Andreas von Klewitz: “Carl Chun, die Valdivia und die Entdeckung der Tiefsee”

Faszination Tiefsee

Mit der Challenger-Expedition von 1872 – 1876 begann die Erforschung der Tiefsee. Großbritannien begründete damit die Wissenschaft der Ozeanographie. Die erste deutsche Expedition folgte rund 20 Jahre später: 1898 trat der Zoologe Carl Chun (1852-1914) seine große ozeanographische Forschungsreise an. Die Bewohner der Tiefsee, die die „Valdivia“-Expedition mitgebracht hat, befinden sich heute im Museum für Naturkunde in Berlin.

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Forschungsunternehmen oder “kaiserliches Prestigeprojekt“?

Carl ChunAm 31. Juli 1898 war es soweit: Die “Valdivia” – ein umgebauter 94 Meter langer Passagier- und Frachtdampfer der Hamburg-Amerika-Linie – brach unter dem Kommando von Kapitän Adalbert Krech und einer sorgfältig ausgewählten Mannschaft zu ihrer großen Expedition auf. An Bord neben Chun sieben weitere Naturwissenschaftler: drei Zoologen, ein Ozeanograf, ein Botaniker, ein Chemiker und ein Navigationsoffizier. “Hinzu kamen vier Freiwillige, darunter ein Arzt und ein wissenschaftlicher Zeichner und Fotograf.”

Der Deutsche Reichstag hatte 300.000 Goldmark für die „Valdivia“-Expedition bereitgestellt. Dementsprechend gut war die Ausstattung des Schiffes.

“Ausrüstungsgegenstände für biologische, ozeanografische und meteorologische Untersuchungen. […] Zu ihnen zählten verschiedenartige Netze zum Heraufbringen der Organismen – Grundschleppnetze, Tiefseereusen, Planktonnetze und Schließnetze -, die in unterschiedliche Wassertiefen hinabreichten und über Kabeltrommeln bedient wurden. Die ozeanografische Ausrüstung umfasste diverse Tiefseethermometer (Maximum- und Minimumthermometer, Kippthermometer), Lotmaschinen zur Tiefseemessung und Wasserschöpfer zur Entnahme von Tiefseewasserproben; Aräomter [sic!] dienten der Erfassung der Wasserdichte.”

In der umfangreichen Bordbibliothek stand einiges an Fachliteratur zur Verfügung. Forschungsunternehmen oder doch eher ein “kaiserliches Prestigeprojekt”? Deutschland besaß nur wenige Koloniegebiete und war international um Ansehen bemüht. Das hieß klotzen, nicht kleckern. Oder mit den Worten Carl Churs:

“Die Überzeugung, daß Deutschland sich der Ehrenpflicht, im Wettstreit mit anderen Kulturnationen an der Erforschung der Tiefsee sich zu beteiligen, nicht länger entziehen konnte, brach sich allmählich Bahn. Wollte es sich bei einer derartigen Forschungsreise nicht lediglich an die engere Interessensphäre des heimischen und kolonialen Besitzes halten, […], so war der Weg für eine deutsche Tiefsee-Expedition von vornherein gewissermaßen vorgezeichnet: Sie hatte in weitem Bogen Afrika zu umkreisen, den östlichen antarktischen Ocean zu erforschen, von dem Kap aus einen Vorstoß in die kalten, antarktischen Stromgebiete zu unternehmen, um schließlich die Erforschung des indischen Ozeans ihre besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden.“

Die “Valdivia” legte mehr als 32.000 Seemeilen durch den Atlantik, in antarktischen Gewässern und im Indischen Ozean zurück. Dabei stieß sie in Gebiete vor, die bis dahin völlig unerforscht waren. Rund ein Jahr nach dem Ende der Expedition veröffentliche Carl Chun unter dem Titel “Aus den Tiefen des Weltmeeres“ seinen spannenden Reisebericht, der zum Bestseller wurde.

Allerdings ist die Sprache des 19. Jahrhunderts heutzutage vielleicht doch etwas schwer zugänglich. Darum entschied sich der Historiker Andreas von Klewitz dazu, die 550 Seiten des Originals als Grundlage zu verwenden und die Geschichte in gestraffter Form zu präsentieren. Er führt gewissermaßen durch das Original, fasst zusammen und legt den Fokus auf wesentliche Stationen und Aspekte.

Dabei lässt er immer wieder Carl Chun in Originalzitaten, die kursiv gesetzt sind, für sich wirken. Dieses Buch aus der Hand zu legen, ist kaum möglich. Man klebt an den Seiten und verfolgt gebannt, wie sich die „Valdivia“ durch Stürme und an Eisbergen vorbeikämpft, liest vom Bordalltag, von unbekannten Meerestieren und vom Kontakt mit Einheimischen, denen sie unterwegs begegnen. Dabei muss man sich – sowohl hinsichtlich des Umgangs mit Tieren als auch bei der Wortwahl, mit der Einheimische beschrieben werden – immer wieder die Zeit bewusst machen, in der der Originaltext entstand. Man bekommt dadurch jedoch einen guten Einblick in die deutsche Kolonialgeschichte und in die Sichtweisen der damaligen Zeit.

Fachbegriffe werden weitgehend ausgespart. Zahlreiche Fotografien, Zeichnungen, Karten, Bildtafeln und Aquarelle entführen in eine andere Zeit und in die Welt der Tiefsee.

Auf dem Buchcover ist der Vampirtintenfisch zu sehen, der bei der „Valdivia“-Expedition entdeckt wurde, vermutlich 300 Millionen Jahre alt ist. US-Forscher haben es geschafft, das Tier zu filmen. Hier ist das beeindruckende Video zu sehen. Nach wie vor birgt die Tiefsee viele Geheimnisse, und viele Lebewesen, die vermutlich noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hat, sind vom Aussterben bedroht…

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Die Präsentation

Selten habe ich ein so aufwändig und wunderschön gemachtes Buch in den Händen gehabt: Es ist in Leinen fest gebunden und mit einem Lesebändchen versehen. Der dunkelblaue Vorsatz ist mit weißen Meerestieren bedruckt. Das gestrichene Papier fühlt sich weich unter den Fingerspitzen an und macht so auch haptisch Freude. Die Fotografien, Karten, Zeichnungen und kolorierten Aquarelle sind beeindruckend schön reproduziert. Man kann sich daran nicht sattsehen und nimmt das Buch immer wieder zur Hand, um sich in die Bildmaterialien zu vertiefen.

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Der Autor

Andreas von Klewitz, Jahrgang 1960, studierte Slavistik sowie Ost- und Südosteuropäische Geschichte in Berlin. Er arbeitet als freischaffender Autor, Journalist und Übersetzer und lebt in Berlin.

 

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Andreas von Klewitz: Carl Chun, die Valdivia und die Entdeckung der Tiefsee
216 Seiten, mit ca. 100 s/w- und 16 farbigen Abbildungen
Hardcover, Leinen, 17,5 x 24,7 cm
ISBN: 978-3-86964-071-6

Verlag
Amazon
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Categories: Garten, Natur, Umwelt, Sachbücher

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  1. Sonntagsleserin KW #20 – 2014 | buchpost

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