Lothar Machtan: “Prinz Max von Baden – Der letzte Kanzler des Kaisers”

Streit mit dem Schicksal

„Zum Helden nicht geboren,
Und Helden doch verwandt,
So streit’ ich mit dem Schicksal
Mit müder Brust und Hand.“

Prinz Max von Baden (1901)

 

“Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.”

Max von BadenMit diesen Worten verkündet Reichskanzler Prinz Max von Baden (1867-1929) eigenmächtig am 9. November 1918 die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vollzogene Abdankung Kaiser Wilhelms II und zementiert damit den Untergang der Monarchie. Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht rufen kurz nacheinander die Republik aus, Wilhelm II flieht ins Exil in die Niederlande und Max von Baden übergibt sein Amt an Friedrich Ebert. Nach nur fünf Wochen ist damit auch seine Zeit vorbei.

Lange hat er sich nicht gehalten auf der politischen Bühne. In der breiten Öffentlichkeit ist sein Name vermutlich kaum noch ein Begriff. Doch wer ist dieser Mann, der scheinbar aus dem Nichts heraus zu einem der Hauptakteure im Herbst 1918 wird?

Der Historiker Prof. Dr. Lothar Machtan von der Universität Bremen präsentiert nach über dreijähriger Recherche eine 520 Seiten umfassende Biographie dieses Prinzen, der den einen als „Totengräber der Monarchie“, den anderen als „liberaler Überwinder des Obrigkeitststaates“ gilt. Dabei nimmt er nicht nur Max von Badens politisches Wirken und sein „epochales Scheitern“ in den Blick. Er konzentriert sich auch auf den Menschen selbst: auf seine Herkunft und seine Prägungen, seinen Charakter, seine Ziele und Sehnsüchte. So entsteht gleichzeitig ein vielschichtiges Panorama seiner Zeit.

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Die Quellenlage

Der Zugang zum persönlichen Nachlass des Prinzen ist Machtan verwehrt geblieben. Trotzdem ist es ihm gelungen, eine beachtliche Fülle von privaten Dokumenten zusammenzutragen, die eine Annäherung an den Menschen Max von Baden erlauben und ihn als Person greifbar werden lassen. Manche Quellen sind hier erstmals erschlossen.

Von besonderem Interesse für den Bremer Historiker sind „sogenannte Egodokumente, in denen Prinz Max offen seine persönlichen Ansichten und Befindlichkeiten artikuliert sowie sein Tun und Lassen rechtfertigt“, darunter Tagebuchaufzeichnungen und Briefe. Dazu zählt die Korrespondenz an männliche Freunde, darunter Prinz Ludwig von Baden, sein Jugendfreund Ernst („Ernie“) zu Hohenlohe-Langenburg, sein „Seelsorger“ und „Lebensberater“ Johannes Müller, der schwedische Leibarzt Axel Munthe sowie der Schriftsteller Houston Steward Chamberlain. Aber auch seine Zeilen an die mütterliche Freundin Cosima Wagner, die Witwe Richard Wagners, und seiner Cousine Victoria, die spätere Königin von Schweden hat Machtan einbezogen. „Was schließlich das öffentliche Leben Max von Badens anlangt, so kann man über einen Mangel an aussagekräftigen Quellen erst recht nicht klagen.“

Lothar Machtan  zeichnet das Leben Max von Badens in vier Teilen chronologisch von dessen Geburt im Jahre 1867 bis zu seinem Tod im Jahr 1929 nach. Verbleibende Lücken schließt der Biograph durch das Ziehen logischer Schlussfolgerungen, durch naheliegende Ausdeutungen, sowie durch Rückgriff auf einschlägige Literatur über diese Zeit. Letztere kommt beispielsweise zum Tragen, als es um die Schilderung der Kindheit, Erziehung und Bildung des Prinzen geht, die vermutlich als zeit- und standestypisch gelten darf.

