“Flut” von Daniel Galera

Der Hund, das Meer und der Mythos

flutDer 1979 in São Paulo geborene Autor und Übersetzer Daniel Galera ist ein ungemein fesselnder, bildgewaltiger Erzähler. In Brasilien sind seine literarischen Werke vielfach ausgezeichnet, verfilmt und für das Theater adaptiert worden. Galera hat unter anderem Zadie Smith, Jonathan Safran Foer, David Foster Wallace und Hunter S. Thompson ins Portugiesische übersetzt. Mit „Flut“ erscheint im Suhrkamp-Verlag erstmals eines seiner Bücher auf Deutsch in der Übersetzung von Nicolai Schweder-Schreiner.

Setting des ungemein kraftvollen, bildreichen Romans ist Garopaba , ein kleines Fischerdorf an der Südküste Brasiliens. Daniel Galera, der heute im südbrasilianischen Porto Alegre lebt, begleitet den Selbstfindungsprozess eines jungen Mannes im Spannungsfeld von Willensfreiheit und Determinismus und stößt dabei existentielle Fragen an.

Drei Generationen

Der 33-jährige Erzähler bleibt namenlos, und er hat ein Problem: Er kann sich keine Gesichter merken, auch sein eigenes nicht. Grund dafür ist eine Prosopagnosie, eine Teilleistungsschwäche des Gehirns, ausgelöst durch Sauerstoffmangel während der Geburt. Zum Wiedererkennen von Menschen ist er auf andere Sinneseindrücke angewiesen oder auf ausgeprägte Einzelheiten wie Narben oder Tätowierungen. Als er seinen Vater Hélio besucht, betrachtet er dessen Gesichtszüge sehr genau, fährt markante Punkte mit den Augen ab, so als suche er unablässig nach Verankerungsmöglichkeiten eines Bildes in seinen Gedanken.

„Er sieht eine knollige Nase, glänzend und porös wie eine Mandarinenschale. Ein seltsam jugendlicher Mund zwischen Kinn und Wangen, die von feinen Falten durchzogen sind, die Haut ein wenig schlaff. Frisch rasiert. Große Ohren mit noch größeren Ohrläppchen, die aussehen, als würden sie von ihrem eigenen Gewicht nach unten gezogen.“

Sein Vater hat ihn nicht ohne Grund hergebeten. Er will sich von seinem Sohn verabschieden. Ein letztes Mal spricht er vom Alter, von seiner sich verschlechternden Gesundheit, von ihrer Familiengeschichte. Neben sich die geladene Pistole auf dem Tisch, die sagt, was geschehen wird, lange bevor er es ausspricht. Er will nicht mehr.

Hélio berichtet seinem Sohn von dessen Großvater, der in einem kleinen Fischerdorf Garopaba bei Laguna 1969 auf einem Fest während eines Stromausfalls mit Hunderten von Messerstichen ermordet worden sein soll. Begegnet sind sie sich nie. Doch die Ähnlichkeit zwischen Großvater und Enkel sei groß: derselbe athletische Körperbau, dieselbe Affinität zum Sport, dieselbe Schweigsamkeit. Allerdings sei der Großvater auch für eine jähzornige, gewalttätige Seite bekannt gewesen.

Am Ende des Gesprächs kündigt Hélio seinen Suizid an. Das Leben sei einfach zu lang, erklärt er, unwillig, sich mit seiner altersbedingten schwindenden Lebensqualität zu arrangieren. Es gibt nur noch eins, was der Sohn für ihn tun kann: Er soll die 15 Jahre alte Australian Sheperd-Hündin Beta nach seinem Tod einschläfern lassen, damit sie nicht leidet.

„Du kannst ein Kind sitzenlassen, einen Bruder, einen Vater und mit Sicherheit eine Frau, all das kann unter gewissen Umständen gerechtfertigt sein, aber nicht einen Hund, um den du dich eine Zeit lang gekümmert hast, dazu hast du nicht das Recht […] Ein treuer Hund ist ein verkrüppeltes Tier. Diesen Pakt können wir nicht lösen.“

Doch Beta ist alles, was dem Erzähler nach dem Tod des Vaters bleibt… Sie und ein ungeklärtes Familiengeheimnis.

Der Hund und das Meer

Er begibt sich auf Spurensuche nach Garopaba. Die treue Hündin nimmt er mit. Relevante Orte markiert er dabei in einer Karte, um sie später wiederfinden zu können; relevante Menschen verankert er mit Hilfe von Details wie Narben, Frisuren, Tätowierungen. Sein Alltag in dem kleinen Fischerdorf wird bestimmt durch Nachforschungen nach dem Verbleib des Großvaters, aber auch durch lange Spaziergänge mit Beta und vor allem durch das Schwimmen im offenen Meer.

