Emma Healey: Elizabeth wird vermisst

Sensible Auseinandersetzung mit dem Abdriften ins Vergessen

Was für ein aufwühlendes Debüt! Der gerade einmal 28-jährigen britischen Autorin Emma Healey gelingt es, sich in Adobe Photoshop PDFdie Welt einer an Demenz erkrankten Frau einzufühlen und den Verlust des Gedächtnisses und damit auch des selbstbestimmten Lebens durch ihre Augen direkt erfahrbar zu machen. Das geschieht angenehm kitschfrei, berührt und zwingt zur Auseinandersetzung mit den eigenen Vergangenheit und Zukunft.

Die 82-jährige Maud, Mutter und Großmutter, kämpft mit einer Armee aus blassgelben Zetteln energisch gegen das Vergessen. Und dennoch spürt sie deutlich, wie ihr die Realität zunehmend entgleitet.

„Überall im Haus sind Zettel, auf kleinen Haufen oder irgendwo draufgeklebt. Rasch niedergekritzelte Einkaufslisten und Rezepte, Telefonnummern und Termine und Notizen zu Dingen, die schon längst vorbei sind. Das ist mein papiernes Gedächtnis. Es soll verhindern, dass ich etwas vergesse. Aber meine Tochter sagt immer, dass ich die Notizen ständig verliere. Das habe ich mir auch aufgeschrieben.”

Was einmal erfasst ist, bleibt abrufbar, wird nicht vergessen. Jedenfalls vorerst, und wenn es ihr gelingt, den richtigen Zettel zur richtigen Zeit zu finden. Noch erkennt Maud ihre Handschrift, ihre Wohnung und ihre engsten Angehörigen. Versorgt wird sie zu Hause. Sie geht einkaufen, ist mobil. Nur ihren Schmuck verlegt sie, was dazu führt, dass Tochter und Enkeltochter ihn schließlich mitnehmen und durch billige Accessoires ersetzen, “damit er nicht wegkommt.”

Eigentlich trifft sich Maud jeden Donnerstag mit ihrer letzten noch verbliebenen Freundin. Aber von ihr fehlt mit einem Mal jedes Lebenszeichen. Es gibt keine Nachricht, keine Information, keine Telefonnotiz, und niemanden interessiert es. Maud kann das ungute Gefühl, dass etwas Schlimmes geschehen ist, nicht abschütteln. Es muss etwas passiert sein. „Elizabeth wird vermisst.“ Sie geht zur Polizei, immer wieder… und sie spürt den Spott, der ihr entgegenschlägt, mit beißender Deutlichkeit. Niemand glaubt ihr. Nicht die Tochter, nicht der Sohn, nicht das Pflegepersonal und auch nicht die Behörde.

So nimmt sie die Dinge selbst in die Hand, beginnt zu graben, und sie deckt etwas auf, was vor langer, langer Zeit geschehen ist… Nach dem Zweiten Weltkrieg, als ihre ältere Schwester Sukey spurlos verschwand.

Im Lauf der Erzählung entgleitet Maud die Welt mehr und mehr, bis am Ende nahezu nichts mehr übrig ist, außer einem Gefühl von Schuld und dem verzweifelten Gedanken an Elizabeth, die sie unbedingt finden muss.

Die Handlung wird vollständig aus der Perspektive Mauds erzählt, die sich mal an das erinnert, was sie gerade tun wollte, mal nicht. Die gewählte Sprache ist einfach und gerade dadurch glaubwürdig. Zum Lesen zwischen den Zeilen bleibt genug Raum für eigene Einordnungen, sodass man sich losgelöst von Mauds Wahrnehmung ein eigenes Bild von der Situation machen kann. Manchmal meldet sich auch Unsicherheit: Was ist real, was womöglich Wahnvorstellung? Immer schlechter wird ihr Kurzzeitgedächtnis, bis sie schließlich auch ihre Tochter nicht mehr erkennt.

Es ist ein Buch, das sich tief in die Seele bohrt. Alzheimer und Demenz sind präsent in unser aller Leben, und wer Pflegesituationen aus eigener Erfahrung kennt, erkennt auch die Hilflosigkeit der Menschen um Maud herum. Unweigerlich reflektiert man Helens Verhalten im Umgang mit ihrer Mutter, ist hin- und hergerissen zwischen Nachsicht, Verstehen und Verärgerung.

Emma Healey hat sich ein wichtiges Thema für ihren Erstling ausgesucht. Sie schreibt sensibel, berührend, teilweise auch humorvoll über den fortschreitenden Kontrollverlust Mauds, der sich die Einflussnahme auf Körper und Geist zunehmend entziehen. Was letztendlich aufgeklärt wird, schließt den Kreis zwischen Gegenwart und Vergangenheit…

Einen tröstlichen Gedanken nimmt man aus der Lektüre mit: Man kann Maud von außen zwar nicht mehr in ihrer eigenen Welt erreichen. Aber sie ist bis zuletzt vollkommen präsent. Nur eben an einem ganz anderen Ort…

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Bastei Lübbe
Paperback, 348 Seiten
Ersterscheinung: 13.03.2014
ISBN: 978-3-7857-6110-6
Verlag
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Categories: Belletristik, Frauenromane, Literatur

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1 reply

  1. Danke für die schöne Besprechung, Bücher zu dieser Thematik interessieren mich immer wieder sehr!

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