“Friedhof der Unschuldigen” von Andrew Miller

Sprachmächtiger Roman am Vorabend der Französischen Revolution

Friedhof der Unschuldigen

Der Cimetìere des Innocents, der “Friedhof der Unschuldigen”, ist Ende des 18. Jahrhunderts der größte innerstädtische Friedhof von Paris. Bedingt durch Seuchen und Hungersnöte ist die Sterblichkeit hoch, sodass “während eines einzigen Ausbruchs der Seuche in weniger als einem Monat fünfzigtausend Leichen begraben” werden müssen. Kein leichtes Unterfangen, denn “die Totenkarren (stehen) in der Rue Saint-Denis (…) Schlange” und die Stadt rund um den Friedhof wächst und wächst.

 

Vor dieser historischen Kulisse entfaltet sich Andrew Millers Roman “Der Friedhof der Unschuldigen”, der aufgrund seiner zeitlichen und räumlichen Verortung an Patrick Süskinds “Das Parfüm” erinnert. Dessen Protagonist Jean-Baptiste Grenouille kommt ganz in der Nähe auf einem Fischmarkt zur Welt, und wenn sich etwas nach der Lektüre in ewiger Erinnerung eingebrannt hat, dann ist es die eindringliche Darstellung des unerträglichen Gestanks, der die gesamte Stadt umfangen haben muss.

 

Im November 1780 wurde der real existierende „Friedhof der Unschuldigen“ endgültig geschlossen. Fünf Jahre darauf begann man damit, die Schädel und Knochen in die Katakomben zu transportieren und sie in bestimmten Formationen aufzuschichten, statt sie einfach nur in die Tiefe ihres neuen Massengrabes zu schütten. Teile davon können bis heute besichtigt werden.

 

In Andrew Millers Roman fällt die undankbare Aufgabe, Kirche und Friedhof aufzulösen, um die Pariser Bevölkerung vor den Leichengiften zu schützen, dem jungen, ehrgeizigen Ingenieur Jean-Baptiste Baratte zu. Kenntnisse in Geometrie und Algebra kann er ebenso vorweisen wie Erfahrungen im Bergbau, beides überaus nützlich für die Tätigkeiten, die vor ihm liegen. Eigentlich träumt der Idealist davon, Wege über das Wasser zu erschaffen, ein berühmter Brückenbauer zu werden. Doch den schaurigen Auftrag von höchster Stelle in Versaille kann er nicht ablehnen. Beim Abtransport der Knochen soll er “mit dem notwendigen Gespür, mit der notwendigen Diskretion” vorgehen, um die abergläubischen Bürger nicht in Aufregung zu versetzen. Sie respektieren die Totenruhe und erzählen sich darüber hinaus allerlei gespenstische Legenden.

 

Baratte bezieht zunächst Quartier im Haus der Monnards, das sich in der Rue de la Lingerie direkt am Friedhof befindet. So erlebt er die Auswirkungen auf das Alltagsleben direkt mit, nimmt die Gerüche im Atem seiner Gastgeber, in den Speisen und in der Luft wahr.

 

Allein bewältigen kann er den Auftrag nicht. Also setzt er sich mit seinem alten Freund und Kollegen Lecoeur, mit dem er früher in den Bergwerken von Valenciennes tätig war, in Verbindung. Dort findet er auch die benötigten „Männer, Empfänger von Hungerlöhnen, gewöhnt an eine Form von Arbeit, die andere binnen einem Monat umbringen würde.“

 

Licht und Schatten

 

Sprachgewaltig beschwört der englische Autor Andrew Miller, der für „Friedhof der Unschuldigen“ unter anderem den Costa Award (früher Whitbread Award) für den besten Roman des Jahres 2011 erhielt, das Frankreich am Vorabend der Revolution zwischen Schauerromantik und Aufklärung und lässt ein Stück Kulturgeschichte lebendig werden. Dabei schreibt er so anschaulich, dass man meint, das Leben zur damaligen Zeit mit allen Sinnen fassen zu können: Man riecht förmlich den beißenden Gestank von Tod und Fäulnis in der Stadt. Man ahnt die kommende Revolution. Man spürt die gespannte Atmosphäre zwischen Tradition und Moderne, erlebt Widerstand und Akzeptanz, Sorgen und Aufbruchsstimmung.

 

Mal mehr und mal weniger subtil spielt der Autor mit Metaphern der Dunkelheit und des Lichts, die vom Anbruch einer neuen Epoche künden: Während innerhalb Versailles bestenfalls Kerzen die Flure erhellen – ein Bild für das sich längst im Untergang befindende Ancien Régime – werden im Odéon Theater revolutionäre Stücke, etwa von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, gespielt. Bei der Zerstörung der Kirche scheint mit der einfallenden Sonne die Hoffnung auf „eine Zeit […] da […] die Sonne nur freie Menschen bescheinen [wird] die keinen anderen Herrn als ihre Vernunft kennen“ wie ein Holzhammer.

