Sue Donaldson, Will Kymlicka: “Zoopolis”

Recht auf Leben, Freiheit und Partizipation

„Ethik ist Ehrfurcht vor dem Willen zum Leben in mir und außer mir.“
Albert Schweitzer (1875-1965)

Tiere als Staatsbürger

Zoopolis„Die Tierschutzbewegung steckt in einer Sackgasse.“ Beginnend mit dieser Feststellung präsentieren die kanadische Schriftstellerin Sue Donaldson und der Philosoph Will Kymlicka eine erweiterte Theorie der Tierrechte. Dabei gehen sie von universellen Grundrechten für Tiere aus, wobei sie auf die Theorie der Staatsbürgerschaft zurückgreifen. Die Begründung: Tiere sind – genau wie Menschen – sterbliche Wesen, die die Welt subjektiv erleben. Genau wie den Menschen stehe ihnen nur eine begrenzte Lebenszeit zur Verfügung. Genau wie Menschen komme ihnen ein Recht auf Leben und Freiheit zu, denn auch sie wollen sich entwickeln, ihren Nachwuchs großziehen und ihr Leben gestalten.

Ob wir Tiere als wertvoll erachten, ist angesichts dieser Prämisse nicht mehr relevant. Damit wäre der Umgang mit den Tieren endlich nicht mehr von der Willkür der Menschen abhängig. Bislang ist genau das das Problem: Tiere sind uns und unserer Fähigkeit zu Empathie und Mitgefühl auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Werden Tiere ausschließlich an ihrer Nützlichkeit für den Menschen gemessen, kommt zudem immer wieder der Punkt, an dem ihre Rechte hinter die der Menschen zurückgestellt werden.

Massentierhaltung, Tierversuche, Tierquälerei, Qualzüchtungen… Jeden Tag werden intelligente, soziale, fühlende Wesen ausgebeutet, unterdrückt, verstümmelt und getötet. Welches Recht haben Menschen, Gewalt gegen eine andere Spezies anzuwenden? Gleichzeitig verstehen sich viele Menschen gleichzeitig als Tierfreunde. Wie passt das zusammen?

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Der Tierschutz im deutschen Grundgesetz

2002 wurde der Tierschutz ins Grundgesetz aufgenommen und der Artikel 20 a GG um die drei Worte „und die Tiere“ ergänzt:

„Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmässigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Massgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“

Verbessert hat sich die Situation in über 10 Jahren nicht, ganz im Gegenteil: Allein in Deutschland werden jedes Jahr ungefähr 750 Millionen Tiere – darunter Hühner, Schweine, Kühe und Puten – geschlachtet (Fleischatlas 2014). Über drei Millionen Tiere werden für Tierversuche eingesetzt (Spiegel.de).

Weltweit geht es den Tieren schlechter als je zuvor.

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Multikulturalismus und Tierrechte

Nach einer einleitenden Bestandsaufnahme der bisherigen Bemühungen um Tierschutz und Tierrechte – angefangen von der 1824 in Großbritannien gegründeten ersten Society for the Prevention of Cruelty to Animals bis heute – erläutern Donaldson und Kymlicka zunächst in Teil 1 das theoretische Grundgerüst ihrer Theorie, bevor sie sich im zweiten Teil den Anwendungen widmen. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Register runden das Buch ab.

„Ganz einfach bedeutet dieser Schritt, daß man einsieht, daß sie [die Tiere] keine Mittel zu unseren Zwecken sind. Sie sind nicht auf die Erde gekommen, um uns zu dienen, zu ernähren oder zu trösten. Vielmehr haben sie ihre eigene subjektive Existenz und folglich ihre eigenen gleichen und unverletzlich Rechte auf Leben und Freiheit, weshalb es verboten ist, sie zu schädigen, zu töten, einzusperren, zu besitzen und zu versklaven. Achtung vor diesen Rechten schließt praktisch alle bestehenden Praktiken der Tiernutzungsindustrie aus, in deren Rahmen Tiere in Besitz genommen und ausgebeutet werde, um dem Menschen Gewinn, Lust, Bildung, Bequemlichkeit oder Trost zu verschaffen.“

Donaldson und Kymlicka begreifen das Zusammenleben von Mensch und Tier in unserem gemeinsamen Lebensraum als Herausforderung und stellen eine Analogie zum Multikulturalismus her. Was den Autoren durch diese Herangehensweise gelingt, ist eine Neuausrichtung der Debatte: Statt aus moralisch-ethischer Perspektive argumentieren sie politisch und philosophisch.

