“Ich lebe, lebe, lebe” von Alison McGhee (Rezension)

Leben müssen

Der deutsche Titel ist perfekt gewählt, zeigt doch “Ich lebe, lebe, lebe” bereits, worauf man sich bei dem kurzen Roman von Alison McGhee einstellen kann: kurze Sätze, zahlreichen Wiederholungen, die ins verzweifelte Bewusstsein hämmern, was nicht zu verkraften, nicht zu fassen ist: “Ivy und ich hatten einen Unfall.” Was in der jungen Erzählerin Rose einen Monat nach dem folgenschweren Geschehen vorgeht, könnte kaum besser, kaum realistischer eingefangen werden. Sie ist 17 Jahre alt, als sie ihre ältere Schwester verliert, als Ivy, die doch immer “fließendes Wasser war […] stehendes Wasser” wird.

Wer selbst schon einmal einen schweren Unfall erlebt hat, weiß, wie das ist, wenn man Tage, Wochen, Monate später immer wieder den Aufprall hört, spürt, wie das Fahrzeug herumgerissen wird, die Geräusche, die Gerüche… Man wird sich wiederfinden in jeder Silbe, in jedem Wort. Und auch in den kreisenden Gedanken. Darüber wird Alltägliches belanglos. Das Erlebte jagt Rose durch die Tage und Nächte; immer wieder der Unfall. Ivy, gerade 18 Jahre alt, liegt im Koma, ist in ihrem Krankenhausbett ganz nah und doch unerreichbar.

Wie geht man damit um, wenn ein so junger Mensch aus dem Leben gerissen wird? Wie verkraften das Eltern, Geschwister, Freunde?

Die für Selbstgespräche gewählte Du-Form, die zahlreichen Wiederholungen und die bewusst wirre Struktur machen das Lesen von „Ich lebe, lebe, lebe“ nicht einfach. Doch man hält hier auch keinen beliebigen Unterhaltungsroman in den Händen, sondern ein Buch, das sich mit einem schweren Thema auf realistische Weise befasst. Die Auseinandersetzungsbereitschaft der Lesenden ist hier ein absolutes Muss. Man muss sich einlassen können auf diesen Stil, auf diese Mischung aus Bewusstseinsstrom, Selbstgesprächen und äußerer Handlung. Man muss das Geschehen vor allem emotional an sich heranlassen. Und dann ist man ganz dicht bei der jungen Protagonistin. Das Buch berührt, weil es ohne schwülstige Sprache auskommt. Weil es zwischen dem Schmerz der Ich-Erzählerin Raum lässt für eigene Gefühle. Die Lücken füllt man selbst.

Letztendlich weiß Rose, was zu tun ist. Genau wie ihre Mutter.

“Ich kann mein Mädchen nicht verlieren.
Lassen Sie sie gehen.
Ich kann mein Mädchen nicht verlieren.
Lassen Sie sie gehen.”

Mehr Worte braucht es nicht.

Es ist vielleicht kein sonderlich spannendes Buch. Man weiß letztendlich bereits im Vorfeld nahezu alles, was geschieht. Doch hier ist nicht das “Was” entscheidend, nur das “Wie”. Zart und verletzlich, betäubt und eingefroren muss Rose lernen, loszulassen, um ihr Lachen wiederzufinden.

Obwohl es sich um ein Taschenbuch handelt, ist der Umschlag ungewöhnlich schön gestaltet: Das gelungene Coverbild greift die Wasser-Metaphorik auf, die in der Originalversion bereits im Titel “All Rivers Flow to the Sea” deutlich wird, und das Buch durchzieht. Das Vorsatzpapier ist in einem passenden, angenehmen Blauton gehalten. Die fühlbaren Buchstaben und die harmonische Farbgestaltung verleihen dem Buch zusätzliche Eleganz. Schade, dass hier auf eine gebundene Ausgabe verzichtet wurde.

Fazit: “Ich lebe, lebe, lebe” ist ein überaus berührendes Buch, das mit viel Einfühlungsvermögen eine Geschichte über Verlust und Verzweiflung erzählt. Auch das ist eine Facette des Lebens. In dieser Tiefe findet man Jugendbücher gewöhnlich eher selten. Darum ist es auch für Erwachsene zu empfehlen.

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Taschenbuch: 160 Seiten
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. Oktober 2012)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 342324934X
Preis: 12,90 €

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Categories: Kinder- und Jugendliteratur, Literatur

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