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Zwischen Pflichterfüllung und Selbstbestimmung

Nach dem Abitur im Jahre 1885 studiert Max von Baden eher halbherzig zweieinhalb Jahre Jura an verschiedenen Universitäten in Freiburg, Heidelberg und Leipzig, bevor er den obligatorischen Militärdienst beginnt. Wichtig sind für ihn ganz andere Dinge: Er liebt die Werke Richard Wagners, spielt Klavier, nimmt Gesangsunterricht, besucht das Theater oder geht mit seinem zwei Jahre älteren Vetter Ludwig, mit dem er in seiner Studentenzeit zwei Jahre zusammenlebt, auf die Jagd.

Seine Homosexualität – ein Kernelement seiner Identität – hat Max von Baden schon früh entdeckt. Seit seinem zehnten Lebensjahr schwärmt er für Ludwig, den er mit Briefen, Gedichten und Zeichnungen umwirbt. Er nennt ihn „Schätzerl“ und „my darling“, und seine Zeilen werden mit den Jahren zunehmend intimer. Als Neunzehnjähriger lässt er ihn wissen:

“Ich war heute früh im Schloß, und wie ich in Deinen Gang kam (wo ich sonst zu meinem Schätzerl im Bett komme), da roch es so stark, daß ich meinte, es brenne bei Dir. Es brennt zwar bei Dir, aber unter der Uniform. […] Ich würde mich, wenn ich könnte, Dir in die Arme fallen lassen, so aber umarme ich Dich in Gedanken fest, und träume von Dir […].”

Öffentlich hält sich der Prinz bedeckt. In höchsten Kreisen weiß man Bescheid. Immer wieder steht Max von Baden, wie Lothar Machten aufzeigt, wegen seiner Sexualität in der Kritik und ist Anspielungen, Anfeindungen, Häme und sogar Erpressung ausgesetzt. Wilhelm II hinterlässt entsprechende Äußerungen sogar in amtlichen Schriftstücken und kritzelt Randbemerkungen in öffentliche Dokumente.

Seit dem 15. Mai 1871 ist zwar der Paragraph 175 in Kraft, der männliche Homosexualität mit Gefängnisstrafe und dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bestraft. Außerdem  führt die Berliner Polizei ein Homosexuellenregister. Doch für “Vertreter der wilhelminischen Hofgesellschaft um 1900”, so Machtan, bestehe “(noch) keine Gefahr.”

1899 unterzieht sich Max von Baden sogar einer (natürlich wirkungslosen) Hypnose-Behandlung bei dem damals angesehenen Spezialisten für „Sexualneurosen“ Dr. Richard von Krafft-Ebing.  Wie der Prinz diese zwei Monate erlebt hat, ist nicht bekannt.

Seine aristokratische Herkunft zwingt den Prinzen schließlich zur Heirat und zur Zeugung eines Thronerben, will er den Fortbestand der badischen Dynastie gewährleisten. Darum heiratet Max von Baden ein Jahr darauf Marie Louise von Cumberland, allerdings ohne die Ehe zu vollziehen.

Wilhelm II kommentiert die Impotenz von Badens mit deutlichen Worten und spottet, dass nur dessen Leibarzt und Vertrauter Axel Munthe „den schlappen Max absolut in seiner Gewalt“ habe und er mal wieder „massiert werden“ müsse. Munthe lädt das Paar zu einem längeren Aufenthalt in sein Traumhaus auf Capri ein und die drei pflegen einen engen persönlichen Kontakt. Briefe oder Berichte über diese Zeit existieren nicht (mehr), nur ein Album mit Fotografien und einer vieldeutigen Widmung.

