Téa Obreht: “Die Tigerfrau”

Zwischen Fantasie und Realität

Téa Obreht wurde 1985 in Belgrad geboren, wanderte jedoch im Alter von zwölf Jahren mit ihrer Familie über Zwischenstationen in Zypern und Ägypten in die USA aus. Unter anderem veröffentlichte sie dort Erzählungen im „New Yorker“, in „Harper‘s“ und der „New York Times“. Mit ihrem Debütroman „Die Tigerfrau“, der in die Kategorie des magischen Realismus eingeordnet werden kann, sorgte sie 2011 für Begeisterung bei Kritik und Lesepublikum: Téa Obreht wurde im Sommer 2011 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet und im Herbst für den National Book Award nominiert. 2012 erschien ihr Roman in der deutschen Übersetzung von Bettina Abarbanell bei Rowohlt, seit Oktober 2013 liegt der Roman ebenfalls als Taschenbuch vor. Wer also noch nicht das Glück hatte, diesen Roman zu entdecken, sollte zugreifen!

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Das Erbe des Großvaters

roBerlin_Obreht_128x209_Tigerfrau_V3_HK.inddMit ihrer Familiensaga „Die Tigerfrau“ präsentiert Téa Obreht eine elegante Komposition unterschiedlicher Erzählebenen und -traditionen. Sie bedient sich einer literarischen, aber dennoch klaren Sprache. Folklore, Traditionen und Glaubensvorstellungen, aber auch die Geschichte des Balkans verschmelzen miteinander in einem Roman, der vor allem von Kontrasten lebt: Realität und Fantasie, Wissenschaft und Aberglaube, Christen und Muslime, Vergänglichkeit und Ewigkeit.

Letztendlich sind es die Geschichten, die Überlieferungen eines Volkes, die alles überdauern und eine oft dunkle Realität mit einem Funken Farbe ertragen helfen… in einem Land, das überschattet ist von Kriegen, Sterben und Tod.

Die junge Ärztin Natalia Stépanovic fühlt sich ihrem Großvater eng verbunden. Auch er war Arzt, seinem Beruf und seinen Patienten mit Leib und Seele verschrieben, und hat sie stark geprägt. Sie weiß als einzige, dass er an Krebs erkrankt ist. Aber wirklich darauf vorbereitet, ihn zu verlieren, ist auch sie nicht. Der Anruf ihrer Großmutter erreicht sie, als sie zusammen mit einer Kollegin Kriegswaisen medizinisch versorgt.

Währenddessen ist eine Gruppe Menschen dabei, nach einem Verstorbenen zu graben, der nicht entsprechend der Traditionen beigesetzt wurde. Das wollen sie korrigieren und ihm eine würdige letzte Ruhestätte bereiten. Sie hoffen, dass dann auch die Krankheit aus ihrem Dorf verschwindet. Als Wissenschaftlerin ist Natalia diese Art des Aberglaubens zwar fremd, und sie würde sich lieber um die Kinder dieser Leute kümmern. Gleichzeitig versteht sie jedoch das Bedürfnis, Toten Ehrerbietung und Wertschätzung entgegen bringen zu wollen.

Denn das kommt auch auf sie selbst zu. Die persönliche Habe des Großvaters, seine Brille, sein Portemonnaie und die Ausgabe von Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ ist materiell von geringem Wert. Aber dem Glauben der Großelterngeneration nach werden diese Gegenstände für eine traditionelle Bestattung gebraucht. Gerade das „Dschungelbuch“ hat aber auch eine persönliche Bedeutung für Natalia. Ihr Großvater trug es stets bei sich, obwohl er es eigentlich bei einer Wette verloren hat.

Als Natalia ein Mädchen war, nahm er sie oft mit in den Zoo, um ihr die Tiger zu zeigen. Dabei erzählte er von einer Frau, die mit einem dieser Tiere eine ungewöhnliche Bindung einging und infolgedessen beinahe selbst zu einem Tiger wurde.

In den Erzählungen ist sie eher Kind als Frau: ein taubstummes Mädchen, das als Muslima unter Christen in Galina, dem Heimatdorf des Großvaters, lebt. Von den Dorfleuten wird sie gemieden. Als sich ein Sibirischer Tiger bei einem Bombenangriff aus dem Zoo retten kann, kümmert sie sich um das ausgehungerte Raubtier. Dann verschwindet ihr Mann und sie bleibt schwanger zurück. Unter den abergläubischen Einwohnern verbreitet sich die Kunde, dass sie ihn ermordet habe und in Wirklichkeit das Kind des Tigers im Leib trage…