„Es ist nicht das erste Mal, dass der Lärm der Wellen ihn im Schlaf begleitet, aber diesmal ist es kein fernes Rauschen, kein Hintergrundgeräusch. Das Meer atmet direkt in sein Ohr. Er hört jede einzelne Welle gegen die Steine schlagen, das Schnaufen der Gischt, das Plätschern. […] Die Fischer brüllen sich unverständliche Dinge zu, so laut und aufgeregt, dass es wie besessen klingt, bis ihre Stimmen zusammen mit dem Lärm der Motoren im Rauschen des Meeres untergehen.“

Ihn treibt die unablässige Suche. Nicht nach seiner Identität; er weiß, wer er ist. Unklar allerdings ist sein Platz im Leben. Wo gehört er hin in diesem verwirrenden Gefüge aus Unbeständigkeit, in dem Beziehungen kommen und gehen, flüchtig sind wie die Gesichter der Menschen, die er sofort wieder vergisst und die doch so tiefe Spuren hinterlassen? Nichts ist von Dauer. Seine Eltern hatten sich vor langer Zeit scheiden lassen; seine Freundin Viv lebt inzwischen mit seinem Bruder zusammen und erwartet ein Kind. Und er?

„Bis vor ein paar Jahren bat er die Menschen jedes Mal um Entschuldigung, wenn er sie nicht erkannte, das war ganz normal, aber dann kam es ihm irgendwann lächerlich vor, und er hörte damit auf. Es war nicht seine Schuld.“

Die anderen sind andere… Kann ein „Erkennen“ überhaupt gelingen?

Mensch und Mythos

Er befragt Polizisten, sucht nach Weggefährten seines Großvaters, studiert Dokumente. Auf Begeisterung bei den konservativen Einheimischen stößt das nicht. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Fremden, dem „Gaucho, der vor zwei Generationen nach Garopaba kam, scheint sie zu erschrecken. Gesteigert wird das zusätzlich, als er sich zudem noch einen Bart wachsen lässt.

Bei dem Versuch, den Mythos um seinen Vorfahren zu ergründen, bringt der Erzähler nicht nur sich selbst, sondern auch seine Hündin in große Gefahr…

Doch schließlich lüftet der Erzähler das Geheimnis und wird selbst zunehmend zu einem Bestandteil desselben. Es ist, als bewege er sich zurück durch Raum und Zeit in die Vergangenheit der Entstehung dieser Legende. Was einmal geschah, beginnt sich zu wiederholen, und er findet das, wonach er vielleicht immer gesucht hat…

„Wenn man zurückschaut“, so das Fazit des Erzählers, ist alles unvermeidlich.“

Erwachsener Entwicklungsroman

Es sind Sprachgewalt des Autors, der kraftvoll und sinnlich das Leben auf Garopaba einfängt, und das unablässige Spiel mit Metaphorik und philosophischen Gedanken, die diesen Roman so ungemein lesenswert machen. „Flut“ überschreitet die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, Folklore und Zeitgeist, Tradition und Moderne. Ein berührender Entwicklungs- und ein Stück weit auch ein Kriminalroman, der uns zeitweise beim Lesen durch seine Bildhaftigkeit ganz nah heranholt, dann wiederum durch die lakonische, beobachtende Erzählweise auch wieder Raum gewährt.

Daniel Galera gelingt es, der menschlichen Suche nach Sinn und Raum eine neue Facette zu verleihen, eine ganz eigene Stimme zu finden. Es geht um den Platz im Leben, auch auch um Beziehungen, um Wünsche, um Verletzungen, die man anderen zufügt und die nicht zurücknehmbar sind. Schon gar nicht durch ein Wort.

„Keiner kann mich von dem Leid befreien, dass ich anderen angetan habe. Man muss es in sich behalten, um ein besserer Mensch zu werden. Verzeihen heißt, so zu tun, als würde es nicht existieren. Aber das Leben ist das Ergebnis unserer Handlungen. Es ist sinnlos, sich so zu verhalten, als wäre etwas nicht geschehen.“

Dreh- und Angelpunkt ist das Meer: Es berührt Sehnsüchte, bietet Weite, Ausblick zu einem weit entfernten Horizont. Es lockt. Doch gleichzeitig macht es uns Menschen mit seiner Wildheit und Unbezähmbarkeit zu Gefangenen des Landes, weist uns in die Schranken und zeigt mit wilden Fingern auf den geringen Bewegungsspielraum, der uns in Wirklichkeit bleibt. Wie viel haben wir letztendlich wirklich in der Hand?

Den Zauber erhalten

Zugleich ist „Flut“ auch ein Roman über das Erzählen selbst, über die Magie alter Legenden, die in unserer globalisierten Welt zunehmend schwerer zu finden sind – und die auch in Brasilien langsam sterben. Sie verschwinden ebenso wie das traditionelle Leben der Fischer. Vielleicht erklärt auch das ein Stück weit die leise Melancholie, die beim Lesen unablässig begleitet.

Für mich ist Daniel Galera eine herausragende Entdeckung und „Flut“ ein Buch, das ich wärmstens weiterempfehle! Wenn man es aufschlägt, spürt man das Meer.

Buchtrailer

Daniel Galera in einem (sehr sehenswerten!) Skype-Interview zu “Flut”:

______________
DANIEL GALERA
Flut
Gebunden, 425 Seiten
ISBN: 978-3-518-42409-4

Verlag
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Categories: Belletristik, Literatur

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1 reply

  1. Danke für deine ausführliche und schöne Besprechung, die Erinnerungen an meine eigene Lektüre dieses Romans weckt. Ein großartiges Buch, wie ich finde, in dem mich vor allem die Geschichte des Hundes unheimlich berührt hat.

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