“Vinland – Die Entdeckungsfahrten der Wikinger von Island nach Grönland und Amerika: Erik der Rote, Bjarni Herjulfsson, Leif Eriksson und Thorfinn Karlsefni” von Jörg-Peter Findeisen

Das “Weinproblem”

untitledDass Christoph Kolumbus die Ehre gebührt, Amerika als erster Europäer bereist zu haben, ist längst widerlegt. In Wirklichkeit waren andere schneller: Die Wikinger gelangten bereits im 9./10. Jahrhundert n. Chr. auf den neuen Kontinent. Ihr Ruf ist denkbar schlecht: “In die Geschichte der kontinentaleuropäischen christianisierten Völker gingen die Wikinger als fürchterliche, kaum menschliche Regungen bekundende Wesen ein” (S. 15). Da ist die Rede von unsagbarer Grausamkeit, sinnloser Zerstörung und Mordbrand. Aber sie waren natürlich “nicht nur Räuber und Zerstörer” (S.16).

Seit Island im Oktober 2011 Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse war, ist hierzulande das Interesse an Literatur und Geschichte des kleinen Inselstaates erwacht, nicht nur in Forschung und Wissenschaft, sondern auch beim interessierten Publikum allgemein. Es ist nicht einfach, gleichermaßen Laien und Fachleute mit ein und derselben Publikation anzusprechen: Dem Historiker Prof. Dr. sc. Jörg-Peter Findeisen, der sich schwerpunktmäßig mit skandinavischer Geschichte befasst, gelingt dieser Spagat: Er legt mit „Vinland“ eine spannend zu lesende Monographie über die “Entdeckungsfahrten der Wikinger von Island nach Grönland und Amerika” vor, der die bisherigen Erkenntnisse aus Archäologie, Geschichte und Literaturwissenschaft zusammenbringt. Einiges muss angesichts der Quellenlage spekulativ bleiben. Im Innenteil helfen Karten, sich einen Überblick zu verschaffen.

Dem wissenschaftlichen Publikum dürfte der umfangreiche Anhang Freude machen: Enthalten ist der “Versuch einer chronologischen Einordnung”, angefangen von 787, als erstmals eine “Wikingerbesatzung” erwähnt wurde, bis 1978, als L’Anse aux Meadows an der Nordspitze der Insel Neufundland zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Die Zahlen sind jedoch als vorsichtige Einordnung zu betrachten. Zusätzlich finden sich neben dem Literaturverzeichnis auch ein Orts- und ein Personenregister.

Die Fußnoten sind ebenfalls umfangreich und informativ ausgefallen: Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen, sind vertiefende Anmerkungen und Hinweise bewusst dorthin ausgelagert worden. Bei der Schreibweise von Personen- und Ortsnamen gibt es immer wieder Abweichungen in den von Findeisen herangezogenen Quellen und Materialien. Er belässt diese innerhalb der Zitate in der ursprünglichen Schreibweise, was eine gute Lösung ist und nicht weiter als störend empfunden wird, da dennoch alle Namen problemlos erkennbar bleiben.

Neun spannend zu lesende Kapitel befassen sich mit der Entdeckung und Besiedlung Grönlands, den Entdeckungsfahrten an der nordamerikanischen Küste und mit dem Ende der Besiedlung Grönlands durch die Wikinger. Zunächst steht die wichtigste Voraussetzung für die Expansion der Wikinger im Nordatlantik im Fokus: die “Knarre” oder “Knorre”, das meerestaugliche Lastschiff, und die Anfänge der Fahrten auf dem Meer werden vorgestellt. Das nächste Kapitel befasst sich mit den Isländersagas – in altnordischer Sprache verfasste Prosaliteratur, die über Island in der Zeit von 870 n.Chr. bis circa 1030 n.Chr. Auskunft geben – und diskutiert die Frage, inwieweit diese als historische Quelle betrachtet können. Anschließend unternimmt Findeisen den vorsichtigen Versuch, eine Biografie Eriks des Roten zwischen Realität und Legende zu entwerfen, bevor er sich “Leif Erikssons welthistorische(r) Reise”, der Saga von Erik dem Roten und der Grönländer-​Saga zuwendet. Die Geschichten und Diskussionen um Vinland werden ebenso vertiefend unter die Lupe genommen wie die Expeditionen des 15. bis 17. Jahrhunderts. Nicht zuletzt werden die Entdeckung und Bedeutung von L’Anse aux Meadows und Kolumbus diskutiert.

Es handelt sich bei dieser Monografie um eine Sichtung und kritische Reflexion der Schriftquellen um “Vinland”, wobei sowohl archäologische Fundstücke als auch die Isländersagas als Quellen herangezogen werden. So entsteht eine kompakte Zusammenstellung nach aktuellem Forschungsstand, die zur weiteren Beschäftigung mit diesem Thema anregt.

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Broschiert: 220 Seiten
Verlag: Ludwig, Kiel; Auflage: 1., Erstauflage (6. Oktober 2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3869350555
ISBN-13: 978-3869350554
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Categories: Geschichte, Sachbücher

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