“Die Toten vom Karst” von Veit Heinichen

Roman für Triest-Liebhaber mit Faible für Stadtgeschichte

die_toten_vom_karst-9783423206204Das größte Manko ist, dass bei „Die Toten vom Karst“, dem zweiten Fall des in der Hafenstadt Triest ermittelnden Commissario Proteo Laurenti, die Spannung weitgehend fehlt. Eigentlich ein K.-o.-Kriterium für einen Kriminalroman.

Doch die deprimierte Grundstimmung des Ermittlers, der tief in einer Beziehungskrise steckt, scheint sich beim Lesen zu übertragen, sodass man sich eher mäßig motiviert durch die Seiten schleppt. Fast zögerlich kommt dann der eigentliche Fall in Gang – und es sind die historischen Bezüge und interkulturellen Verflechtungen, die letztendlich fesseln.

Die Bora nera, ein eisiger Nordostwind, hat die Stadt fest im Griff. Die Touristen sind längst verschwunden, und wer nicht unbedingt vor die Tür muss, verlässt das Haus nicht. Während Triest im Schnee versinkt, verheddert sich der Commissario in seinem Gedankenkarusell. Seine Ehe mit Laura steht auf dem Prüfstand. Sie hat sich vorübergehend von ihm getrennt. Eiszeit auf ganzer Linie.

Proteo Laurenti raste vor Wut, Eifersucht und Verzweiflung. Er hatte sich die ganze Nacht unruhig im Bett hin und her gewälzt, geschwitzt und gefroren und kaum geschlafen. Ihm war speiübel.
Es war der 19. November, ein Sonntag, und das Tageslicht konnte sich kaum gegen die schwarzen Sturmwolken durchsetzen. Die Bora nera fegte seit gestern abend über die Stadt und riß alles mit sich, was nicht fest verankert war. Fensterläden klapperten, und immer wieder hörte man einen Knall von Blumentöpfen oder anderen Gegenständen, die auf die Straße oder die enggeparkten Autos krachten. Vom Hafen her kam das einzig versöhnliche Geräusch: der Wind schien Harfe zu spielen auf den Wanten und Stegen der Segelschiffe.
Laura hatte ihm gestern abend eröffnet, daß es einen anderen Mann in ihrem Leben gebe.

Er raucht wieder, ernährt sich falsch, trinkt zu viel, zieht sich nicht witterungsentsprechend vernünftig an und auch die heimische Ordnung entgleitet ihm zusehends.

Gut, dass wenigstens die Arbeit ablenkt, bevor es zu unerträglich wird, den launischen und auch etwas machohaften Antihelden weiter in seiner Krise zu begleiten: Die Stadt wird mehr und mehr zur Anlaufstelle für Rechtsradikale; die Konflikte zwischen Rechten und Linken verschärfen sich. Auch sein heranwachsender Sohn Marco wird in einer Kneipe in Auseinandersetzungen verwickelt.

Die politische Situation in der Stadt war angespannt. Schon Ende August hatte die Forza Nuova ein internationales Faschisten-Treffen in Triest angekündigt, nachdem die für September in Mailand geplante Zusammenrottung verboten worden war. Deutsche Neonazis und NPD-Anhänger, angeführt vom ehemaligen RAF-Anwalt Horst Mahler, Österreicher, Rumänen, Griechen, Skandinavier, sowie der englische Holocaust-Leugner David Irving wurden erwartet.

In dem nahe gelegenen Bergdorf Contovello kommt die junge Familie eines beliebten Feinkostladen-Inhabers bei einem Bombenanschlag ums Leben. Zeugen gibt es nicht; das Motiv ist unklar.

Wenig später ereignen sich zwei weitere ungewöhnliche Todesfälle: Ein 65-jähriger Fischer fällt auf stürmischer See über Bord, den alten Schiffseigner findet man im Karst an der Foiba von Monrupino, einer Schachtschlucht, mit einer Harpune im Herzen. Er hängt am Kreuz einer Gedenkstätte. Handelt es sich um einen Ritualmord?

»Sieht nach einer Hinrichtung aus. Bis auf die Harpune ist alles typisch.«
»Typisch für was?« fragte Laurenti.
»Typische Foltermethode der Slawen. 1943 und 1945. Ich habe viele von denen gesehen. Man hat sie auf das Gestell gebunden und hängen lassen. Wenn man sie nach ein paar Stunden wieder abgenommen hat, waren ihre Arme für Wochen gelähmt. Wenn man sie überhaupt wieder abnahm.«

Erst nach und nach deckt der Commissario die Zusammenhänge auf und kommt auf die Spur einer uralten Feindschaft zwischen zwei Familien, die seit 1943 eine Rechnung zu begleichen haben. Laurenti taucht ein in Schmuggelei und Drogenhandel, erlebt ein verworrenes Geflecht aus alter Feindschaft, Abhängigkeiten und Familienbanden.

Einer gewissen Enttäuschung zum Trotz überzeugt der kenntnisreiche Roman durch seine Alltagssituationen und liebevoll ausgearbeitete Charaktere – zu nennen ist hier besonders der stark angejahrte Gerichtsmediziner Dr. Galvano – und punktet mit atmosphärischer Dichte, Lokalkolorit und geschichtlichen Verknüpfungen.

Heinichen gelingt es, ein düsteres Kapitel Stadtgeschichte ins Bewusstsein der Lesenden zu holen.

Veit Heinichen

Veit Heinichen, Mitbegründer und ehemaliger Geschäftsführer des Berlin-Verlages, pendelte selbst jahrelang zwischen Berlin und Triest. 1999 zog er sich schließlich aus dem Verlagsgeschäft zurück und ließ sich endgültig in seiner italienischen Wahlheimat nieder. Seitdem konzentriert er sich voll und ganz auf das Schreiben von kulturhistorischen Beiträgen und Kriminalromanen, die Zeitgeschichte einfangen und so zum Spiegel gesellschaftlicher Realität werden.

Seine Romane erfreuen sich auch international großer Beliebtheit und werden ins Italienische, Niederländische, Spanische, Französische, Slowenische, Griechische, Tschechische, Polnische und Norwegische übersetzt.

Fünf seiner Kriminalromane wurden mit Henry Hübchen in der Rolle des Commissario Laurenti und Barbara Rudnik als dessen Frau Laura für die ARD verfilmt.

Auszeichnungen

„Die Toten vom Karst“ wurde 2003 bei der Vergabe des Premio Franceo Fedeli in Bologna unter die drei besten italienischen Kriminalromane des Jahres gewählt. Im September 2005 wurde Veit Heinichen mit dem Radio-Bremen-Krimipreis für seine „feinfühlige, unterhaltsame und genaue Erforschung der historisch-politischen Verflechtungen, die Triest als Schauplatz mitteleuropäischer Kultur kennzeichnen“ (Begründung der Jury) geehrt. Weitere Auszeichnungen folgten: Er erhielt den Premio Azzercagarbugli für „Die Ruhe des Stärkeren“ (2010), den 13. Internationalen Literaturpreis Città die Trieste (2011) und den Gran Premio Noè für sein schriftstellerisches Schaffen (2012).

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Veit Heinichen
“Die Toten vom Karst”
Taschenbuch, 368 Seiten
dtv-Verlag
ISBN 978-3-423-20620-4

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Categories: Krimis und Thriller, Literatur

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