gezeigten Geschäfte verfallen ältere Familienangehörige in Begeisterung: “Das kenne ich auch noch!” oder “So sah es auch bei uns damals aus!”

Das ist einfach toll, verbindend und stößt verschüttet geglaubte Erinnerungen an. Jüngeren Zuschauern macht “Stahlnetz” bewusst, wie stark moderne Medien und der technische Fortschritt unser Leben in dieser vergleichsweise kurzen Zeit verändert haben. Aber auch rechtlich hat sich einiges getan: Dass etwa ein Verdächtiger seine Frau verprügelt, ist den Beamten in “Bankraub in Köln” zwar bekannt, aber häusliche Gewalt war damals offenbar kein Grund, von behördlicher Seite einzuschreiten.

Gezeigt werden Fälle aus vielen unterschiedlichen Städten quer durch die Bundesrepublik. So fand damals jeder Zuschauer regionale Anknüpfungspunkte. Es ist kein Wunder, dass die Straßen wie leergefegt waren, wenn diese Krimis liefen. Heute stellt man verblüfft fest, wie sehr sich doch alles verändert hat. Bekannte Gebäude und Straßenzüge haben inzwischen ein ganz anderes Gesicht.

REGIE und DARSTELLER

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Regie führte Jürgen Roland, der später durch seine Arbeit an den Edgar Wallace-Verfilmungen bekannt wurde. Die Idee zu der Serie hatte er von einer USA-Reise mitgebracht: Er war angetan von der Art, wie die amerikanische Polizei in der Serie “Dragnet” in Szene gesetzt wurde. So etwas gab es in Deutschland nicht.  Bei seiner Adaption übernahm Roland den Hinweis, dass das Gezeigte auf einem realen Fall basiert, wobei die Namen geändert wurden. Auch die Stimme aus dem Off, die die Handlungsträger vorstellt und das Geschehen kommentiert sowie strukturiert, behielt er bei. Die Rechnung ging auf: “Stahlnetz” wurde ein immenser Erfolg.

Außerdem war auch der Autor und Journalist Wolfgang Menge, der unter anderem mit “Ein Herz und eine Seele” Fernsehgeschichte schrieb, an der Produktion der Serie beteiligt. Zu sehen sind zahlreiche Schauspielern der “alten Garde”, darunter beispielsweise Wolfgang Völz, Hellmut Lange, Günter Lüdke, Eddi Arent und Freddy Quinn.

BILD und TON

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Natürlich sind Bild und Ton von “Stahlnetz” nicht mit modernen Produktionen vergleichbar; man muss hier einfach das Alter des Ausgangsmaterials beachten. Das Original Bild- und Tonmaterial ist nach der digitalen Überarbeitung dennoch überraschend scharf und klar. Toll ist der kleine Einblick in die Restaurationsarbeit, die als Bonusmaterial enthalten ist. Hier waren einfach Menschen am Werk, die sich diesen Klassikern mit viel Mühe, Liebe zum Detail und Hochachtung angenommen haben. So bekommt man insgesamt 506 Minuten besten Fernsehgenuss.

SPECIALS

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Überaus sehenswertes Bonusmaterial rundet diese gelungene DVD-Veröffentlichung ab: Neben den Einblicken in die Überarbeitung der Episoden ist der Bonusfilm “Die Zeugin” von 1999 enthalten. Dazu gibt es Filmporträts über Jürgen Roland und Wolfgang Menge.

EINFLUSS auf spätere PRODUKTIONEN

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Man denkt sofort an “Tatort” oder “Aktenzeichen XY… ungelöst”. Allerdings werden in “Stahlnetz” bereits aufgeklärte Fälle aufbereitet. Ähnliches findet sich bis heute in der Fernsehwelt – allerdings nicht mit dieser Realitätsnähe, Ernsthaftigkeit und Sorgfalt.

Bei “Stahlnetz” ging es auch darum, Bürgerinnen und Bürger für Verbrechen zu sensibilisieren. So wurde etwa ausdrücklich die Beobachtungsgabe einer Kindergruppe gelobt. Man erlebt aufmerksame Menschen, die die Polizei rechtzeitig einschalten, anschauliche Personenbeschreibungen abliefern und so direkt bei der Aufklärung der Fälle mitwirken.

FAZIT

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Es macht Spaß, Stahlnetz nach all der Zeit in dieser hervorragenden Bearbeitung zu sehen. Letztendlich bieten diese DVDs Unterhaltung, Staunen und Erinnern für die gesamte Familie. Empfehlenswert!

  • Darsteller: Helmuth Peine, Wolfgang Völz, Marius Müller-Westernhagen, Freddy Quinn, Hellmut Lange
  • Regisseur(e): Jürgen Roland
  • Format: Dolby, PAL
  • Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0 Mono)
  • Region: Region 2
  • Bildseitenformat: 4:3 – 1.33:1
  • Anzahl Disks: 4
  • FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
  • Studio: Studio Hamburg Enterprises (AL!VE)
  • Erscheinungstermin: 24. August 2012
  • Spieldauer: 506 Minuten

Straßenfeger 41

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Categories: DVD-Serien

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