Als Marie Louise von Cumberland tatsächlich schwanger wird, wird dies als Verdienst des Mediziners gefeiert. Sie bringt zwei Kinder zur Welt: Marie Alexandra (1902) und Berthold (1906). Dem gesellschaftlichen Ansehen von Badens tut das gut, wie Lothar Machatan berichtet. Seine Vaterschaft sei allerdings nicht eindeutig geklärt und die Gedichte und Zeilen, die er an Axel Munthe richtet, lassen über seine wahren Gefühle keinen Zweifel.

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Der Prinz und der Professor

Große Bedeutung für Max von Baden hat später die Liebesbeziehung zu dem Geologen und Lawinenforscher Wilhelm Paulcke (1873-1949), die von dessen Ehefrau Marie akzeptiert wird. Von Baden wechselt mit ihr überraschend offene Briefe, die zum Teil mehr als eindeutige Anspielungen enthalten. Laut Lothar Machtan vermutlich die einzige Zeit, in der der Prinz seine Homosexualität angstfrei leben kann.

Dabei – so der Historiker – „ging es bei diesem Verhältnis zwischen Prinz und Professor nicht ausschließlich um homosexuelles Begehren. Schließlich war sein Schauplatz meist die alpine Bergwelt, wo der Bergführer Paulcke seinem Max zu intensivem Landschaftserleben verhalf und zugleich dessen körperliche Ertüchtigung förderte. […] Max erlebte diese Alpentouren nicht zum wenigsten als Gang ins Hochgebirge menschlichen Seins, die eine befreiende Wirkung auf ihn ausübten. Ohne seinen versierten Bergführer wäre der stets Trostbedürftige zu solchen Erfahrungen wohl niemals gekommen. […]

Wie stark, ja dominant diese emotionale Bindekraft tatsächlich war und blieb, zeigte sich im Sommer 1913, als Wilhelm Paulcke mehrere Monate nach Nordamerika verreiste. Da telegrafierten die beiden ‚jede Woche‘ – damals ein teures Vergnügen.“

Am 1. August 1914 beendet Max von Baden aufgrund der politischen Ereignisse die Beziehung: Er bittet Marie Paulcke aus Angst vor Entdeckung darum, seine Briefe zu vernichten, damit nichts in fremde Hände gerate. Man kann nur erahnen, wie viele Dokumente der Nachwelt aufgrund dessen verloren gegangen sein mögen.

Am Ende fügt Max von Baden, als habe er eine dunkle Vorahnung gehabt, noch hinzu:

„‚Unser Scheiden war wie im Traum, wie es mir überhaupt jetzt wie ein Traum ist; zu welchem Erwachen, ahnen wir alle nicht.’“

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Politisches Scheitern

Machtan charakterisiert den Prinzen in all seiner Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit als poetisch veranlagten Ästheten, der zwar ein standesgemäßes, aber selbstbestimmtes Leben führen will und von einer Künstlerkarriere träumt.  Von Baden – der überzeugte Monarch, der Parlamentarismus und Parteiensystem ablehnt – ist weder sonderlich politisch interessiert noch versiert. In Wirklichkeit ziehen andere die Fäden. Nur darum kommt der Prinz überhaupt in ein derart hohes politisches Amt und schreibt für einen Wimpernschlag Weltgeschichte. – Allerdings ganz anders, als er sich das selbst erträumt hat.

Ein Hauptaugenmerk der Biographie liegt dementsprechend auf der kurzen Regierungszeit des Prinzen. Die Vorbereitungszeit seiner Kanzlerschaft bis zu seiner tatsächlichen Einberufung am 3. Oktober 1918 wird ausführlich geschildert. Gegenwind gibt es sowohl von Wilhelm II, als auch von der Obersten Heeresleitung (OHL) unter den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die eine eigene Agenda verfolgen.