Die zweite wichtige Figur innerhalb der Geschichten des Großvaters ist Gavran Gailé, ein Mann, der nicht sterben kann. Es heißt, der Tod selbst habe ihn mit Unsterblichkeit gestraft. Ruhelos zieht er umher, sagt anderen den Tod voraus und begleitet sie über die letzte Grenze… Natalias Großvater begegnet diesem mysteriösen Fremden mehrmals in seinem Leben, und er schließt eine Wette um „Das Dschungelbuch“ ab, die er letztlich verliert: Gavran Gailé schafft es, den Beweis seiner Unsterblichkeit zu erbringen: Er treibt über Stunden hinweg im Wasser, hat zwei Kugeln im Hinterkopf und übersteht alles. Dennoch kann der Doktor das Gesehene nicht glauben.

Am Ende bleibt ihm trotzdem keine Wahl, denn den Tod kann man nicht austricksen. Er gibt seinen weltlichen Besitz auf und begibt sich, begleitet von Gavran Gailé, auf seine letzte Reise…

“Alles, was nötig ist, um meinen Großvater zu verstehen, liegt zwischen zwei Geschichten: der von der Tigerfrau und der von dem Mann, der nicht sterben konnte. Diese beiden Geschichten fließen wie geheime Ströme durch all die anderen Erzählungen seines Lebens – von seinen Tagen beim Militär; seinen Jahren als Chirurg und an der Universität gefürchteter Tyrann. Die eine, die ich erst nach seinem Tod zu hören bekam, handelt davon, wie mein Großvater zum Mann wurde; in der anderen, die er mir selbst erzählt hat, wurde er wieder zum Kind.”

Seine Geschichten sind das, was von ihm bleibt.

Der Tod als Leitthema

Es sind faszinierende, tiefe Metaphern und eindringliche Bilder, die sich hier in überbordenden Geschichten entfalten: Der Tiger, gefährlich, wild und hungrig, erweist sich als zähmbar. Die Unsterblichkeit wird einerseits als Fluch und Sehnsucht erlebt, andererseits ist der Tod allgegenwärtig. Der Krieg steht zwar nicht im Vordergrund, bleibt aber doch sichtbar zwischen den Zeilen, wenn Natalia von banalen Tätigkeiten berichtet, mit denen sich die Menschen ein Stück Alltag abtrotzen.

Der Tod ist das eigentliche Leitthema dieses Romans, der in der deutschen Übersetzung „Die Tigerfrau“ heißt, aber besser „Des Tigers Frau“ geheißen hätte. Der Tod lässt sich weder vollständig erfassen, noch besiegen, bestenfalls kurzfristig zähmen.

Während Natalia der Vergangenheit ihrer Familie nachspürt, Einblicke in ihr eigenes Leben gewährt und sich aufmacht durch ein Land zerrissen zwischen Idylle und kriegsbedingter Zerstörung, werden die Geschichten des Großvaters vor dem Hintergrund der Balkankriege lebendig. Immer wieder geht es auch um den Umgang von Ärzten mit dem Tod. Es sind Sätze wie diese, die mich weit über die Lektüre hinaus beschäftigen:

„Kinder sterben so, wie sie gelebt haben – voller Hoffnung. Sie wissen nicht, was geschieht, also erwarten sie auch nichts, sie bitten dich nicht, ihre Hand zu halten – und am Ende wünschst du dir, sie würden deine halten. Bei Kindern bist du auf dich allein gestellt.“

Magischer Realismus

Die einzelnen Fäden, Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fantasie verbinden sich im Lauf der Handlung nach und nach zu einer Geschichte, der aber leider ein Stück weit die Vollendung fehlt. Die hyperbolischen Figuren erinnern an Folklore und lassen viel Spielraum für eigene Interpretationen. Sie sind das eigentliche Herzstück des Romans.

Die emotionale Seite, die Bindung zwischen Natalia und ihrem Großvater, gerät darüber in den Hintergrund. Auch inhaltlich bleiben gewisse Lehrstellen und Zusammenhänge fehlen, sodass sich eine gewisse Enttäuschung letztendlich vieler wundervoller Stellen zum Trotz nicht abschütteln lässt.

Doch sprachlich und stilistisch ist es ein kraftvolles Buch, das vom ersten Satz an fesselt und nicht mehr loslässt. „Die Tigerfrau“ lebt von sprachlicher Ausdruckskraft und an Folklore erinnerndem Einfallsreichtum. Vielleicht kein perfektes, aber nichtsdestotrotz lesenswertes Buch!

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Buchtrailer

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Rowohlt Berlin
09.03.2012
416 Seiten
ISBN 978-3-87134-712-2

Verlag
Amazon

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Categories: Belletristik, Literatur

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