Dina Nayeri: “Ein Teelöffel Land und Meer”

Das (un)erreichbare Land

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Facettenreiche Erzählung über das Leben in zwei Welten

Nayeri_Cover.indd„Phantasie ist die einzige Waffe im Krieg gegen die Wirklichkeit“, schrieb der französische Komponist Denis Gaultier.

Das weiß vermutlich niemand besser als die junge Iranerin Saba, die in einem Land lebt, in dem Träume das einzige sind, was die Mauern aus Konvention und Zwang zu durchdringen vermögen. Dina Nayeri – selbst iranische Exilantin – schildert in ihrem Debütroman mit viel Gefühl für Zwischentöne das Erwachsenwerden einer jungen Frau, die sich mit der Kraft des Erzählens der Unterdrückung widersetzt und sich ein zweites, selbstbestimmtes Leben erobert.

Beeindruckend ist die Vielstimmigkeit, mit der Dina Nayeri das Leben im Iran in den 1980er Jahren einfängt. Erzählt wird das Geschehen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Schlüsselereignisse in Sabas Leben werden beleuchtet, gedeutet und teilweise auch umgedeutet, bis sich schließlich ein in sich schlüssiges Bild ergibt.

Es ist ein ruhiger, poetischer Roman, der sich langsam entfaltet. In diesem Coming-of-Age-Roman steht nicht die Handlung, sondern vielmehr die intensive Charakterzeichnung und -entwicklung im Fokus. Man begleitet Saba 11 Jahre ihres Lebens. Berührend ist dabei neben der Sehnsucht nach Freiheit die tiefe Liebe und Verbundenheit zu Land und Leuten, die die Autorin bildgewaltig zu beschwören versteht.

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Auf der anderen Seite des Meeres

Schauplatz der Handlung: das Dorf Cheshmeh, Provinz Gilan, Iran im Sommer 1981. Saba Hafezi ist 11 Jahre alt, als ihre Zwillingsschwester Mahtab und ihre Mutter für immer aus ihrem Leben verschwinden. Dabei hatte Saba kurz vorher noch mit beiden Elternteilen im Auto gesessen, um am Flughafen von Teheran in einen Flieger nach Amerika zu steigen. Mahtab würden sie dort treffen, hatten die Eltern erklärt. Aber warum sitzt die Schwester nicht mit ihr im Wagen? Saba kann sich nicht an das erinnern, was vorher geschah. Sie ist krank gewesen, fühlt sich nicht gut…

Am Flughafen verliert das Mädchen die Orientierung in dem verwirrenden Gemisch aus Menschen in Warteschlangen, Sicherheitskontrollen und den bohrenden Fragen der Sittenpolizei. Dann ist plötzlich ihre Mutter weg. In der Ferne sieht Saba sie zusammen mit Mahtab einen Flieger besteigen. – Oder doch nicht?

„Das Folgende ist alles, was Saba Hafezi von dem Tag in Erinnerung hat, an dem ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester für immer fortflogen, vielleicht nach Amerika, vielleicht in ein noch ferneres, noch unerreichbareres Land.“

Mit dem ersten Satz zieht uns die Autorin in das Buch hinein und lässt uns bis zur letzten Seite nicht mehr los. Beeindruckend gemacht sind die Hektik, die kryptischen Gespräche zwischen Mutter und Vater, die die kleine Saba nicht versteht, ihre kindliche Angst vor den Mullahs mit ihren Turbanen, vor der Sittenpolizei, und ihre Arglosigkeit, mit der sie die Eltern ungewollt in Schwierigkeiten bringt…

Ihre Erinnerungen an diesen traumatischen Tag, der ihr gesamtes Leben verändert, sind brüchig.

Doch den Ausflüchten ihres Vaters und der Erklärung der Dorfbewohner, die behaupten, dass Mahtab im Kaspischen Meer ertrunken und die Mutter während ihres Fluchtversuchs inhaftiert worden sei, setzt Saba mit aller Kraft eine eigene Version der Geschehnisse entgegen: Mutter und Schwester haben es geschafft und leben ein selbstbestimmtes, freies Leben im fernen Amerika, genau wie geplant. Es ist ein Leben, das Saba aus Musik, aus Filmen und Serien kennt – und sie lässt es in prächtigen Farben im episodentakt lebendig werden, für sich selbst und für ihre Freunde Reza, den sie unbedingt heiraten will, und Ponneh.

„Wissen Sie, auch ich habe eine Gabe – die beste überhaupt, die Macht über Worte, über Legenden, Wahrheit und Lüge. Für Geld flechte ich aus Binsen Körbe und Hüte und kleine Teppiche, aber für meine Freunde kann ich eine Geschichte so fein und so schön spinnen, mit solchen Höhen und Tiefen und leisen Tönen, dass Kinder und Erwachsene sich davon bannen lassen wie Schlangen in einem Korb. Sie wiegen sich mit mir hin und her, lassen sich von mir entführen.“

Saba wächst heran in einem Land, in dem es zusehends weniger Raum gibt für kleine Mädchen mit großen Träumen von Bildung, Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten. Doch ihr wacher Verstand und ihr Erzähltalent lassen sich nicht unterdrücken.

