“ROMEOS … anders als du denkst!” (Rezension)

Mittendrin… aber noch nicht ganz dabei

 

  • Darsteller: Rick Okon, Maximilian Befort, Liv Lisa Fries
  • Regisseurin: Sabine Bernardi
  • Studio: Pro-Fun Media
  • Produktionsjahr: 2011
  • Spieldauer: 94 Minuten

Lukas zieht mit kleinem Gepäck, Hanteln und Ventilator nach Köln, um seinen Zivildienst abzuleisten. Allerdings wird er nicht im Männerbereich des Wohnheims untergebracht, sondern im Schwesterntrakt. Der einzige Lichtblick ist, dass dort auch seine beste Freundin Ine lebt, die ihn in die schwul-lesbische Szene der Domstadt einführt.

 

Gleich der erste Partybesuch wird zum Volltreffer: Er verliebt sich in den durchtrainierten, körperbetonten Italiener Fabio, der nichts anbrennen lässt und auf den ersten Blick eher One-Night-Stand Material als Kandidat für eine echte Beziehung ist. Trotzdem ist die Anziehung durchaus gegenseitig, wie intensive Blicke und Neckereien verraten.

 

Allerdings verbirgt Lukas ein Geheimnis, von dem in Köln nur Ine weiß: Er ist transsexuell und noch ist die Angleichung nicht abgeschlossen. Das bedeutet Versteckspiel und Vorsicht, bei allem, was er tut. Wenn die Hemmschwelle auf Partys sinkt, weil gefeiert und getrunken wird, oder die anderen einfach das schöne Wetter zum Schwimmen nutzen, muss Lukas aufpassen, dass sich sein weiblicher Busen nicht doch verräterisch abzeichnet. So ist er zwar mittendrin, aber eben doch nicht ganz dabei.

 

Als er auffliegt, spitzt sich die Situation dramatisch zu, und zwar an allen Fronten: Familie, Freunde, der Kontakt mit den anderen Zivis, die sich anbahnende Beziehung mit Fabio, alles scheint plötzlich in Frage gestellt, steht auf der Kippe. Lukas verliert den Boden unter den Füßen. Und dann geht es nur noch um Entscheidungen, um Ehrlichkeit und um das, was wirklich wichtig ist…

 

Es ist eine Stärke dieses sensiblen, romantischen Dramas über Liebe, Freundschaft und das Erwachsenwerden, dass es dabei niemals ins Melodramatische oder Kitschige abgleitet.

 

“Romeos…anders als du denkst!” ist ein sehr offener, toleranter und letztendlich multisexueller Film. Die Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit sind weitgehend fließend; und auch in Sachen Sex und Beziehungen gibt es eine bemerkenswerte Unverfänglichkeit jenseits der Schubladen. Die Charaktere entdecken sich, probieren aus, sind neugierig, offen; Lust und Frust gehen dabei Hand in Hand – und am Ende überraschen sich einige vermutlich auch selbst mit ihren Entscheidungen.

 

Man bekommt nicht nur einen realistischen Einblick in die Kölner Schwulen- und Lesbenszene, sondern auch in das Leben junger Erwachsener allgemein. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und Sexualität, um Alkohol, Drogen und Partys, aber auch darum, seinen Platz zu finden. So wird kurz angerissen, dass die eigene Geschlechtsidentität und die sexuelle Orientierung zweierlei Dinge sind. Pflichten und Verantwortungen stehen ebenso im Raum wie der Umgang mit Schikanen und Bloßstellung.

 

Was leider etwas untergeht, ist die Auseinandersetzung zwischen Lukas und seiner Familie. Vater, Mutter und Schwester haben zwar einen kurzen Auftritt, als sie Lukas an seinem Geburtstag besuchen. Doch dann tauchen sie nicht mehr auf. Dabei ist die Begegnung zwischen ihnen dramatischer Höhepunkt innerhalb des Films und vielleicht auch die Szene, die ein bisschen zu übertrieben geraten ist.

 

Ganz allgemein befindet sich Lukas in einer Umbruchphase. Er entdeckt seinen sich verändernden Körper im Grunde täglich neu und ist – verständlicherweise – vorrangig mit sich selbst beschäftigt. Dabei verliert er aus den Augen, dass das Leben auch für seine Freunde kein Zuckerschlecken ist. Den daraus entstehenden Konflikt mit Ine kann er nur teilweise klären. So bleiben seine Freunde und Familienangehörige eher blasse Nebenfiguren.

 

Dreh- und Angelpunkt des Films ist die tief ausgelotete Hauptfigur. Dabei ist die schauspielerische Leistung von Rick Okon herausragend. Der Newcomer verfügt über eine unglaubliche Ausstrahlung: Sanft und sensibel, gleichzeitig voller Lebenshunger verleiht er seinem Charakter über Blicke und Gesten eine bemerkenswerte Tiefe und Echtheit. Er muss in zahlreichen Einzelszenen auch ganz ohne Worte überzeugen. Und das gelingt ihm mit Bravour! Man nimmt ihm die Rolle des transsexuellen Mädchens, seine Verzweiflung und auch die Auseinandersetzung mit seinem Körper und seinen Bedürfnissen in jeder Szene ab. So zum Beispiel, wenn er seine Umwandlung von Miriam zu Lukas in YouTube-Videos festhält. Berührend ist auch die aufrichtige Freude, mit der er die Anzeichen seiner endlich sichtbar werdenden Männlichkeit wahrnimmt: Haarwuchs, Muskelaufbau, selbst Schweiß ist toll. Und man kann gar nicht anders, man freut sich mit. Eine grandiose schauspielerische Leistung!

 

Was “Romeos…” zu einem wunderbaren Liebesfilm macht, ist die Chemie zwischen Fabio und Lukas: Wenn zwischen ihnen die Blicke fliegen, brennt die Luft. Herrlich anzusehen ist eine Szene im Fahrstuhl, bei der sie sich gegenseitig zornig versichern, sowieso nichts mehr voneinander wissen zu wollen – während innerlich etwas ganz anderes brodelt. Und auch Fabio hat das eine oder andere Geheimnis…

 

Zu den sehenswerten Extras auf dieser DVD gehört das Making Of, in dem unter anderem auch das Geheimnis von Lukas‘ absolut echt wirkenden Brust gelüftet wird. Außerdem miterlebt man mit, wie die rasanten Szenen in der Kölner Innenstadt gedreht wurden. Dazu gibt es sehr schöne Einblicke in die Kinopremiere. Die Schauspieler äußern sich kurz zu ihren Rollen und man erfährt auch, dass “Romeos…” nicht nur positive Reaktionen ausgelöst hat.

 

Ein besonderer Aufreger dabei ist die Einstufung des Films von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK): Nicht unbedingt wegen der zunächst veranschlagen Altersfreigabe von 16 Jahren, die hätte man verschmerzen können. Nein, wegen der diskriminierenden (und lächerlichen) Begründung, dass “die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film […] zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen” könne. Inzwischen wurde der Film mit einer neuen Altersfreigabe versehen. Wer das Titelbild davon befreit haben möchte, kann es einfach umdrehen; es handelt sich um ein Wendecover.

 

Alles in allem ein überaus sehenswerter Film, auch für alle, die vielleicht bislang mit dem Thema Transsexualität noch nicht in Berührung gekommen sind.

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Categories: DVDs -Filme, GLBT

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