Lisa O’Donnell: “Bienensterben”

Schwarzhumorig-düstere Coming-of-Age-Story

GŠrtner_Roth_Benehmt euch_ebook.inddDer Anfang des Buches verlangt einen widerstandsfähigen Magen: Es ist Heiligabend in Glasgow, als die fünfzehnjährige Marnie und ihre drei Jahre jüngere Schwester Nelly ihre sich bereits im Verwesungsprozess befindenden Junkie-Eltern im Garten entsorgen:

“Gene fiel regelrecht das Fleisch von den Knochen, und an manchen Stellen ist er gerissen wie Papier.”

Der Vater kommt aus purem Selbstschutz unter den Lavendel in den Garten: Anders ist der Gestank nicht auszuhalten. Die Mutter stecken sie in den Kohlenkasten hinter dem Schuppen. Was die Eltern umgebracht hat, wodurch sie umgekommen sind, bleibt zunächst unklar.

Die Mädchen ahnen, was passieren wird, wenn das Jugendamt davon Wind bekommt. Schließlich sind sie noch minderjährig, und sie wollen keinesfalls getrennt werden, nicht ins Heim. Also beschließen sie, niemandem etwas vom Tod der Eltern zu sagen. Vernachlässigt und lieblos aufgewachsen, sind die Mädchen ohnehin daran gewöhnt, sich allein durchzuschlagen. Vermissen werden sie die Eltern jedenfalls nicht.

“Sie haben sich einfach nie wegen irgendwas blicken lassen, und immer blieb alles an mir hängen, und an Nelly, als sie alt genug war. Sie waren nie für uns da, sie waren abwesend, aber wenigstens wissen wir jetzt, wo sie sind.”

Ihr Nachbar, ein älterer schwuler Mann namens Lennie, der genauso ein Außenseiter ist wie die beiden Mädchen, nimmt sich schließlich ihrer an. Seit er seine große Liebe Joseph verloren hat, ist er einsam und immer wieder Hassattacken und Anfeindungen ausgesetzt. Anfangs glaubt er die Geschichte der Geschwister, die behaupten, dass ihre Eltern ohne sie in Urlaub gefahren sind. Im Lauf der Zeit hat er mehr als genug von der Situation im Nachbarhaus mitbekommen, sodass die Erklärung durchaus vorstellbar scheint. Doch dann taucht der Großvater der Mädchen auf, stellt Fragen, und Lennies Hund liebt es, im Garten in der Erde zu graben…

Schonungslos und einfühlsam, aber auch mit viel schwarzem Humor entwickelt Lisa O’Donnell die Geschichte von drei weltverlassenen Ausgestoßenen, die Halt nur aneinander finden. Dabei wechselt sie immer wieder die Perspektive, rückt nacheinander Marnie, Nelly und Lennie in den Fokus und lässt sie das Geschehen aus ihrer subjektiven Sicht heraus erzählen und kommentieren.

Die drei Charaktere sind dabei mit eigenen, unverwechselbaren Erzählstimmen ausgestattet. Eine große Stärke dieses bemerkenswerten Romans! Während die extrovertierte Marnie sich in ihrem Schutzpanzer sprachlich abgebrüht und derb gibt, trinkt, raucht, gelegentlich dealt und ihren Körper verkauft, scheint ihre musikalisch begabte, sensible Schwester Nelly wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Sie spielt Violine, drückt sich im Gegensatz zu ihrer Schwester bewusst sehr gewählt aus und schleicht sich auch schon mal aus der Schule in die Stille der Bibliothek.

Kein Wunder, dass Marnie alles tun würde, um sie zu beschützen. Für Marnie selbst ist es nicht einfach, Zuneigung und Nähe überhaupt zuzulassen:

“Ich weiß, dass ich dankbar sein sollte für Leute wie Lennie, es ist der Wahnsinn, was er alles für uns macht und wie er sich um uns kümmert, aber es macht mir Angst. Keinen Schimmer, warum. Ist einfach so.“

Der verständnisvolle Lennie zeigt den beiden Schwestern zum ersten Mal, was es bedeutet, eine Familie zu haben, und schenkt ihnen ein kleines Stück Geborgenheit.

„Ich bin froh, dass die Mädchen einander haben, denn sonst ist es eine einsame Reise, und deshalb lasse ich ihnen ihre Geheimnisse und das, was sie miteinander teilen. Es verbindet sie, so bleiben sie stark. Und darauf kommt es an, stark bleiben, es bindet einen an das Leben und zwingt einen zum Weitergehen, selbst wenn es nur mit einem Hund ist.“

Lisa O’Donnell wurde für ihr Drehbuch „The Wedding Gift“ mit dem Orange Screenwriting Prize ausgezeichnet. Sie lebt mit ihren beiden Kindern in Los Angeles. Das sozialkritische Außenseiterdrama „Bienensterben“ ist ihr erster Roman. Dieses Buch geht unsagbar unter die Haut.
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Lisa O’Donnell
Bienensterben
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs
320 Seiten
ISBN 978-3-8321-8756-9
Verlag
Amazon

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Categories: Belletristik, Literatur

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2 replies

  1. Das Buch reizt mich schon seit Monaten. Irgendwann….

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  1. [Die Sonntagsleserin] KW #19 – Mai 2014 | Phantásienreisen

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