Vier “Ersatzmütter” des Dorfes nehmen Saba unter ihre Fittiche. Freiraum zur persönlichen Entwicklung und Entfaltung bleibt jedoch kaum. Das Leben der Frauen ist geprägt von erstickenden Traditionen: Islamische Rechts- und Religionsgelehrte haben ein wachsames Auge auf alles.

„Bald tauchten in den größeren Städten überall pasdars in ihren olivgrünen Uniformen auf, hockten dicht gedrängt in ihren kamelfarbenen Jeeps, schleppten Leute zu Büros der komiteh – der Polizeieinheit, die 1979 aus den Moscheen quoll und anfing, den Leuten zu erzählen, dass alles Sünde sei. Im Laufe der Jahre wurde es immer schlimmer. Man kann deine Knöchel sehen? Sünde! Deine Fingernägel sind rot? Sünde! Deine Haut ist gebräunt? Du musst unbedeckt in der Sonne gewesen sein. Sünde! Sünde! Sünde! Wenn du deine Sonnenbrille oben auf dem Kopf trägst, bist du zu eitel. Wenn deine Jeans in den Stiefeln stecken, zeigst du dich zu sehr.“

Zwangsheirat, Vergewaltigung, Einschränkungen, Unterdrückung… (Frauen)Alltag im Iran. Aber Saba stammt aus einer progressiven Familie und sie blickt – genau wie ihre Mutter – ungebändigt über die Grenzen hinaus zum fernen Horizont.

„Saba weiß, dass iranische Frauen wegen der schwarzen Tschadors, die in den Städten oder bei feierlichen Anlässen getragen werden, jetzt gern scherzhaft als Krähen bezeichnet werden, aber wenn ihr Vater die ersten Züge an der Haschischpfeife genommen hat und besonders nachdenklich ist, tadelt er sie dafür. Er sagt, persische Frauen sind eher wie die Seeschwalben des Kaspischen Meeres, die über dem trüben Wasser schweben, und überhaupt nicht wie Krähen. (…) ,Genau wie deine Mutter‘, sagt er und atmet den wohltuenden Rauch aus. ,Im Innern der Seeschwalbe lebt ein wilder und wütender Geist.‘“

Ihre Vorstellungskraft bleibt in all den Jahren ungebrochen. Saba fühlt, was ihre Zwilling im fernen Amerika spüren und erleben müsste. Wo Saba an Grenzen stößt, an kulturell bedingte oder ihre eigenen, wächst die klügere, mutigere Mahtab über sie hinaus. Der freie Zwilling lebt das, was Saba nicht leben kann, genießt Bildung, Freiheit, Unabhängigkeit. Ein Leben wie ein Serienstar: Sie jobbt im Diner, färbt ihr Haar, gestaltet Liebesbeziehungen gleichberechtigt und findet für jedes Problem eine passgenaue Lösung… Sie lebt Sabas Träume. Doch nagt in Saba auch das Wissen, dass Mut einen sehr hohen Preis hat.

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Der Preis der Freiheit

Aus taktischen Gründen heiratet Saba schließlich einen sehr viel älteren reichen Mann, der ihr etwas Furchtbares antut. Sie flüchtet sich in amerikanische Bücher, Filme und Serien, die sie auf dem Schwarzmarkt für horrende Preise beschafft.

Als er stirbt, erbt sie das Vermögen und ist endlich frei, kann neu entscheiden. Sie liebt Reza noch immer. Doch in der Ferne lockt hinter dem Meer das Land, dem ihre Träume gehören… Wird es ihr gelingen, das „Was-wäre-wenn“ zur Realität werden zu lassen? Hat sie die Kraft zu gehen?

Mit einem Kloß im Hals und Wehmut im Herzen habe ich dieses poetische und doch so erschreckend realistische Buch wieder geschlossen. Es ist eine Erzählung, die zutiefst berührt. Während ich dies niederschreibe, merke ich, dass ich Saba zwar losgelassen habe, sie mich aber nicht.

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Lebensentwürfe jenseits des Meeres

„Ein Teelöffel Land und Meer“ ist ein ergreifender Roman über das Leben zwischen zwei Welten, über alternative Lebensentwürfe und den Schlüssel zum eigenen Glück.

So wie Saba Mahtab träumt, träumt die Autorin Saba:

Dina Nayeri, während der islamischen Revolution im Iran geboren, emigrierte im Alter von 10 Jahren mit ihren Eltern in die USA. In Harvard absolvierte sie ihren MBA und Master of Education, in Princeton ihren BA. Sie hat Sabas Traum von einem Leben in Freiheit, mit Bildung und Entfaltungsmöglichkeiten zur Wirklichkeit gemacht.

