Walk a Mile in my Pradas (OmU), Rezension

  Klischees und die Kunst, sich nicht zu ernst zu nehmen

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“Walk a Mile in my Pradas“ bietet eine unterhaltsame Mischung aus “Freaky Friday“, “Ich bin du“ und “In & Out“. Nur tauschen dieses Mal nicht Eltern und ihre Sprösslinge die Rollen, sondern Hetero und Homo. Die Ausgangssituation von Tony und Steve ist recht ähnlich: Sie sind beide sportlich, gutaussehend, erfolgreich und hegen Heiratspläne. Die passenden Partner haben sie gefunden. Letztendlich sind der Mann für das Handfeste und der Innendesigner typische Vertreter der amerikanischen Mittelklasse, die ihren “American Dream” weitgehend verwirklicht haben.

Wenn da nur nicht die Konfrontationen auf der Arbeit wären: Obermacho Tony findet Schwule unmännlich und hat nichts Besseres zu tun, als sich mit anderen über Steve lustig zu machen. Auch sonst lässt er keine Gelegenheit aus, sich als echter Kerl zu präsentieren und seine reaktionäre Sichtweise wortgewaltig zu vertreten.

Der Griff in die Klischeekiste ist tief, aber natürlich gewollt: Tony trinkt Bier, grillt, glänzt durch mangelnde Romantik, geschmacklose Kleidung und unpassende Geschenke. Von Hausarbeit hält er sich fern. Steve bevorzugt Cocktails, farbenfrohe Anzüge und erweist sich als Romantiker und Stilexperte.

Auf einer Weihnachtsfeier geraten beide erneut aneinander, und es kommt es zu dem folgenschweren Rollentausch: Ab da ist nichts mehr, wie es einmal war. Tony entdeckt die Anziehungskraft von Männern, Steve reagiert plötzlich auf Frauen. Wie sollen sie das ihren Partnern, Familienangehörigen und Freunden erklären? Lange verborgen bleibt das sonderbare Verhalten beider nicht. Wie von Zauberhand kann Tony plötzlich kochen und steht bereitwillig mit Kennermiene und Schürze vor dampfenden Töpfen. Dafür verabschieden sich Steves Geschmack und Sensibilität in ungeahnte Tiefen.

Ein paar ernsthafte Anklänge gibt es auch: So etwa die Anfangsszenen in der Kirche, die Versuche, die eigene sexuelle Orientierung durch Therapiemaßnahmen zu ändern oder der Überfall. Dennoch wird der Pfad der leichten Komödie an keinem Punkt wirklich verlassen.

Vor allem Tony wird vielschichtig charakterisiert: Er durchläuft im Schnellverfahren erst eine typisch-heterosexuelle Sozialisation und entdeckt dann in Folge des Rollentausches ungeahnte neue Möglichkeit, Seiten und Facetten an und für sich. All das ist natürlich überzogen. Plötzlich hat er Geschmack, kann Kochen, spricht Prada und gerät zum Romantiker. Ihn verändert die Erfahrung mehr als Steve. Tony kann endlich Anteile von sich ausleben, die vorher sorgsam unterdrückt werden mussten.

Steve hingegen verwandelt sich zum ungepflegten, desinteressierten Widerling, der kein Interesse für die Gefühle und Bedürfnisse seines Partners zeigt. Er demonstriert ihm gegenüber eine Kälte, die es schwer macht, am Ende an die tiefe, von ihm beschworene Liebe zu seinem Partner zu glauben. Das ist einer der größten Schwachpunkte von „Walk a Mile in my Pradas“: Während sonst darauf geachtet wurde, die Rollen von Tony und Steve in etwa vergleichbar zu gestalten, zeigt sich hier eine große Diskrepanz. Unabhängig von der sexuellen Orientierung ist Tony seiner Verlobten gegenüber rücksichtsvoll. Er steht zu ihr, will sie heiraten, sein Leben mit ihr teilen, besteht Treuetest und andere Hürden.

Bei Steve vermisst man genau das. Nun soll natürlich ein Stück weit die Macho-Attitüde inszeniert werden, aber etwas mehr innere Zerrissenheit hätte der Charakterisierung hier gut getan.

Zu den besten Szenen gehört der Moment, in dem Tony und Steve die Chance haben, einen Wunsch zu äußern, der nicht rückgängig zu machen ist. Sie wählen beide: selbstbewusst, laut, stark. Den Ort verlassen sie als Freunde, und das ist vielleicht ein mindestens ebenso großes Weihnachtswunder. Wie zu Beginn sind auch zum Ende hin die Situationen zumindest weitgehend vergleichbar. Auf dem Weg dorthin hätte ich gern mehr Szenen zwischen Steve und seinem Partner gehabt. Der versöhnliche Ausklang macht “Walk a Mile in my Pradas” dennoch zu einem schönen Weihnachtsfilm, der sich gut mit Freunden und Familie ansehen lässt. Und er lässt tatsächlich auch ein Lächeln zurück.

Perfekt ist der Film sicher nicht, aber dennoch sehenswert. Das liegt an dem sympathischen Cast. Es ist auch eine Freude, Dee Wallace (bekannt als Elliotts Mutter aus „E.T.“) wieder zu sehen.

Bei den Extras gibt es einen sehenswerten Blick in das organisierte Chaos bei den Dreharbeiten im Originalton. Untertitel sind nicht vorhanden. Aber es ist interessant, einen Blick auf die Vorbereitungsarbeiten zu werden, Gesichter mit Namen zu verbinden und den einen oder anderen hintergründigen Kommentar zu hören. Bild- und Tonqualität sind nicht die besten, aber das ist auch eher etwas für Fans und vermutlich nichts, was man öfter anschauen wird. Sehenswert sind die Filmtrailer.

Alles in allem ein schöner Weihnachtsfilm zum Schmunzeln, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

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DVD-Info:

Originaltitel: Walk a Mile in my Pradas, Mit: Nathaniel Marston, Tom Arnold, Rick Sudi Karatas, Tom Archdeacon, Mike Starr, Bruce Vilanch, Dee Wallace. FSK: 12 | Länge: 93 Min | Filmstart: 2011 (USA) | DVD: 20.4.2012

 

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Categories: DVDs -Filme, GLBT

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