“Freud: Die Graphic-Novel” von Corinne Maier und Anne Simon (Rezension)

Augenzwinkernde, kenntnisreiche Biographie des Seelen-Forschers

Freud

Sigmund Freud zählt zweifellos zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Der Neurologe, Religionskritiker und Begründer der Psychoanalyse wurde und wird zwar oft belächelt und kritisiert. Doch er war der erste, der die Seele als Krankheitsursache erkannte.

Sein Leben und Werk ist Gegenstand dieser gelungenen Graphicnovel: In kolorierten Federzeichnungen wendet sich Freud direkt an die Lesenden, führt sie vom Ort seiner Kindheit an über die wichtigsten Stationen seines Lebens bis zu seinem Tod – und darüber hinaus.

Es beginnt mit seiner Geburt in Freiberg in der heutigen Slowakei im Jahre 1856, wo er als Sohn jüdischer Eltern zur Welt kommt. Er erzählt vom Umzug der Familie nach Wien, von seinem Medizinstudium und seiner großen Liebe Martha, die er später heiraten wird, von beruflichen Plänen, seiner Arbeit und dem Wunsch, das Unbekannte zu erforschen. Er erhält ein Forschungsstipendium für Paris, wo er 1885 bei dem Neurologen Professor Charcot mit Hypnose in Berührung kommt. Freud gelangt allerdings zu der Überzeugung, dass es schon „genügt, den Patienten reden zu lassen“ – und bringt so die Ratsuchenden erstmals auf die berühmte Couch.

Wichtige Fallgeschichten wie die der Patientin Anna O., der diese „karthartische Methode“ zu verdanken ist, Dora oder auch die des kleinen Hans, die zu Freuds Theoriebildung führten, werden in Exkursen aufgegriffen.

Selbst die politische Dimension bleibt in diesem überraschend vielschichtigen Comic nicht ausgespart: So erlebt man den um sich greifenden Antisemitismus, der schließlich dazu führt, dass sich Freud – eigentlich überzeugter Atheist – öffentlich als „Jude“ bezeichnet. Als sich Österreich 1938 Deutschland anschließt, emigriert er schweren Herzens über Frankreich nach London. Auch im Exil setzt der inzwischen 82-Jährige seine Arbeit fort. Viel Zeit bleibt ihm allerdings nicht mehr, denn er leidet seit etwa 15 Jahren unheilbar an Gaumenkrebs. Als die Schmerzen nicht mehr aushaltbar sind, bittet er seinen Arzt um Morphium. Er stirbt 1939.

Die Texte von „Freud – Die Graphicnovel“ stammen von der Psychologin, Historikerin und Soziologin Corinne Maier und wurden von Anja Kootz ins Deutsche übersetzt. Die in Frankreich bekannte Illustratorin Anne Simon hat an der École Supérieure de l’Image d’Angoulême und später an der École des Arts Décoratifs in Paris studiert. Ihnen ist eine witzige, lehrreiche Biographie Sigmund Freuds gelungen.

Wer sich mit Freud und der Psychoanalyse auskennt, wird während des Lesens oft schmunzeln. Denn es gibt zahlreiche kleine Dinge, Hinweise, Anspielungen und Symbole in den detailverliebten Zeichnungen zu entdecken, etwa, wenn man Einblicke in Freuds Innenleben und seine Ängste oder in Träume gewinnt. Man erlebt ihn als experimentierfreudig, enthusiastisch, neugierig und neuen Erkenntnissen gegenüber aufgeschlossen. Bei allem bleibt auch ein gewisses Augenzwinkern nicht aus: Gehirn und Genitalien werden immer wieder geschickt eingebracht und auch Freuds frühes Interesse an den Sexualorganen von Aalen oder seine Experimente mit Kokain sorgen für eine gewisse Heiterkeit.

Wer sich erstmals mit Freud befasst, findet hier eine gut zu lesende – und durchaus kritische – Biographie ansprechend aufbereitet. Man lernt wichtige Zeitgenossen kennen, darunter Charcot und Jung. Außerdem bekommt man einen Einblick in Freuds wesentliche Fälle und Theorien: Ödipus-Komplex, Traumdeutung, Todestrieb, Penisneid und vieles mehr wird angesprochen. Der verblüffend konservative Privatmensch kommt ebenso zum Vorschein wie der unablässige, auch etwas selbstgerechte Forscher. Zur weiteren Beschäftigung mit ihm lädt die Liste seiner wichtigsten Werke ganz am Ende ein.

„Tot bin ich nicht…“, verkündet der Comic-Freud am Ende zutreffend. Denn seine Gedanken beschäftigen die Menschen nach wie vor. Angesichts der Situation heute erklärt er am Ende mit nachdenklichem Blick auf die berühmte Couch: „Das 21. Jahrhundert braucht mich immer noch!”

Alles in allem ein überaus lohnenswertes, anspruchsvolles Buch, das sich gut auf der Couch genießen lässt.

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29,0 x 22,0 cm, Gebunden, 56 Seiten, mit 486 farbigen Abbildungen
Erscheinungsdatum: 06 2012
ISBN 978-3-86873-510-9
Preis: 19,95 €

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Categories: Comics & Graphic Novels

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