Ivan E. Coyote: “Als das Cello vom Himmel fiel”

Leise Töne mit Wärme und Tiefgang

Als das Cello vom Himmel fiel„Dieses Cello ist ein gottverdammtes Meisterstück.“

*

Ivan E. Coyote ist eine wunderbare Erzählerin, der es gelingt, sich sanft und unbemerkt in das Herz der Lesenden zu schreiben. Auf feinfühlige Art stößt sie dabei die Auseinandersetzung mit unzähligen Themen an, und zwar ohne, dass es aufgesetzt wirkt. Es geht um Liebe, Verlassenwerden und Neuanfang, um Freundschaft, Patchworkfamilien und unterschiedliche Lebensformen. Und nicht zuletzt auch um die Macht der Musik.

Leben auf dem Prüfstand

Das titelgebende Cello fällt Joey in die Hände, als sein Leben völlig aus der Bahn geraten ist: Er ist 40 Jahre alt, Automechaniker mit eigener Werkstatt in Drumheller, einem kleinen Nest in Alberta in der kanadischen Provinz. Ein Instrument hat er noch nie besessen. Eigentlich sah sein Lebensplan ein gemeinsames Leben mit Allyson vor, ein Haus am See, ein Hund, ein paar Kinder… Das Übliche eben.

Seit einem Jahr ist Allyson weg, durchgebrannt mit Kathleen, der Frau des Tankstellenbesitzers. Die beiden Frauen leben in einem Künstlerloft in Calgary, und Joeys gesamtes Leben steht auf dem Prüfstand.

„Das war eines der Dinge zwischen Ally und mir, die ich immer zu schätzen gewusst hatte – wir ließen einander Raum, wir hatten jeder unser eigenes Leben. Darüber gab es keine Debatten, dafür brauchten wir keine Regelungen, es ergab sich einfach so. Wir sind beide von Natur aus diskret.“

Der Punkt ist allerdings, dass Joey auch von Natur aus eher schweigsam, eigenbrötlerisch und in sich gekehrt ist. Er ist kein Mann großer Worte. Erst als Allyson weg ist und er die Sachen durchgeht, die sie zurückgelassen hat, wird ihm bewusst, wie wenig er eigentlich von seiner Frau wusste. Haben sie denn in all den Jahren einfach nur aneinander vorbeigelebt? War denn gar nichts echt?

Das Cello

Alles weckt Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Das einzige, was Joey wirklich ablenkt, ist die Arbeit. Als Jim Carson, ein „Cowboy“ aus der Stadt, ihm einen Gebrauchtwagen abkaufen will und im Austausch dafür ein handgefertigtes Cello anbietet, überlegt er nicht lange. Er nimmt an. Seine Mutter, seine Schwester und sogar sein Kumpel setzen ihm schon lange zu, dass er endlich aus seinem Loch rauskommen müsse. In der Kleinstadt, wo jeder jeden kennt, ist die Geschichte ohnehin Stadtgespräch, und es gibt kaum jemanden, der nicht mitbekommen hat, dass er verlassen wurde. Mit einem neuen Hobby hofft er, sich seine besorgten Mitmenschen vom Leib zu halten.

Kurze Zeit später gibt es allerdings eine Reklamation: Der Wagen springt nicht mehr an. Joey verspricht, ihn zu reparieren und macht dabei eine erschreckende Entdeckung…

„Ich lehnte mich einen Moment zurück. Und da sah ich es. Den Ruß. Ein dünner Film aus schwarzem Ruß bedeckte das ganze Wageninnere. […] Dann erschnupperte ich neben dem Benzindunst den stechenden Geruch von Abgasen.“

Als er den Wagen dennoch zurückbringen will, ist Carson spurlos verschwunden. Joey beschließt Nachforschungen anzustellen und – da sein Weg ihn ohnehin nach Calgary führt – dabei gleich noch einige andere Dinge in Ordnung zu bringen: Er nimmt Allysons Sachen mit und fasst den Plan, sich nach einer Cellolehrerin umzusehen. Denn was ist das Instrument wert, wenn er es doch nicht richtig spielen kann?