Von Baden fühlt sich der Monarchie verpflichtet, ist Wilhelm II loyal ergeben und visualisiert sich in eine „Heldenrolle”. Durch sein Eingreifen will er das Vaterland retten und seinem eigenen Leben „durch den Sprung ins Dunkle der Politik […] eine Wendung zum Großen […] geben.“ Er hofft, dass der Kaiser freiwillig auf den Thron verzichtet, als seine Niederlage offensichtlich ist. Der allerdings denkt nicht daran. Die Kaiserin versucht zudem, Max von Baden mit ihrem Intimwissen über seine Homosexualität zu erpressen. Das nimmt ihm letztendlich die Kraft, bis er Angst vor der eigenen Courage bekommt und die Ereignisse sich überstürzen…

Hätte ein behutsamerer Übergang von der Monarchie zur parlamentarischen Republik mit Max von Baden als Reichsverweser und Friedrich Ebert als Reichskanzler den Aufstieg Hitlers verhindern können?

“1933 beginnt womöglich 1918″, fasst Lothar Machtan in Literaturzeit am 12. Oktober 2013 zusammen, “nämlich mit Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg, mit dem Kollaps der Monarchie und der Sturzgeburt mit der Sturzgeburt der demokratischen Republik durch eine halbe, unvollendete Revolution.”

Die Jahre nach seinem “epochalen Scheitern” werden für Max von Baden zur Qual. Weder der Der Kaiser noch die Oberste Heeresleitung – die wahren Totengräber der Monarchie – sehen sich in der Verantwortung und lassen keine Gelegenheit aus, ihn als Verräter hinzustellen.

1927 bemüht sich Max von Baden in einer Biografie mit dem Titel “Erinnerungen und Dokumente” seine Sicht der Dinge darzulegen. Allerdings gerät diese Rechtfertigungsschrift zu wenig selbstkritisch, so dass das Unterfangen wirkungslos bleibt.

Im Jahr 1929 stirbt Prinz Max von Baden, geschwächt durch mehrere Schlaganfälle, im Alter von 62 Jahren an Nierenversagen in Konstanz.

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Fazit

“Prinz Max von Baden – Der letzte Kanzler des Kaisers” ist die einzigartige und oft auch tragische Biographie eines in sich zerrissenen Mannes, der gleichzeitig versucht, ein standesgemäß-aristokratisches Leben zu führen, sich aufgrund seiner Homosexualität jedoch außerhalb der Konventionen seiner Zeit bewegt. Man bekommt Einblicke in das Leben Homosexueller um die Jahrhundertwende, taucht ein in die Sichtweisen der Kaiserzeit und erlebt die dramatischen Ereignisse zwischen dem deutschen Waffenstillstandsgesuch Anfang Oktober und dem Sieg der Revolution Anfang November 1918 hautnah mit.

Es ist eine faszinierende, fakten- und kenntnisreiche Lektüre mit vielen historischen Fotos, die der hohen Informationsdichte zum Trotz stets gut lesbar und fesselnd bleibt. Von „trockenem“ Stoff kann hier keine Rede sein!

Am 10. Juli 2014 jährt sich der Geburtstag des Prinzen zum 147. Mal. Ein guter Grund, sich in diese Vita zu vertiefen und ihn kennen zu lernen, den letzten Kanzler des Kaisers.

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Der Autor

Lothar Machtan, Jahrgang 1949, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bremen. Sein Spezialgebiet ist die Kultur- und Politikgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Zuletzt erschienen “Der Kaisersohn bei Hitler” (2006) und “Die Abdankung. Wie Deutschlands gekrönte Häupter aus der Geschichte fielen” (2008). Machtan forscht und lehrt in Bremen, darüber hinaus auch in Berlin, Halle, Kassel, Konstanz, sowie am Claremont McKenna College in Kalifornien. Außerdem schreibt Machtan u.a. für den Spiegel, Die Zeit und  die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Aufsehen erregte sein Buch “Hitlers Geheimnis. Das Doppelleben eines Diktators” (2001).
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Erschienen: 21.10.2013
Gebunden, 670 Seiten
ISBN: 978-3-518-42407-0

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Categories: Geschichte, Gesellschaft, Sachbücher

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