Das Leben im fiktiven Cheshmeh ist nach den Dörfern ihrer Kindheit gestaltet. Was sie nicht mehr selbst erinnern konnte, weil es zu lange her ist oder sie zu jung war, hat sie akribisch recherchiert und aus Büchern, Interviews und persönlichen Dokumenten Einheimischer zusammengestellt. So setzt sie nach und nach ein vielschichtiges Panorama zusammen, das den Geist und die Atmosphäre in einem vielfältigen, oft widersprüchlichen Land einfängt und darin erinnert, welch tiefe Wurzeln die iranische Erzähltradition hat.

Dina Nayeris Debütroman wurde bereits in dreizehn Sprachen übersetzt und als „Barnes and Noble Discover Great New Writers book“ ausgewählt. Sie arbeitet derzeit an ihrem zweiten Roman.

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Sehnsuchtsmotiv

Zum Schluss muss ich einfach noch etwas zu der ungewöhnlich hübschen Buchgestaltung sagen: Hier ist Form gleichbedeutend mit Inhalt. Das vorherrschende Motiv der Sehnsucht bringt das Umschlagmotiv hervorragend zur Geltung. Die verwendeten Farben werden im Inneren wieder aufgegriffen: schönes, dunkelblaues Vorsatzpapier, ein dezentes Lesebändchen… Wenn man solch ein Buch in den Händen hält, erübrigt sich jede weitere Erklärung, warum ein ebook niemals ein Buch auf Papier ersetzen können wird. Jedenfalls nicht für mich.

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Soundtrack zum Buch

Musik spielt eine große Rolle in Sabas Leben. Der Soundtrack verleiht Dina Nayeris Roman einen ganz eigenen Klang und intensiviert das Leseerlebnis:

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sabassongs

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1. Tracy Chapman – Fast Car
2. Otis Redding – [Sittin’ On] The Dock Of The Bay
3. Bill Withers – Grandma’s Hands
4. Death Cab For Cutie – Talking Bird
5. Simon & Garfunkel – Homeward Bound
6. Yves Montand – Le Temps Des Cerises
7. Townes Van Zandt – If I Needed You
8. Kourosh Yaghmaee – Gole Yakh
9. Googoosh – Nafas
10. Viguen – Mara Beboos
11. Aref – Soltane Ghalbha
12. Enrico Macias – Le Mendiant De L’Amour

Playlist auf Spotify

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Verlosung

Ich verlose unter allen, die hier kommentieren, ein Exemplar dieses ganz besonderen Buches! Mein herzlicher Dank geht an den Mare-Verlag, der das Verlosungsexemplar zur Verfügung gestellt hat!

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Verlag
Amazon
www.dinanayeri.com
www.facebook.com/DinaNayeri

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Categories: Belletristik, Literatur

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6 replies

  1. Liebe Michaela,

    Glückwunsch zu dieser schönen und begeisternden Besprechung. Nun habe ich noch mehr Lust auf das Buch! :-) An der Verlosung möchte ich nicht teilnehmen, ich besitze es nämlich schon – es wartet nur noch darauf, gelesen zu werden.

    Liebe Grüße
    Mara

  2. Dem kann ich mich nur anschließen – man merkt deiner Besprechung an, wie sehr dich das Buch fasziniert und begeistert hat. Wirklich sehr schön zu lesen!
    Auf die Verlosung verzichte ich jedoch ebenfalls, da mich das Buch von der Thematik her weniger interessiert.

  3. Das Buch ist wirklich toll ich war auch ganz gefesselt.
    LG

  4. Huhu liebe Michaela,

    wow, also ich muss zugeben – wenn das Buch nicht eh schon auf meiner Wunschliste stehen würde – dann stände es jetzt definitiv darauf!
    Deine wunderschöne Rezi zu diesem ganz sicher bewegenden Buch – genauso toll stelle ich mir das Buch auch vor! Sehr schön beschrieben – jetzt möchte ich dieses schöne Buch einfach nur noch dringender endlich lesen, aber ich bin auch ganz sicher, früher oder später findet es den Weg zu mir :) und wird mir dann unvergessliche Lesestunden bescheren!

    Liebe Grüße & ♥lichen Dank für deine beeindruckende Rezi
    Andrea M.

  5. Das Buch hat mich schon immer interessiert – und Deine Rezi zeigt mir, dass ich es lesen will und muss. Hoffentlich schafft es unsere Bücherei zum Lesen an – ich werde sie darauf ansprechen. Ja, der Iran hat eine starke Wandlung durchgemacht – und die Menschen dort auch. Darüber will ich lesen.

Trackbacks

  1. (Die Sonntagsleserin) KW #02 – Januar 2014 | Bücherphilosophin.

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