“Endlich. Mein Sterben” von Christopher Hitchens

Letzte Botschaften eines streitbaren Intellektuellen

und genialen Rhetorikers

Endlich2011 starb der britisch-amerikanische Journalist Christopher Hitchens im Alter von 62 Jahren an einer Lungenentzündung als Folge von Krebs. Er war Buchautor und Auslandskorrespondent, Essayist, Literaturkritiker und Dozent, schrieb für die linke Wochenzeitschrift “The Nation”, die “New York Times”, “Slate”, das “Wall Street Journal” und die “Vanity Fair”, war glühender Verfechter von Meinungsfreiheit und Atheismus.  Als Menschenrechtler unterzog er sich freiwillig der Prozedur des von der amerikanischen Regierung legitimierten “Waterboardings”, um den Beweis aus erster Hand anzutreten, dass es sich dabei um Folter handelt. 2007 erschien seine viel beachtete Religionskritik “Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet”, 2011 seine Autobiographie “The Hitch: Geständnisse eines Unbeugsamen”, beide im Blessing Verlag.

Mit “Endlich. Mein Sterben” liegt nun das letzte Buch des streitbaren Intellektuellen in deutscher Übersetzung vor. Es beschreibt sein Sterben erschütternd und bedrückend nah, angefangen von dem Moment, als Christopher Hitchens im Juni 2010 während einer Lesereise zu seiner neu erschienen Autobiographie wegen unerträglicher Schmerzen die Sanitäter in sein New Yorker Hotelzimmer ruft. Ein Moment, der endgültig „die Deportation aus dem Land der Gesunden über die scharf markierte Grenze ins Territorium der Krankheit“ kennzeichnet.

Das Phasenmodell der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross weist er zurück. Ihre Einteilung des Sterbens in die Stufen Verdrängung, Wut, Verhandeln, Depression und Zustimmung treffe auf ihn nicht zu, schreibt er. „Ich habe den Sensemann lange herausgefordert, mit seinem Werkzeug einen Hieb in meine Richtung zu tun […]. Zorn wäre aus demselben Grund unangemessen. Stattdessen bedrückt mich ein nagendes Gefühl der Verschwendung“. Der Verschwendung und des Verlusts all dessen, was er nicht mehr sehen, nicht mehr erleben, nicht mehr auf die ihm eigene, unnachahmliche Weise mit rhetorischer Brillanz kommentieren kann. Ungebrochen zunächst sein Kampfgeist. Jedenfalls bis „freundliche Leute“ kommen, um das Gift über eine Kanüle in seinen Körper laufen zu lassen. Dann schwindet „überwältigt von Passivität und Ohnmacht” das Selbstbild des tapferen Kämpfers. “Sie lösen sich in Machtlosigkeit auf wie ein Stück Würfelzucker im Wasser.“

Schmerzhaft direkt, nah, ehrlich – so schonungslos wie über das Leben schreibt Hitchens nun über den Tod, seine eigene Endlichkeit, sein Sterben.

Seinen Standpunkt vertrat er von jeher ohne Scheu vor “heiligen Kühen” oder falsche Diplomatie. So kritisierte er etwa Mutter Theresa als “Ghul von Kalkutta”, freute sich, mit Jerry Falwell einen “gefährlichen Demagogen losgeworden” zu sein und lehrte seine Gegner selbst angetrunken das Fürchten.  Wie Christopher Hitchens’ Ehefrau Carol Blue in ihrem Nachwort von “Endlich. Mein Sterben” anmerkt: “Auf dem Podium war mein Mann eine Nummer, nach der man eigentlich nicht mehr auftreten wollte.”

Und wenn er irrte wie etwa in seiner Haltung zum Irak-Krieg, dann aufgrund ehrlicher Überzeugung und Leidenschaft. Hitchens hat gelebt für diesen “wunderbare(n) Moment, wenn man jemanden unterbrechen und eine Anekdote überbieten kann, wenn man einen Satz umdreht, dass alles lacht, wenn man einen Gegner der Lächerlichkeit preisgibt.” Seine scharfe Zunge war gefürchtet. Ironie des Schicksals, dass er ausgerechnet an Speiseröhrenkrebs erkrankt, seine Stimme verliert, verstummt.

Atheist bleibt er bis zum Schluss. Alles andere wäre nicht mehr er. Gegnern, die angesichts seiner Erkrankung von einer Strafe Gottes faseln, begegnet er spöttisch, kühl und überlegen: „Die rächende Gottheit hat ein peinlich geschrumpftes Arsenal, wenn ihr nichts anderes einfällt als genau die Art Krebs, den mein Alter und mein einstiger Lebensstil statistisch ohnehin nahelegen.“ Man kann ihm sicher vieles nachsagen, ein gesunder Lebenswandel gehört definitiv nicht dazu. Der Genussmensch Hitchens – Raucher, Trinker, Esser – hat “bewusst die Kerze an beiden Enden brennen lassen” und sich an dem strahlenden Licht erfreut.

Seine letzten Aufzeichnungen bleiben unvollendet, fragmentarisch. Er starb in einem Krankenhaus in Houston, Texas.

Das Nachwort stammt von Carol Blue, die tut, worum sich niemand reißt: nach Christopher Hitchens die Bühne betreten, nach ihm sprechen. Sie holt ihn zurück – “und er hat das letzte Wort. Immer wieder hat Christopher das letzte Wort.” Für uns nur einmal noch. Ein letztes Mal in “Endlich. Mein Sterben.”

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CHRISTOPHER HITCHENS
Endlich. Mein Sterben
Mit Vorwort von Peter Schneider
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 128 Seiten
ISBN: 978-3-570-55218-6
€ 12,99

Verlag

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Categories: Biographien, Literatur, Philosophie

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