“Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte” von Peter Heller

Wunderbare Erzählung über Freundschaft und Hoffnung

Das Ende der SterneDystopien liegen im Trend, was angesichts der derzeitigen realen Entwicklungen in unserer Welt kaum verwundert. Düstere Visionen von Überwachungsstaaten, Diktaturen, Kriegen und Naturkatastrophen, von Anarchie und Chaos begegnen uns in den verschiedensten Endzeitszenarien. Da aus der Menge traditionsreicher Veröffentlichungen herauszustechen, ist nicht einfach.

Dem amerikanischen Autor Peter Heller ist es gelungen: Mit seinem Debütroman “Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte” legt er eine berührende Endzeiterzählung über Verlust und Einsamkeit, aber auch voller Wärme, Menschlichkeit und Hoffnung vor. Dabei lenkt er das Hauptaugenmerkt weniger auf äußere Ereignisse. Der eigentliche Plot ist schnell erzählt und in einigen Teilen auch vorhersehbar. Weit wichtiger ist jedoch das, was in Big Hig, aus dessen Ich-Perspektive das Geschehen erzählt wird, vorgeht.

Held mit eigener Stimme

Polarisieren dürfte der Stil: Heller setzt oft innere Monologe und die Technik des Bewusstseinsstroms ein. Zudem verzichtet er in Dialogen konsequent auf die Kennzeichnung der wörtlichen Rede. Ungewöhnlich wirkt auch Hellers Umgang mit Satzgrenzen: So endet er häufig mit einem Punkt, wo üblicherweise noch ein Wort folgen müsste. Diese mutige Umgang mit der Interpunktion wirkt zunächst ungewöhnlich, aber verleiht dem Hauptcharakter letztendlich erst diese  ganz eigene Stimme, die durch das Abenteuer trägt.

Endzeit, Aufbruch und Neuanfang

In “Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte” sind eine Grippe-Pandemie und eine sich daran anschließende Blutkrankheit dafür verantwortlich, dass die Menschheit nahezu ausgerottet worden ist. Vorstellen kann man sich das in “so wie AIDS vielleicht, nur ansteckender. Die Kinder kommen damit auf die Welt, sie sind schwach und krank, und jedes Jahr sterben ein paar von ihnen.”

Die wenigen (teils ebenfalls infizierten) Überlebenden ziehen in kleinen Gruppen plündernd umher. Regeln und Gesetze gibt es – abgesehen von einem einzigen – nicht mehr: Der Stärkere überlebt.

Zu den Übriggebliebenen zählen der vierzigjährige Pilot Hig, sein Hund Jasper – ein australischer Schäferhundmischling – und sein schießfreudiger, berechnender Nachbar Bruce Bangley. Die Drei schlagen sich notgedrungen gemeinsam auf einem verlassenen Flughafengelände am Rande der Rocky Mountains durch. Es gibt dort Benzin und einen Generator für Strom. Sie ernähren sich vom Gemüseanbau oder machen Jagd auf die wenigen Tiere, die es noch gibt, und bedienen sich in verlassenen Gebäuden der Umgebung.

Der gutmütige Hig ist in dieser oft schwierigen Zweckgemeinschaft “das Auge” und unternimmt regelmäßig Kontrollflüge mit seiner einmotorigen 1956er Cessna, um das Gelände zu sichern. Bangley “hat die Waffen und ist der Muskel”. Nähert sich jemand, wird er erschossen. Ohne lange zu fragen.

Allerdings traut Hig den Waffenfanatiker Bangley nicht über den Weg. Er ahnt, dass allein seine Nützlichkeit ihn davor bewahrt, selbst ein Opfer von Bangleys Schießkunst zu werden und dass er besser auch Jasper niemals mit ihm allein lassen sollte, denn Bangley „hamstert. Am Ende neidet er dem Hund das Fleisch, wer weiß. Bei ihm muss immer alles einen Zweck erfüllen“.

Wenn Big Hig Patrouille fliegt, ist der betagte Japser stets als Co-Pilot an seiner Seite. Das treue Tier ist ihm als einziges aus seinem frühen Leben geblieben, ist Verbindung zur Vergangenheit, emotionaler Anker in der Gegenwart und wird Wegweiser in die Zukunft. Die ganz besondere Freundschaft und tiefe Liebe, die die beiden verbindet, stellt Heller mit unendlich viel Feingefühl und Herzenswärme dar.

