“Speechless” (OmU) mit Pierre-Matthieu Vital, Gao Qilun u.a. (Rezension)

Weg aus der Sprachlosigkeit

 

  • Speechless
  • Darsteller: Pierre-Matthieu Vital, Gao Qilun, Yu Yung Yung
  • Regisseur: Simon Chung
  • Sprache: Englisch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1), Chinesisch (Dolby Digital 2.0), Chinesisch (Dolby Digital 5.1)
  • Untertitel: Deutsch
  • Studio: Pro-Fun Media
  • Spieldauer: 92 Minuten

In China entdecken zwei Polizisten einen nackten Mann (Pierre-Matthieu Vital) am Fluss. Er ist offensichtlich ein Ausländer aus dem Westen, antwortet aber nicht auf Fragen. Genau genommen reagiert er überhaupt nicht auf Ansprache. Scheinbar willenlos lässt er sich mitnehmen. Es bleibt unklar, woher er stammt, wie er in den Fluss geraten ist und ob er nicht sprechen will oder nicht sprechen kann. Ein schweigender Mann ohne Kleider, ohne Vergangenheit, ohne Sprache. Auch mit Gewalt lässt er sich keinen Laut entlocken. Schließlich wird er in ein Krankenhaus eingeliefert. Doch auch dort kommt man nicht wirklich weiter. Ein Krankenpfleger namens Jiang (Gao Qilun) nimmt sich schließlich seiner an. Mit viel Geduld gelingt es ihm, einen vorsichtigen Kontakt zu dem geheimnisvollen Fremden herzustellen. Sie teilen Zigaretten, Dampfbrötchen und vor allem Zeit miteinander.

 

Als der Fremde versucht, aus dem Krankenhaus zu entkommen, wird er am Bett fixiert. Danach soll er in die Psychiatrie verlegt werden. Jiang glaubt im Gegensatz zu den anderen nicht, dass er verrückt ist. “Ich glaube, er hat nur Angst.” Das bestätigt sich etwas später in einem kurzen Flashback… Irgendetwas Traumatisches ist in der Vergangenheit geschehen. Doch was, bleibt lange Zeit im Dunkeln.

 

Um den Westler vor der Einweisung in die Psychiatrie zu bewahren, hilft Jiang ihm zu fliehen und versteckt ihn. Sie besuchen zusammen die Orte seiner Kindheit. Obwohl der Fremde nicht spricht, nicht antwortet und auch nicht klar ist, ob er überhaupt Mandarin versteht, vertraut Jiang ihm persönliche Dinge an. Als dieser dann schläft, benutzt der Fremde heimlich sein Handy, wählt eine Nummer… und lässt es dann sinken. Erneut wortlos.

 

Bis zu diesem Punkt verläuft das Geschehen eher… ruhig und gemächlich. Von da an kommen die Dinge dann allerdings ins Rollen – und man hat das Gefühl, in einen vollkommen anderen Film geraten zu sein, so rasant geht es weiter. Jiang trifft die Person, die der Fremde angerufen hat. Es handelt sich um die Studentin Ling, die zur christlichen Gemeinde der Stadt gehört und in der Kirche die Orgel spielt. Sie erzählt, dass sie und der Fremde – ein Franzose namens Luke – ein Paar seien. Angeblich haben sie sich auf der Uni kennen gelernt, wo er als Austauschstudent Mandarin gelernt hat. In Flashbacks wird dann die Geschichte aufgefächert. Allerdings unterscheidet sich der Bericht von Ling deutlich von den Erinnerungen Lukes…

 

Nach und nach kommt zum Vorschein, was sich in der Vergangenheit wirklich zugetragen hat – und spätestens von diesem Moment an sitzt man gebannt vor dem Bildschirm. In eindringlichen Bildern wird eine Liebesgeschichte zwischen zwei Welten erzählt, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Für Luke ist die Begegnung mit dem Studenten Han Liebe auf den ersten Blick. Der allerdings ist mit jemand anderem zusammen und nicht geoutet… Intensive Liebe, Eifersucht, abgrundtiefe Verzweiflung, eine unglaubliche Tat. Und am Ende gibt es nur noch eins, was Luke für Han tun kann.

