Eugene McCabe: “Schwestern”

Verrat und Vergebung

SchwesternIrland in den 1950er Jahren: Die beiden Schwestern Patricia und Carmel verlieren ihre Mutter und bleiben zunächst in der Obhut ihres Vaters. Der Trunkenbold und Frauenheld allerdings kümmert sich nicht um die Mädchen und verschwindet schließlich spurlos. Die Schwester der Mutter und ihr Mann finden die Kinder verwahrlost vor und nehmen sich der beiden Nichten an. Carmel wirkt verstört, weint viel und bedauert ihren Vater. Tricia scheint gleichgültig, kühl und desinteressiert. Was wirklich geschehen ist, was die beiden Mädchen erlebt haben, wird erst sehr viel später ans Licht kommen…

Während die Kindheitserfahrungen aus der älteren Tricia eine lebenshungrige, aber auch abgeklärte und zynische Frau machen, zieht sich die sensible Carmel vor der Welt zurück. Sie entscheidet sich für ein Leben im Kloster. Beten, Arbeiten, geistliche Lesungen – sie findet Ruhe und Zufriedenheit in dem einförmigen, streng reglementierten Tagesablauf der Dominikanerinnen.

„Es war über alle Maßen schön, in Jesus verliebt zu sein, Seinen physischen Leib zu empfangen, zweifelsfrei zu wissen, dass Seine Liebe vollauf erwidert wurde, dass ihr kontemplatives Leben und das ihrer zurückgezogenen Schwestern dazu beitrug, im Dunkel einer unglücklichen, sündhaften Welt das Leuchtfeuer der Hoffnung am Leben zu erhalten.“

Doch immer wieder bricht die Realität in die vermeintlich heile Welt des Klosters ein. Sie wird sichtbar in den Erzählungen und Erfahrungen der Mitschwestern im Kloster. Sie manifestiert sich im Wissen um Vorkommnisse, die Carmel lieber nicht gewusst hätte. Dahinter stehen Menschlichkeit und menschliche Schicksale. Doch genau diese halten den strengen Moralvorstellungen und Illusionen der jungen Frau nicht stand. Schließlich erträgt sie es nicht mehr. Sie ist 26 Jahre alt, als sie den Konvent verlässt, desillusioniert.

Zunächst kommt sie bei ihrer inzwischen geschiedenen Schwester unter und kümmert sich um deren dreijährige Tochter Isabel. Carmels Anblick allein gerät für Tricia ungewollt zum erhobenen Zeigefinger:

„Carmel lächelte ohne auch nur den Hauch eines Vorwurfs, und Tricia dachte: was für klare Augen, was für reine Haut und was für glänzendes Haar! Jahr physischer und spiritueller Diät in einem Nonnenkloster? Kein Alk, keine Kippen, kein Parfüm, kein Sex, kein Make-up und ein kristallklares Gewissen. Plötzlich wurde Tricia sich des Parfüms auf ihrem Seidenschal bewusst, des Lippenstifts und der Wimperntusche, ihres gepuderten Gesichts, des gepolsterten BHs und der dünnen Baumwollbluse, die ein üppiges Dekolleté freigab.“

Außerhalb der Klostermauern hat sich die Welt verändert. Die Kirche hat an Attraktivität verloren; in Nordirland spitzt sich der Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken immer mehr zu. Patricia steht als alleinerziehende, berufstätige Mutter fest mit beiden Beinen im Leben. Mit „Gottologie“ – wie sie die Religiosität ihrer Schwester verächtlich abtut – kann sie nichts anfangen. Sie lebt selbstbestimmt und sie zieht auch ihr Kind zum Entsetzen Carmels religionsfern auf.

Auch ihre Tätigkeit als Hebamme sieht Tricia – ganz im Gegensatz zu Carmel – abgeklärt:

„Am Anfang“, sagte sie, „kam mir jede Geburt wie ein Wunder vor, aber… äh…“ Sie zuckte die Achseln.
„Es muss doch jedes Mal ein großes Wunder sein, oder?“
Tricia sah einen Moment weg.
„Nach Hunderten kommt’s einem nicht mehr so vor. Inzwischen gibt’s Milliarden von uns auf dem Planeten.“

Carmel trifft Entscheidungen, sucht ihren Weg und sie macht einen Fehler…

Der Blick der beiden so unterschiedlichen Schwestern aufeinander ist wie der Blick in einen Spiegel auf unterschiedliche Weichenstellungen. Das Was-Wäre-Wenn schwebt immer wieder zwischen den Zeilen, vor allem angesichts individueller Möglichkeiten und Grenzen. Die Suche nach einer Verortung im Leben, nach Identität und Zugehörigkeit, bleibt für Carmel, aber auch für Tricia letztendlich eine Herausforderung, ein fortlaufender, ein nie endender Prozess.

Der Vergangenheit und ihrer verlorenen Kindheit stellen sie sich schließlich gemeinsam. Doch der leichtfertige Verrat in der Gegenwart droht, alles zu zerstören…

Angesprochen werden kontroverse Themen, auf eine Art, die zum Nachdenken herausfordert und Raum für eigene Gedanken und Schlüsse lässt. Eugene McCabe, der 1930 als Sohn irischer Eltern in Glasgow zur Welt kam, schreibt angenehm unaufgeregt in klarer, poetischer Sprache und mit viel Gespür für leisen Humor. Dieser tritt vor allem zutage, wenn sich die Naivität Carmels enthüllt und Schwestern argumentativ aneinander geraten. McCabe ist vor allem als Dramatiker bekannt. Neben Theaterstücken verfasste er jedoch auch Kinderbücher, Kurzgeschichten, ein Sachbuch sowie Drehbücher für Fernsehspiele. Sein erster Roman „Tod und Nachtigallen“ erschien 2011 in deutscher Übersetzung im Steidl-Verlag. McCabe lebt auf einer Farm in der Nähe von Clones in Monaghan in der Nähe der Grenze zwischen Irland und Nordirland.

„Schwestern“ ist eine sehr lesenswerte Novelle, die sich auch nach der Lektüre ganz leise und still immer wieder in die Gedanken schleicht. Letztendlich erzählt Eugene McCabe von der Entdeckung des Lebens mit all seiner Grausamkeit und Härte, von Wunden und Wundern. Nicht moralisch, sondern menschlich.

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Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Steidl Göttingen; Auflage: 1 (11. April 2014)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3869307528
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Categories: Belletristik, Literatur

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