In vielen Szenen wird deutlich, dass Big Hig Mitgefühl, Moral und Menschlichkeit nicht verloren hat. In ihm hat das Gute überlebt, und er setzt sich auf seine Art zumindest zum Teil auch gegen den menschenfeindlichen Bangley durch.

Doch eines Tages stirbt Jasper – und das verändert Big Higs Leben.

“Es gibt einen Schmerz, aus dem kann man sich nicht rausdenken. Wenn man bloß jemandem zum Reden hätte. Man kann immer noch gehen. Einen Fuß vor den anderen setzen. Einatmen, ausatmen. Aus dem Bach trinken. Pinkeln. Dörrfleisch kauen. Jaspers Dörrfleisch auf dem Weg verstreuen, für die Kojoten und die Häher. Und. Man kann den Verlust nicht verdauen. Er sitzt in den Zellen des Gesichts, in der Brust, hinter den Augen, in den Windungen der Eingeweide. Muskeln, Sehnen, Knochen. In jedem Teil von dir.”

Tage später folgt Hig, den nichts mehr an Ort und Stelle hält, einem alten Funkspruch aus Grand Junction. Empfangen hat er ihn vor drei Jahren. Ihn treibt die Hoffnung, irgendwo doch noch andere zu finden, andere wie ihn. Er fliegt weiter bis „ans Ende der Sterne, so wie“ er sie kannte und begegnet zum ersten Mal nach Jahren einer gesunden Frau: Cima. Vielleicht ist es doch noch nicht zu spät. Nicht für ihn, nicht für die Welt. Vielleicht ist der Neuanfang tatsächlich möglich?

Subjektiver Blick auf die Welt

Ein paar Unklarheiten werden während der Reise bis zuletzt nicht beseitigt: So bleibt beispielsweise offen, was die Pandemie ursprünglich ausgelöst hat und ob die Situation in der arabischen Welt eventuell tatsächlich anders aussieht als in den USA. (Es gibt Mutmaßungen, dass die Araber möglicherweise gegen das Virus immun sein könnten.) Andererseits kann es – bedingt durch die Erzählperspektive – darauf keine Antworten geben. Ein Kunstgriff, den unter anderem auch Karen Thomson Walker in ihrem dystopischen Roman “Ein Jahr voller Wunder” nutzt, in dem eine 12-Jährige als Erzählerin auftritt.

Big Hig kann nur aus seinem Leben erzählen und das reflektieren, was er denkt und erlebt hat. Er weiß die Antwort schlicht und einfach nicht.

Literarisches Debüt eines Naturfreundes

Peter Heller, der in New York geboren wurde und aufwuchs, lebt heute in Denver, Colorado. Die direkte Begegnung mit den Kräften der Natur scheint auf ihn eine fast magische Anziehungskraft auszuüben: So ruderte er unter anderem durch die Tsangpo-Schlucht in Tibet, surfte von Kalifornien an die mexikanische Küste und unterstützte den Tierschützer Paul Watson im Kampf gegen den Walfang. Vor Gefahren und extremen Situationen scheut er ganz offensichtlich nicht zurück. Nicht zuletzt standen auch der Respekt vor der Natur und Tierliebe Pate bei der Gestaltung seiner Romanhelden.

Fazit

Poetisch und einfühlsam gestaltet Peter Heller das Abenteuer um seinen naturverbundenen, sensiblen Helden, der seine Menschlichkeit und seinen Mut aller Verluste zum Trotz nicht verliert. Ihm ist mit diesem literarischen Erstlingswerk ein berührender, philosophischer Roman gelungen, der nachdenklich macht und auch aufgrund seiner schönen Sprache lange nachhallt! So schnell wird man Big Hig und seinen treuen Freund Jasper – für mich die schönste Liebesgeschichte des gesamten Buches – sicher nicht vergessen. Empfehlenswert!

_____________

Peter Heller
“Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte”
Gebunden, 320 Seiten
Eichborn Verlag
ISBN-10: 3847905198

Verlag
Amazon

Advertisements


Categories: Belletristik, Literatur, Science Fiction & Fantasy

Tags: , , , , ,

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: