“Wer hat Angst vor Jasper Jones?” von Craig Silvey (Rezension)

 Vielschichtiger Coming of Age-Roman

Jasper_jones

In dem Bergarbeiterstädtchen Corrigan im Westen Australiens gibt es eine Schule, ein Gemeindehaus, einen Cricketplatz und eine überschaubare Anzahl Einwohner. Doch die vermeintliche Idylle trügt. In der erstickenden Enge der Kleinstadt kennt jeder jeden, und es gibt eine rigide Trennung in richtig und falsch, gut und böse, weiß und schwarz. Wer anders ist, wird ausgegrenzt.

Der introvertierte Dreizehnjährige Charlie Bucktin ist ein nachdenklicher Bücherwurm. Nicht einfach in einem Umfeld, das Bildung nicht würdigt. Aber als Sohn eines Literaturprofessors ist ihm die Liebe zum geschriebenen Wort beinahe in die Wiege gelegt. Dann ereignet sich während der Sommerferien etwas, das alles bisher Erlebte in einem neuen Licht erscheinen lässt: Jasper Jones braucht seine Hilfe. Ausgerechnet an seinem Lieblingsplatz hängt seine Freundin Laura Wishart tot in einem Baum. In Corrigan gilt der halb-Aborigine Jasper, der aus schwierigen Familienverhältnissen stammt, als Außenseiter. Schlechter könnte sein Ruf kaum sein: faul, verlogen, diebisch, nichtsnutzig, ein Gauner, von dem man sich fernhalten sollte. Geschieht irgendetwas, ist Jasper garantiert der Hauptverdächtige. Für ihn steht darum sofort fest, dass man ihn auch für Lauras Tod verantwortlich machen wird.

Er bittet Charlie, ihm bei der Beseitigung der Leiche zu helfen und den Fall mit ihm zusammen aufklären.

Nein, “Wer hat Angst vor Jasper Jones?” ist kein Jugendkrimi, sondern ein überaus gelungener Coming-of-Age-Roman. Charlie, der mit der Härte und Grausamkeit der Menschen konfrontiert wird, durchläuft in diesem Buch die Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen und gelangt schließlich zu einer erwachseneren, differenzierteren Sicht auf die Gesellschaft, in der er lebt.

Auch wenn er selbst gern wäre wie Atticus Finch aus Harper Lees “Wer die Nachtigall stört”, fehlt ihm der Mut aktiv für das einzustehen, woran er glaubt. So verharrt er oft auf dem Platz des Beobachters und Chronisten. Rassismus, Diskriminierung, Vorurteile und Brutalität erlebt er genauso wie tiefe Freundschaft, Loyalität und die erste Liebe. Dabei hinterlässt alles tiefe Spuren und stürzt ihn in Konflikte: Konventionen und frühere Gewissheiten werden in Frage gestellt; alles erscheint – vor allem durch das Missverhältnis zwischen der vertretenem Moral und dem tatsächlich gelebten Verhalten – in einem neuen Licht. Eindimensionale Sichtweisen werden schließlich zugunsten differenzierter Einschätzungen aufgegeben, und am Ende dieses folgenschweren Sommers ist für Charlie nichts mehr, wie es einmal war.

Craig Silvey zeichnet ein realitätsnahes Portrait Australiens Ende der 1960ger Jahre. Trotz anspruchsvoller Themen besticht der Roman auch durch eine gewisse Leichtigkeit, die vor allem Charlies vietnamesischer Freund Jeffrey und ihren durchaus amüsanten Wortwechseln zu verdanken ist. Wie dessen Familie in Corrigan behandelt wird, zeigt deutlich, welchen Stellenwert vietnamesische Kriegsflüchtlinge Mitte der 60ger Jahre in Australien hatten. Auch der Umgang mit den australischen Ureinwohnern wird thematisiert: Erst 1967 wurden Aborigines überhaupt als Menschen anerkannt und im Rahmen von Volkszählungen berücksichtigt.

Die Vielschichtigkeit dieses Buches macht es zu einer gelungenen Lektüre für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.

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rororo rotfuchs
01.09.2012
416 Seiten
ISBN 978-3-499-21613-8

Rowohlt Verlag

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Categories: Belletristik, Kinder- und Jugendliteratur, Literatur

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