Tiere werden grob in drei Kategorien eingeteilt: 1. domestizierte Tiere, 2. Wildtiere und 3. Schwellenbereichstiere. Unter domestizierten Tieren sind einerseits „Gefährtentiere“ wie Hunde und Katzen, aber auch Hoftiere wie Schweine, Schafe und Kühe zu verstehen. Die Gruppe der Wildtiere umfasst frei lebende Tiere. Als Schwellenbereichstiere werden jene bezeichnet, die sich zwischen beiden Gruppen bewegen: Sie teilen ihren Lebensraum gezwungenermaßen mit uns Menschen, sind aber kein Teil der Gemeinschaft. Dazu zählen unter anderem Ratten, Waschbären oder Eichhörnchen.

Je nach Gruppenzugehörigkeit sollen Tieren unterschiedliche Rechte zugesprochen werden. Sue Donaldson und Will Kymlicka ziehen dabei Vergleiche zwischen domestizierten Tieren, Sklaverei und Gastarbeitern: So lange es eine Dichotomie zwischen Mensch und Tier, bzw. menschliche Bedürfnisse denen der Tiere prinzipiell überordnet würden, gebe es keine Gerechtigkeit.

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Domestizierte Tiere

Domestizierte Tiere gelten in “Zoopolis” als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, als Bürger. Ihnen stehe das Recht auf Nahrung, Unterkunft und medizinische Versorgung, teilweise auch der Freizügigkeit zu. Menschliche Ombudsleute sollen die Interessen der Tiere politisch vertreten.

Unter der Voraussetzung, dass die Rechte gewahrt bleiben, könnten domestizierte Tiere sich dann – in vertretbarem Rahmen – ihrerseits für die Gemeinschaft einsetzen, z.B. durch Arbeit oder durch ihre Produkte wie Wolle, Eier oder Dung, die sie den Menschen zur Verfügung stellen.

„Wir müssen bei der Prämisse ansetzen, daß Menschen und domestizierte Tiere jetzt schon eine Gemeinschaft bilden: Wir haben die domestizierten Tiere in unsere Gesellschaft eingeführt und nun sind wir es ihnen schuldig, sie als Mitglieder anzusehen. Das ist jetzt ihre Heimat […] und ihre Interessen müssen in unsere Vorstellung vom Gemeinwohl der Gemeinschaft einbezogen werden. Das wiederum erfordert, daß die Tiere die Möglichkeit bekommen, die Entwicklung unserer gemeinsamen Gesellschaft mitzugestalten […].“

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Wildtiere

Wildtiere wären keine Bürger in diesem Sinne. Aber auch sie haben ein Recht auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit. Darum müsse ihre Autonomie, ihre Souveränität, gewahrt bleiben. Für Menschen bedeutet das: Habitate dürfen nicht gedankenlos für Wohnraum und dergleichen zerstört werden. Für Schäden, z.B. aufgrund von Umweltverschmutzung, müssten Wildtiere entschädigt werden.

„Werfen wir einen Blick auf die zahllosen Fälle, in denen vom Menschen gebaute Autostraßen Wildgebiete durchqueren, um menschliche Gemeinschaften miteinander zu verbinden. […] man sollte einsehen, daß es sich um Wegerecht-Korridore durch souveränes Wildtier-Territorium handelt. Ebenso wie im Fall der Schiffahrtswege über den Ozean, sollten wir auch hier dazu verpflichtet sein, diese Straßen neu zu planen, um Schäden an wildlebenden Tieren zu begrenzen.”

