Sylvia Brownrigg: “Geschrieben für dich”

Der bittersüße Zauber der ersten großen Liebe

Brownrigg_Geschrieben_01Die Autorin und Literaturkritikerin Sylvia Brownrigg wuchs in Kalifornien auf und siedelte später mit ihrer Familie nach Oxford über. An der Yale University erwarb sie ihren Abschluss in Philosophie. Heute lebt sie vorwiegend in Berkeley, Kalifornien, und schreibt regelmäßig Rezensionen und Essays für “The Times”, “The New York Times”, das “Times Literary Supplement” und den “Guardian”. Bislang hat sie vier Romane sowie einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Zurzeit arbeitet sie an einem Kinderbuch.

Poetisch und wunderbar sinnlich beschreibt Sylvia Brownrigg in ihrem Coming-of-Age-Roman das sexuelle Erwachen einer jungen Frau und die erste große Liebe. Es ist ein zartes Bildungsabenteuer über die Leidenschaft für Literatur und das Aufblühen von tiefen Emotionen zwischen zwei ungleichen Frauen. Dem negativen Ausgang zum Trotz bleibt nach dem Lesen ein warmes Gefühl zurück. Man findet sich unweigerlich selbst wieder in diesem Wirrwarr aus Gefühlen, Leidenschaft und trauriger Erkenntnis und denkt zurück an eigene große Lieben, an Anfänge, Enden und Neuanfänge. Denn, so die Botschaft dieser anrührenden Erzählung, weiter geht es immer, und Trennungen sind überstehbar. Wichtig ist nur, dass man dabei nicht sich selbst verliert.

*

Zwei Welten

Alles ist neu für die junge Flannery Jansen, die im ersten Semester Literaturwissenschaft in einer großen Stadt an der Ostküste studiert und sich erst einmal zurechtfinden muss. Sie ist hübsch, aufgeschlossen, verträumt, bereit, die akademische Welt zu erobern. Prinzipiell zeigt sie Interesse an Menschen beiderlei Geschlechts. Richtig verliebt war sie jedoch bislang noch nie.

Das ändert sich, als ihr Blick in einem Diner zufällig eine faszinierende Frau einfängt, die in ein Buch vertieft ist: Anne Arden, Dozentin für Literaturwissenschaft. Sie geht ihr von da an nicht mehr aus dem Kopf.

„Und doch war jemand bei ihr, wenn sie tanzte. Wenn Flannery die Augen schloss, ihren Geist an den Alkohol und die Musik verlor, gab es einen Menschen, den sie im Sinn hatte, einen Menschen, für den sie sich bewegte, sich hierhin und dorthin schwang und wand. Wenn ihre Hände die Luft formten, war es die Gestalt dieses Menschen, die sie suchten.“

An sich ist Flannery nicht auf den Mund gefallen, aber in Gegenwart der schönen Fremden verwandelt sie sich in die Ungeschicklichkeit in Person. Hin- und hergerissen zwischen dem Versuch, sich von ihr fernzuhalten, um weitere Blamagen zu vermeiden, und dem Verlagen, ihr nahe zu sein, fasst sie sich schließlich auf einer Party ein Herz: Sie lädt sie zu einem Drink ein und tanzt mit ihr die ganze Nacht.

Von Anfang an steht allerdings fest: Ein Happy End wird es nicht geben:

“Was würde geschehen, wenn ich einige Seiten für dich schriebe? Jeden Tag eine Seite, um dir zu zeigen, dass ich eine Geschichte finde, die Geschichte, wie wir einst hätten zusammensein können. Wie wir zusammensein könnten.”

So beginnt der Prolog dieses dreiteiligen Dramas. Ist alles Weitere also nur eine Fiktion Flannerys, ein „Was-Wäre-Wenn“, fragt man sich unweigerlich, wenn die Geschichte sich zu entfalten beginnt…

Flannery und Anne kommen zusammen, für kurze Zeit, doch immer wieder wird auch deutlich, wie viele Dinge zwischen ihnen stehen. Da sind das Altersgefälle, Annes größere Lebenserfahrung, Bildung und Status, vor allem jedoch ihre Vergangenheit, die sich unaufhaltsam über die Gegenwart in ihre Zukunft drängelt. Manche Hürden können sie überwinden, andere nicht. Es gibt Strukturen, die schon gelegt worden sind, bevor Flannery ein Teil von Annes Welt wurde. Und an einem gewissen Punkt ist ihre Liebe einfach nicht genug…

Als Flannery das erkennt, zieht sie die Konsequenzen:

„Die Gewissheit, dass sie einen Pulk Menschen im Schlepptau hatte, die ihre Liebe und ihre Schönheit begehrten. Flannery sah diese Zuversicht, doch durch die nun verseuchte Luft zwischen ihnen fand sie sie nicht länger faszinierend. Nein, heute Abend nicht. Flannery hatte nicht die Absicht, einer von diesen Menschen zu sein.“

Nach der Trennung geht die junge Studentin erneut über den Campus, aber ihr Blick ist ein anderer. So viel Zeit ist letztendlich nicht vergangen. Aber sie ist gewachsen an ihren Erfahrungen, reifer geworden. Es gibt für sie ein Leben nach Anne, doch sie hinterlässt auch Spuren, die bleiben werden, für immer.

„Solche Nächte gibt es, und wir überleben sie.
Es geht darum, neben dem geliebten Leib zu schlafen, den du nicht länger lieben darfst oder magst. Egal, ob du diejenige bist, die sich trennt, oder diejenige, die verlassen wird; egal ob deine Arme diejenigen sind, die zurückweichen, oder diejenigen, die sich verlangend ausstrecken und sich dann im Bewusstsein, nicht länger erwünscht zu sein, zurückziehen. […] Körper, deren nächtliche Daseinsform dem anderen schon bald nicht mehr vertraut sein wird: Sie werden sich getrennt durch Jacken und Jeans und die abgekühlte Luft zwischen neuerlich Bekannten berühren, wenn so etwas zwischen Ex-Geliebten überhaupt möglich ist.“

Es ist nicht so sehr die Handlung, die “Geschrieben für dich” zu einem ganz besonderen Lese-Erlebnis macht, denn die ist – auf den Punkt gebracht – recht schlicht: Zwei junge Frauen treffen sich, verlieben sich und trennen sich wieder. Das Besondere ist der außergewöhnlich schöne, poetische Stil, mit dem die Hochs und Tiefs der Liebe eingefangen werden. Man findet sich unwillkürlich wieder in Flannerys Erfahrungen und Erlebnissen, während man dem betörenden Klang der Sprache lauscht…

Erst langsam und in Ruhe gelesen, entfaltet sich die volle Schönheit und Tiefe der Zeilen. Es ist ein lesenswerter Roman über Wunder und Weh der ersten großen Liebe, der – in meinen Augen – zu Recht ein Longseller ist. Eben wirklich wie die Widmung zu Beginn des Buches sagt: „für eine Freundin“, für jede von uns.

_______________

Sylvia Brownrigg
Geschrieben für Dich
Roman | Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Krug
288 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-930041-82-4
*

Verlag
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Categories: Belletristik, Literatur

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1 reply

  1. Das klingt auch nach einem guten Buch. Auf diese Art von Lektüre (Frauen kommen näher zusammen) muss man sich auch einlassen können. I

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