 

Der Film hat seine Längen und ist ganz sicher nicht perfekt. Aber er ist dennoch überaus sehenswert, vor allem, wenn man das Interview mit Regisseur Simon Chung gesehen und Einblicke in die Dreharbeiten bekommen hat.

 

Gerade in der ersten Hälfte ist durchhalten gefragt: Eher langatmig wird die Handlung in ruhigen Bildern, oft musikalisch unterlegt, erzählt. Zwar möchte man hinter das Geheimnis des Fremden kommen, aber Luke zeigt so wenig Emotionen und das Spiel der asiatischen Darsteller wirkt derart hölzern, dass das Interesse daran irgendwann erlahmt. Hier fehlt es einfach am Einsatz entsprechender filmischer Mittel, um die Aufmerksamkeit langfristig zu fesseln. Interessant sind jedoch die Blicke in die chinesische Alltagsrealität: in das heruntergekommene Krankenhaus, auf die Häuser und Hinterhöfe oder auch in den kleinen Imbiss von Jiangs Mutter. Einige Szenen scheinen darüber hinaus unnötig in die Länge gezogen; andere sind schlicht unverständlich. So weist etwa der Arzt im Kreiskrankenhaus die Krankenschwester an, Luke nicht für den Transport in die Psychiatrie medikamentös ruhig zu stellen. Trotzdem wirkt dieser wie sediert. Es wird allerdings nicht angedeutet, dass er seinen Zustand nur vortäuscht. Eine Szene später sitzt er verblüffenderweise – zumindest fit genug, um sich festzuhalten – hinter Jiang auf dem Mofa…

 

Was zu Lukes Schweigen geführt hat und warum er plötzlich doch wieder spricht, bleibt letztendlich der eigenen Interpretation überlassen.

 

Tempo nimmt der Film auf, als Ling ins Spiel kommt. Dann ändert sich auch die Erzählweise abrupt: Statt linear wird in atemlosen Rückblenden aus mehreren Perspektiven gezeigt, was sich zugetragen hat. Was man zunächst für eine behutsame Romanze hielt, gerät zum spannenden Thriller.

 

“Speechless” ist der dritte Film von Simon Chung. In China zu drehen, stellte den Regisseur vor etliche Schwierigkeiten, denn Homosexualität ist zwar seit 1997 nicht mehr illegal, aber nach wie vor ein absolutes Tabu-Thema. Eine offizielle Drehgenehmigung hatte er nicht. Also blieb nur das heimliche Filmen in der kleinen Stadt Shantau und im nördlichen Teil der Guangdong Provinz im Süden Chinas. Teilweise wusste niemand, worum es in dem Film überhaupt geht. Sonst wären z.B. die Szenen in der Kirche nicht möglich gewesen. Letztendlich gelingt dem Film ein kleines Kunststück: Es zeigt China aus der Perspektive eines Westlers, gleichzeitig aber auch, wie Chinesen Westler wahrnehmen.

 

In den Metropolen entwickelt sich zwar eine gewisse Subkultur, und auch das Internet hat vieles vereinfacht. Dabei muss man allerdings bedenken, dass bestimmte Seiten wie etwa Facebook in China nicht zugänglich sind. Und gerade auf dem Land ist Homosexualität höchstens im Verborgenen lebbar. Viele beugen sich dem gesellschaftlichen beziehungsweise elterlichen Druck, heiraten und sorgen für Nachwuchs. Ohne Luke hätten dementsprechend vermutlich weder Han noch Jiang überhaupt die Möglichkeit gehabt, sich selbst zu erkennen und ihre Sexualität zu leben.

 

Der Mut, diesen Film zu machen, verdient Anerkennung. Letztendlich ist “Speechless” ein Weg hinaus aus der Sprachlosigkeit.

 

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Categories: DVDs -Filme, GLBT

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