Ella Berthoud und Susan Elderkin mit Traudl Bünger: „Romantherapie“

253 Seelenstreichler – Bücher als Therapie

Gleich 253 Blicke in die Literatur liefern die Literaturwissenschaftlerinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin in „Romantherapie“. In diesem literarischen Seelenstreichler finden sich für nahezu jede Lebenslage und jeden Gefühlszustand Lektüreempfehlungen. Die Zusammenstellung amüsiert und überrascht, ist sicher subjektiv und bietet gewisse Reibungsmöglichkeiten. Unumstritten allerdings ist, dass Bücher Trost spenden, Kraft schenken und Erfahrungen möglich machen. Manchmal schenken sie uns auch eine dringend benötigte Zuflucht, einen Schutzraum vor den Krisen der Wirklichkeit.

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Für Leidende, für Hypochonder und Prophylaktiker: Leiden und Befindlichkeiten von A bis Z

Die RomantherapieVon A wie „Abschiede“ oder „Altersschwäche“ über G wie „Geburtstagsblues“ bis zu Z wie „Zahnschmerzen“ und „Zurückweisung“: Hier werden viele Bedürfnisse bedient. Es sind aber nicht nur negative Befindlichkeiten, auf die sich die Lektüreempfehlungen konzentrieren. Man findet ebenso Tipps für das „Alleinerziehend sein“, für das „Romantisch sein“ und für jedes Lebensalter.

Entdeckungen machen kann man auch in den zahlreichen Listen mit den „Zehn besten“. Beispielsweise gibt es:

„Die zehn besten dicken Schinken“
„Die zehn besten Hörbücher für aggressive Autofahrerinnen und -fahrer“
„Die zehn besten Bücher, die einen zum Lachen bringen“
„Die zehn besten Romane für alle, die sehr traurig sind“
„Die zehn besten Romane für die Hängematte“
„Die zehn besten Romane für…“ jedes Lebensalter oder
„Die zehn besten Trennungsromane“

Ein besonderes Highlight sind für Bibliophile die „Leseleiden“, die sich auf dezent in grau unterlegten Seiten aufspüren lassen. Darunter finden sich Probleme wie “Amnesie, lektürebezogen”, “Buchkäufe, zwanghafte”, “Konzentrationsschwierigkeiten” oder “Hang, mehr zu lesen als zu leben”. Die Autorinnen widmen sich den Dilemmata von Buchliebhaberinnen und -liebhabern augenzwinkernd mit viel Wärme und durchaus hilfreichen Tipps.  So kann etwa die Einrichtung eines Regals mit Lieblingsbüchern Aufschluss über die eigene Lese-Identität geben und diesbezügliche Unsicherheiten beseitigen.

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Alte Freunde, neue Kontakte

Wer Literatur liebt, wird in “Die Romantherapie” zwangsläufig vielen alten Freunden begegnen – Klassikern ebenso wie zeitgenössischen Werken. Letztendlich ist diese Sammlung eine Liebeserklärung  an das Lesen. Neben knapp gehaltenen inhaltlichen Einblicken (Achtung: nicht immer spoilerfrei) geben die Autorinnen ein paar Hinweise zur Entstehungszeit, ergänzen hier und da eine persönliche Einschätzung, eine Spur Gesellschafts- und Zeitkritik oder schließen den einen oder anderen eigenen Tipp als Lebenshilfe an. Das macht dieses Buch zu einem wunderbaren Geschenk – für Leserinnen und Leser, aber auch für alle, die sich bisher von Büchern eher ferngehalten haben. Die Lust auf Neues wirkt unweigerlich geweckt und bei dieser Fülle muss einfach für jede/n etwas dabei sein!

Für die „Suche nach dem Glück“, nach diesem flüchtigen, schwer fassbaren Zustand, der uns immer wieder zu entschlüpfen scheint, wird etwa Ray Bradburys 1953 veröffentlichter dystopischer Roman „Fahrenheit 451“ empfohlen. Viel zu oft suchen wir heute unser Glück in materiellen Gütern, verschwinden in medialen Welten oder greifen zu bewusstseinsverändernden Substanzen. „Fahrenheit 451 lehrt Sie, dass das Leben aus einer großen Fülle an Erfahrungen besteht.“ Obendrauf gibt es einen guten Tipp für den Fall einer Apokalypse: „Und für den Fall, dass Bradburys Vision Realität werden sollte: „Lernen Sie wie Montag einen Roman auswendig. Man weiß nie, ob es nötig werden wird, ihn an den Rest der Menschheit weiterzuerzählen.“

