“Eine Milliarde für Süderlenau” von Astrid Wenke

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Auf der Suche nach Identität und Glück

Wenke_Eine_Milliarde

Süderlenau ist ein verschlafenes Städtchen irgendwo an der Nordseeküste, das vor allem von einem Arbeitgeber lebt: der Kosmetikfirma Novacrem. Es gibt eine Grundschule, eine Zeitung, ein paar Läden, einen Bahnhof. Mit dem ICE lässt sich die Landeshauptstadt erreichen und damit das Tor zur großen weiten Welt aufstoßen. Wenn man das will.

Die sensible Musiklehrerin Katharina allerdings lebt bewusst zurückgezogen. Ihre flüchtigen Bekanntschaften trennt sie sorgsam von ihrem eigentlichen Leben in Süderlenau, denn ihren Körper zu teilen, fällt ihr vergleichsweise leicht. Mit ihrer Seele sieht es anders aus. Die Lehrtätigkeit und der Lärm in der Schule sind ihr ein besonderes Gräuel, und wenn es für Katharina ein leitmotivisches Lebensgefühl gibt, dann vollkommen fehl am Platz zu sein. “Ich hatte nur wenige Probleme. Als ich sie zählte, kam ich auf genau fünf: mein Arbeitsleben, mein Sozialleben, mein Familienleben, mein Liebesleben, und dass ich eigentlich gar keine Luft mehr hatte auf mich und mein Leben.” Wenn das nicht überschaubar ist… Es ist vor allem dieser amüsant-lakonische Ton, der das Lesen dieses Romans so vergnüglich macht.

Dann bringt der Besuch einer alten Dame Aufregung und Unruhe ins beschauliche Kleinstadtleben: Margot Krause, milliardenschwere Selfmade-Frau und greise Tochter Süderlenaus, kehrt mit dem Zug zurück in die alte Heimat. Ihr Vermögen hat sie mit Erotikartikeln gemacht. Was sie eigentlich an Süderlenau bindet, weiß niemand so genau. Fest steht jedenfalls, dass das aktuelle Angebot der unkonventionellen Gönnerin alles auf den Kopf stellt: Eine Milliarde Euro will sie zur Verfügung stellen. Eine Milliarde, um jeder Bürgerin und jedem Bürger fünf Jahre lang ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Euro zu gewährleisten.

Mit der Ruhe in Süderlenau ist es augenblicklich vorbei: Auf den Straßen tobt der öffentliche Diskurs; Befürworter und Gegner prallen mit ihren Argumenten aufeinander. Autorin Astrid Wenke spielt hier an einem konkreten Beispiel das “Was-wäre-wenn” eines bedingungslosen Grundeinkommens durch. Was wäre wenn, man nicht mehr zur Lohnarbeit gezwungen wäre? Wenn man Zeit hätte, das Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten? Raum für Kreativität, Zeit für die Familie, für die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens hätte und nur noch selbstbestimmt arbeiten würde? Aber… wie wirkt sich das auf eingefahrene gesellschaftliche Strukturen, die Arbeitsmoral und das Geschlechtergefüge aus? Angesichts dessen würde doch vermutlich niemand mehr freiwillig im Niedriglohnsektor arbeiten wollen.

Ein großer Pluspunkt dieses nur rund 200 Seiten starken Romans ist seine klare Verortung im Hier und Jetzt: Arbeit und Selbstbestimmung, Konsumterror und Konsum-Protest sind nur einige der sozialpolitischen Fragen, die hier aufgeworfen und geschickt in die Handlung eingeflochten werden. Die Figuren sind allesamt Menschen, die um die Ecke wohnen könnten. Einfach ganz normal mit Ecken, Kanten, Fehlern und Schwächen, ausgestattet mit einer persönlichen Geschichte, die immer wieder durch die Zeilen dringt.

Mit Katharina begleitet man eine sympathische und vielschichtige Protagonistin, die inmitten dieser Umbruchssituation ihren Weg sucht. Sie ist lesbisch, nicht mehr ganz jung, und träumt noch immer davon, genau das zu tun, was väterliche Sorge einst zugunsten finanzieller Sicherheit unterband: “Noten essen und im Violinenschlüssel wohnen”, Musikerin werden, am Klavier sitzen, den Kinderlärm und das unerträgliche Grundrauschen des Alltags aussperren. Die Aussicht auf ein Grundeinkommen rückt diesen Traum in greifbare Nähe. Oder?

Und dann ist da auch noch Amalia. Ein Großstadtmensch, eine Frau, der es gelingt, sich in Katharinas Herz zu schleichen. Amalia ist intelligent, verständnisvoll – und ungemein gefährlich…

Es ist ein schön zu lesendes, modernes Buch. Fast nebenbei schildert es neben der Identitätssuche seiner Hauptfigur auch die behutsame Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, erfrischend unaufgeregt und selbstverständlich. Nur in den Debatten um sozialpolitische Fragen verliert sich der warme, unterhaltsame Erzählton mitunter etwas. Wenn es abgesehen davon etwas zu kritisieren gibt, dann, dass der Ausflug nach Süderlenau zu früh endet. Wie im wahren Leben löst sich nicht alles auf, Chancen bleiben noch ungenutzt und verpasste Gelegenheiten hinterlassen neue Wunden.

Am Ende verlässt Margot Krause das Städtchen wieder, und man blickt dem verschwindenden Zug zusammen mit Katharina vom Bahnsteig aus hinterher. Aufgewühlt, nachdenklich.

Zweiter Teil, Frau Wenke?

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Astrid Wenke
Eine Milliarde für Süderlenau
Roman | 208 Seiten, Klappenbroschur, ISBN 978-3-930041-89-3, 16.90 €

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Categories: Belletristik, Frauenromane, Literatur

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