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Schwellenbereichstiere

Vor allem die Gruppe der Schwellenbereichstiere wird größer. Menschen beanspruchen immer mehr Raum. Die zunehmende Urbanisierung schneidet Wildtiere von ihren natürlichen Lebensräumen ab oder verkleinert sie, was die Tiere zur Anpassung an die neuen Bedingungen zwingt. Menschen gegenüber bleiben sie mehrheitlich zurückhaltend, vorsichtig und bauen in der Regel keine Beziehungen zu ihnen auf. Kymlicka und Donaldson vergleichen sie aufgrund dessen mit ausländischen Gästen, die sich zwar in einem Land aufhalten, aber keine Staatsbürger werden wollen. Darum sollten diese Tiere Einwohnerstatus und für sie geeignete Lebensräume erhalten.

Auch als lästig empfundene Tiere wie Ratten, Mäuse oder Spinnen dürfen nicht getötet werden. Einzige Ausnahme: Es handelt sich um Notwehr. Vielmehr plädieren die Autoren dafür, Lösungsmöglichkeiten für eine funktionierende Koexistenz zu finden. So könnte man sie z.B. an bestimmte Futterplätze gewöhnen und ihnen Lebensbereiche zuweisen.

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Lücken und Tücken

Natürlich hat „Zoopolis“ gewisse Lücken und Tücken, die sich nicht alle auflösen lassen. Der Raum für „Ja, aber…“ ist groß. Je nachdem, wo man sich als Lesende selbst moralisch-ethisch verortet, wird man mal mehr, mal weniger zustimmen oder sich eine Umsetzung nicht in der Praxis vorstellen können. Nicht alle Überlegungen sind unbedingt alltagstauglich.

Vieles muss vertiefend diskutiert und ausgehandelt werden. Aber wenn man sich auf diesen theoretischen Ansatz einlässt, verändert sich die eigene Denkweise und man beginnt, die Umwelt mit anderen Augen zu sehen. Radikal? Utopisch? In einigen Punkten sicher. Fest steht nichtsdestotrotz, dass es so zwischen Mensch und Tier nicht weitergehen kann.

Die Tierschutzbewegung steckt in einer Sackgasse, nicht nur theoretisch, auch praktisch und vor allem politisch.

„Aber das kann sich in unvorhersehbarer Weise – und vielleicht rascher, als man glaubt – ändern. Während die ökologischen und ökonomischen Kosten unseres Systems der Ausbeutung und Kolonisierung der Tiere zunehmend deutlich werden, wird es immer dringlicher, neue Begriffsgerüste zu bauen, die dabei mitwirken, Alternativvorstellungen von den Beziehungen zwischen Mensch und Tier zu bestimmen.“

Man merkt den Autoren ihre Leidenschaft und ihr Engagement auf jeder Seite an. Das Ergebnis ist eine überaus informative, anregende und eindringliche Lektüre, die hoffentlich Diskussionen in Gang und Verdrängungsmechanismen außer Kraft setzen wird. Im Großen und Ganzen haben wir kein Erkenntnisdefizit; wir haben ein Umsetzungdefizit. Veröffentlichungen wie Karen Duves „Anständig essen“, „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer und vielleicht auch die große Anzahl von veganen Kochbüchern, die inzwischen den Markt erobern, zeigen, dass das Thema mittlerweile in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist. Sie spiegeln das Unbehagen angesichts unseres tagtäglichen Verhaltens.

Die Veganerin Sue Donaldson lebt als freie Schriftstellerin in Kingston, Kanada. Will Kymlicka ist Professor für Politische Philosophie an der Queen’s University in Kingston und lehrt darüber hinaus regelmäßig an der Central European University in Budapest.

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Erschienen: 21.10.2013
Gebunden, 608 Seiten
ISBN: 978-3-518-58600-6

Verlag
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Categories: Gesellschaft, Politik, Sachbücher, Tierrechte

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1 reply

  1. Sorry – eigentlich sollte das nicht als Nachricht raus gehen, sondern einfach als Kommentar erscheinen.
    Ein sehr interessantes Thema! Fast möchte ich jedoch sagen: ….wenn das Buch nur nicht so viele Seiten hätte…
    Da braucht man sicher einiges an Durchhaltevermögen.

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