André Georgi: “Tribunal”

Brandaktueller Politthriller

 

Trailer

André Georgi über “Tribunal”

 

TribunalIm Zentrum der Handlung dieses rasanten Politthrillers steht mit der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen auf dem Balkan ein Stück Zeitgeschichte: Marko Kovać, einem serbischen Kriegsverbrecher, soll der Prozess gemacht werden. Die Anklage: Massenmord an 3953 Moslems, Vergewaltigung und Anstiftung zur Vergewaltigung von Mädchen und Frauen im Alter zwischen 12 und 72.

Jasna Brandič, einer jungen Topermittlerin einer internationalen Spezialeinheit, ist es gelungen, einen Kronzeugen gegen Kovać aufzutreiben. 17 Monate Ermittlungsarbeit nähern sich dem wohl verdienten Ende. Jetzt gilt es, Oreskovič zu seinem großen Auftritt im Tribunal, Den Haag, Churchillplein 1, Raum 3.1112 zu eskortieren, damit er seine Aussage machen kann. Zwei Stunden sind dafür vorgesehen. Nur einknicken darf er nicht.

„Kovać ist ein Alphatier unter Alphatieren, das sein Metier nicht in einem Hörsaal in Cambridge, Massachusetts gelernt hat oder in Burlington-Shops. Sondern – unter anderem – in Višegrad an der schönen roten Drina.“

Und seine Macht ist groß. Selbst in seinem Glaskäfig zieht er noch die Fäden, schüchtert Zeugen ein und verhöhnt den amerikanischen Staatsanwalt Mark Peneguy, dem es bisher nicht gelungen ist zu beweisen, dass Kovać am Anfang der Befehlskette der „Wölfe“ gestanden hat.

Dann das Desaster: Bester Bewachung und aller Sicherheitsvorkehrungen und Wachsamkeit zum Trotz wird ihr Kronzeuge auf dem Weg in den Gerichtssaal ermordet. Jasna ist die einzige, die das Attentat überlebt, schwer verletzt:

„Der Notarzt setzt Jasna ein Sauerstoffgerät auf. Er schneidet ihr das Jackett und die Bluse auf, die blutdurchtränkt sind. Erst jetzt wird das tatsächliche Ausmaß ihrer Verletzung klar, und der Notarzt lässt sofort einen Krankenwagen rufen. Die Wunde ist voller Glasscherben vom Panzerglasfenster der Limousine.

Frau Brandič, wenn Sie mich hören können, dann nicken Sie bitte.
Über ihr das Weiß des Neonlichts.
Jasna, ruft Peneguy. Jasna!
Nichts mehr. Nichts.“

Als die entsprechende Berichterstattung Schlagzeilen macht, verweigern die übrigen Zeuginnen die Aussage, andere tauchen in Serbien sofort unter. Kovać ist siegessicher.

Als Jasna erfährt, dass Branko, jemand aus Kovaćs engstem Kreis, zu einer Aussage bereit ist, fackelt sie nicht lange: Sie macht sich auf den Weg, um ihn nach Den Haag zu bringen. Es wird ein Kampf um Leben und Tod, denn Kovaćs Anhänger sind zu allem bereit, um die Aussage zu verhindern. Damit nicht genug wird Jasna auch noch mit ihrer Vergangenheit konfrontiert…

Alles in „Tribunal“ ist auf Tempo ausgelegt: Knappe Kapitel, schnelle, harte Szenenwechsel, abgehackte Sätze, die präzise, zeitgemäße Sprache. Das Präsens als Erzählzeit peitscht durch die Seiten. Die Anspannung ist kaum auszuhalten. Hier gibt es kein Wort, ja, kein Satzzeichen zuviel: Was gesagt wird, was gedacht, was erzählt geht ineinander über, verschwimmt. Trotzdem behält man beim Lesen stets den Überblick.

Ein überaus geschickter Kunstgriff, denn das wirkt realistisch und echt. Oftmals lösen sich angesichts zutiefst verstörender, traumatischer (Gewalt)Erfahrungen genau diese Grenzen auf… Für langatmige Schilderungen oder weitschweifige Ausführungen lässt die Realität keine Zeit.

Außerhalb des Geschehens, atemlos, steht der Leser, der schon auf der ersten Seiten erkennt: Zum Einschlafen, Abschalten und Entspannen ist dieser Roman vollkommen ungeeignet. Man will nicht hinsehen. Will das alles nicht wissen. Nicht so genau. Nicht so detailliert. Aber wegsehen kann man auch nicht… Der Auseinandersetzung kann man sich nicht entziehen. Genauso sollte ein Politthriller sein.

André Georgi spielt die Stärke des Genres voll aus, verknüpft Fakten und Fiktion vor dem Hintergrund eines grausamen Krieges und schickt mit der jungen Ermittlerin Jasna Brandič eine starke Heldin ins Feld. Bei dem Versuch, juristische Aufarbeitung zu leisten und Kovać für die begangenen Verbrechen zu verurteilen, wird nicht mit schockierenden, blutigen Details gespart.

Nach der Lektüre fällt es schwer, André Georgi mit den doch eher konventionellen Drehbüchern zum TV-Krimis wie „Tatort“ in Verbindung zu bringen. In meinen Augen ein starkes, lesenswertes Romandebüt!

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Erschienen: 10.03.2014
suhrkamp taschenbuch 4515
Klappenbroschur, 316 Seiten
ISBN: 978-3-518-46515-8

Verlag
Amazon

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Categories: Krimis und Thriller, Literatur

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