 

Vor allem ein Nebencharakter wirft jedoch einen langen Schatten und erinnert an das, was folgen wird: Dr. Guillotin, ein freundlicher Mann, nach dem später die Enthauptungsmaschine der Französischen Revolution benannt werden wird, steht Baratte zur Seite. Er befriedigt seine wissenschaftliche Neugier, kümmert sich um die medizinische Versorgung der flämischen Arbeiter, beruhigt, erklärt und rationalisiert. Die emotional und körperlich überforderten einfachen Leute reagieren mit Angst und werden mit den üblichen Mitteln Tabak, Frauen, Alkohol und Geld ruhig gestellt. Hier „ein zusätzliches Quantum Grog, [da] ein paar zusätzliche Münzen“.

 

Historische Genauigkeit, emotionale Oberflächlichkeit

 

Als Roman funktioniert “Friedhof der Unschuldigen” nur bedingt. Faszinierend sind vor allem der sehr detailreich und realitätsnah ausgestaltete historische Hintergrund, die plastische Schilderung der Stadtbewohner, ihrer Lebensumstände und der Umgang mit den Toten. (Ein kleiner historischer Fehler hat sich eingeschlichen, denn in Metern maß man derzeit noch nicht, sondern in der französischen Längeneinheit Toise.)

 

In dieser Mischung aus Fakten und Fiktion betreten viele Figuren die Bildfläche. Wunderbar gezeichnet sind etwa Armand de Saint-Méard, der Organist an der “Kirche der Unschuldigen”, oder auch der Schneider Charvet, der Baratte einen Anzug aus pistaziengrüner Seide – ein Muss für „Freigeister“ – fertigt. Doch schaffen es nicht alle als Individuen mit eigenen Beweggründen, Gedanken und Wünschen zu überzeugen.

 

Beziehungen bleiben oberflächlich charakterisiert, mitunter vermisst man einen gewissen emotionalen Tiefgang. Ein bewusst eingesetzter Effekt?

 

Nicht ohne Grund agiert als Protagonist ein rational denkender Ingenieur. Methodisch und durchdacht wird unter seiner Ägide der alte Friedhof abgetragen. Gefühle der Pietät, unlogische Ängste, abergläubisches Gedankengut, die “Nachtseite der Romantik” verlieren zunehmend ihren Platz in der Welt schonungsloser Rationalität, in der die Störung der Totenruhe vernunftmotiviert begründet wird. Schließlich geht es um die Verbesserung der Hygiene, um den Schutz der Bevölkerung vor Faulgasen und Gestank. Doch selbst Baratte ist nicht komplett gegen ein mulmiges Grundgefühl gefeit, schiebt Gedanken an das, was er da eigentlich tut, beiseite. Seiner Ambivalenz angesichts der zu bewerkstelligenden Aufgabe und seiner Reifung während des Arbeitsprozesses zum Trotz bleibt er als Figur eigentümlich blass. Daran ändert auch seine Liebesbeziehung zu der belesenen österreichischen Hure Héloise nichts. Leider stolpert Miller bei der Ausgestaltung der „öffentlichen Frau“ mit dem Herzen aus Gold zudem inhaltlich in die Klischeefalle, die er sprachlich stets meisterhaft umschifft.

 

Fazit

 

Alles in allem bietet „Der Friedhof der Unschuldigen“ ein enormes historisches Lesevergnügen, das man sich als geschichtlich interessierter Mensch nicht entgehen lassen sollte. Im Präsens erzählt, verwebt Millers elegante, kraftvolle Prosa reale Schauplätze und Persönlichkeiten mit fiktiven Figuren und der Schilderung der Aushebung des Friedhofs, die sich in ähnlicher Form in der Tat so zugetragen haben könnte. Dabei transportiert der Autor gekonnt ambivalente Gefühle und unterschiedliche Umgangsweisen mit dem Anbruch der neuen Zeit: Die Vernunft fordert Opfer, und manchen Charakteren gelingt es nicht, das Alte hinter sich zu lassen und sich dem Neuen zu öffnen. Gleichzeitig erinnert Miller mit Dr. Guillotin an das, was folgen wird, wenn die Revolution schon wenige Jahre später ihre eigenen Kinder frisst.

 
___________

Andrew Miller
“Friedhof der Unschuldigen”
Gebunden, 384 Seiten
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552056440

Verlag
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Categories: Belletristik, Historische Romane, Literatur

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2 replies

  1. Ah, Du bist es ja, die mir das Buch vorgeschlagen hat und erst jetzt sehe ich es bei dir in deinem Blog.
    geschichtlich interessierter Mensch – neeeee :)
    Wird aber bestimmt interessant, habe aber nur Fazit gelesen und scheint okay zu sein.

    Liebe Grüße, Gregor

  2. Habe ich gerade vor kurzem gelesen und fand gerade den historischen Hintergrund sehr interessant. Ähnlich war es ja auch mit den Friedhöfen in London.

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