Die Kraft des Optimismus – und damit eine starke Abwehr gegen den Pessimismus – zeigt Daniel Defoes Roman „Robinson Crusoe“ (1719). Bei der Gefahr, sich zu früh zu verheiraten, empfiehlt sich der „Effi[Briest]-Test“ und gegen massive Schreibblockaden, die sich womöglich sogar auf das Schreiben von Einkaufs- und To-do-Listen erstrecken, lohnen sich „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ von Tilman Rammstedt aus dem Jahr 2012.

Das Thema „Obsessionen“ steht gleichermaßen im Zentrum von „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann wie auch in Herman Melvilles „Moby Dick“.

„Für die Leser von ‚Der Tod in Venedig‘ ist Tadzio nur ein Junge. Moby Dick dagegen ist nie nur ein Wal, und Kapitän Ahab nie nur ein Mensch. Als Ahab und Moby Dick gemeinsam unter dem ‚dunklen Laken des Meeres‘ verschwinden, bleibt doch ihre Anziehungskraft bestehen – etwas Monströses, Betörendes, Fürchterliches bleibt zurück, etwas, das sich einem ständig wieder entzieht. Wodurch die Macht der Obsession vom Wal auf das Buch selbst übergeht.“

Das Besondere neben den kleinen persönlichen Einschätzen, die hier vorgenommen werden, ist, dass die Autorinnen eine thematische Verbindung zwischen einzelnen Büchern schaffen und sie so thematisch vernetzen. Das ermöglicht das Finden von vielen Tipps rund um bestimmte Themenkreise.

Dass sich die Empfehlungen nichtsdestotrotz mitunter von dem unterscheiden, was man vielleicht selbst angesichts einer bestimmten Befindlichkeit aus dem Regal gezogen hätte, versteht sich von selbst. Bei den „zehn besten Fantasy-Romanen“ findet sich beispielsweise J.R.R. Tolkiens „Der Hobbit“, nicht aber „Der Herr der Ringe“. Auch „Tintenherz“ von Cornelia Funke hätte ich persönlich nicht an dieser Stelle berücksichtigt.

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Leiden und Listen

Am Ende gibt es ein „Verzeichnis der Lebenslagen und Leiden“, ein separates für „Leseleiden“ und eine Aufstellung der Sammlungen mit den „Zehn besten Romanen“. Alle Titel sind zum leichteren Auffinden in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet. Auch Quellennachweise fehlen nicht.

Wünschenswert gewesen wäre zusätzlich eine ergänzende Auflistung nach Autorinnen und Autoren, um gezielt nach Lieblingsschriftstellerinnen und -schriftstellern suchen zu können.

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Fazit

Alles in allem ist das Buch ein herrliches Geschenk für alle, die Bücher lieben. Schließlich weiß man nie, wann einen das eine oder andere Thema einholt – und dann muss einfach die passende Lektüre her! Das Wiedersehen mit alten Freunden und der Erstkontakt mit noch Unbekannten machen einfach Spaß. “Die Romantherapie” regt dazu an, sich zwischen Buchdeckeln umzusehen, die man sonst eventuell nicht so ohne weiteres auseinander bewegt hätte. Dass die Bücher zusätzlich untereinander vernetzt sind, ist ein Bonus. Wer zu einem bestimmten Thema nach Literatur sucht, findet hier reichlich Anregungen. Findet sich das eigene Lieblingsbuch nicht, ist man mit einer Liste nicht einverstanden, umso besser: Es ist herrlich, sich mit anderen darüber auszutauschen, zu diskutieren und eigene Empfehlungen zu optimieren.

Wie ist es bei euch? Verschreibt ihr euch selbst, Familienmitgliedern oder engen Freundinnen und Freunden ab und an auch bestimmte Bücher gegen Leiden, Sorgen und Nöte? Seid ihr auch heimliche Romantherapeuten?

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Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger:
Die Romantherapie. 
253 Bücher für ein besseres Leben
aus dem Englischen von Katja Bendels und Kirsten Riesselmann
430 Seiten
ISBN 978-3-458-17589-6

Verlag
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Categories: Belletristik, Literatur

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