Das Instrument wird zu einer neuen Herausforderung, denn es öffnet ihm die Welt und lenkt sein Leben in neue Bahnen. In einem Motel in Calgary kreuzt er den Weg vieler Menschen, die – ganz ähnlich wie Joey – eigene Tragödien zu verwinden und Geschichten zu erzählen haben, Pause machen, eine Auszeit nehmen, nach Orientierung suchen.

Charakterstudien

Unaufgeregt, lakonisch, zugleich ungemein warmherzig und berührend erweist sich „Als das Cello vom Himmel fiel“ als unerwarteter Glücksgriff: Es ist ein Roman zum Wiederfinden und Wohlfühlen. Hier steht weniger die äußere Handlung, die sich in ein paar Sätzen zusammenfassen lässt, im Vordergrund, sondern vielmehr die Charakterstudien. Man bekommt Einblicke in die Lebensentwürfe und –stationen der Figuren, lernt sie kennen, so als würde man ihnen persönlich vor Ort begegnen und in ein Gespräch verwickeln. Die junge alleinerziehende Mutter Kelly, die vorübergehend mit ihrer kleinen Tochter in dem Motel lebt, hinterlässt dabei einen ebenso tiefen Eindruck wie der ältere, sympathische Hector oder Allyson und Kathleen, die zusammen neu angefangen haben.

Um eine tiefe Auseinandersetzung mit sich selbst kommt Joey allerdings nicht herum. Aber das geschieht in seinem Tempo.

Ein gelungener Roman der leisen Töne

Als der Cowboy spurlos verschwindet, lässt er Joey beides zurück: den Wagen und das Instrument. Damit verbinden sich Drumheller und Calgary, Vergangenheit und Zukunft. Erst nach und nach offenbart sich, wie viel Tiefe in diesem kleinen Buch und zwischen den Zeilen steckt. Die Frage ist letztendlich nicht unbedingt, wer die Schuld an etwas trägt, sondern vielmehr, wie man mit Entscheidungen und Geschehnissen umgeht. Weiter, so die Erkenntnis, geht es irgendwie immer. Es gilt, einen für sich lebbaren Weg zu finden.

Es ist sein sonorer, warmer Klang, der das Cello zu einem so faszinierenden Instrument macht. Manchmal traurig, manchmal wehmütig treffen die Töne mitten ins Herz. Genau wie dieser kleine, ganz besondere Roman.

Ivan E. Coyote

Ivan E. Coyote, geboren 1969 in Whitehorse, Yukon, im äußersten Nordwesten Kanadas, ist eine mehrfach ausgezeichnete Autorin und „Spoken Word“-Performerin. Sie hat vier Bände mit Erzählungen veröffentlicht. „Als das Cello vom Himmel fiel“ ist ihr erster Roman. Er erschien 2006 unter dem Titel „Bow Grip“ im englischen Original und wurde 2011 in einer Übersetzung von Andrea Krug im Krug & Schadenberg Verlag veröffentlicht. Der Roman schaffte es auf die Shortlist für den Ferro Grumley Award (LGBT Literatur USA und Kanada) und wurde 2007 mit dem kanadischen ReLit Award ausgezeichnet.

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Ivan E. Coyote
Als das Cello vom Himmel fiel
Roman | Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Krug
220 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-930041-74-9

Verlag
Amazon
Ivan E. Coyote (Website)

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Categories: Belletristik, Literatur

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4 replies

  1. Danke für die Rezension! Das Buch landet definitiv auf meiner Wunschliste. :)

  2. Eine tolle Rezension, die Lust auf’s Lesen dieses Buches macht. Entweder gewinnen oder kaufen, das Buch gehört auf jeden Fall in meine Hände und danach in mein Bücherregal. Vielen, vielen Dank, ich wäre von allein nicht auf dieses Buch angesprungen.

  3. Das kenne ich noch gar nicht. Muss ich unbedingt lesen! Danke für die Rezension!

  4. Kann ich nur bestätigen, tolles Buch!

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