Ursula Krechel: “Landgericht”, gelesen von Frank Arnold (Hörbuch)

Der lange, zermürbende Kampf um Gerechtigkeit und Wiedergutmachung

9783899644821_Krechel_Landgericht_DHP-LogoDer Sprecher Frank Arnold wurde 2014 für seine Lesung von „Landgericht“ in der Kategorie „Bester Interpret“ mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2014 ausgezeichnet. Die Preisträgerjury begründete ihre Entscheidung damit, dass Frank Arnold den Hörer nicht allein lasse und zudem den Text um „Nuancen, die nicht geschrieben werden können“ erweitere.

Das hat mich neugierig gemacht. Oft höre ich ein Hörbuch ergänzend zur Lektüre, einfach weil mich ein Buch nicht loslässt oder weil mich die Interpretation des Sprechers interessiert.

Gleich vorweg: Man kann sich auch ohne vorherige Kenntnis des Textes bedingungslos diesem Hörbuch und seinem überaus versierten Sprecher anvertrauen. Frank Arnold begeistert und beeindruckt von Anfang an.

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Handlung

 

Der jüdische Richter Richard Kornitzer betritt 1948 nach 10 Jahren Exil erstmals wieder deutschen Boden. Er kommt zurück in ein Land taumelnd zwischen Depression und Aufbruchstimmung, das ihm als Heimkehrer seltsam fremd geworden ist – ein Zustand, der mit seinem Inneren korrespondiert.

Innerlich gespalten versucht er, die Brüche in seiner Biographie zu schließen. Er will beim Wiederaufbau des Landes helfen, staatliche Wiedergutmachung für sich erreichen und vor allem auch seine Familie, seine Frau Claire und ihre gemeinsamen Kinder Selma und Georg, wieder zusammenbringen. Allerdings lässt sich an die Vergangenheit nicht einfach so übergangslos anknüpfen. Zwischen ihm und seiner Frau ist das Verhältnis angespannt; die Kinder, die sie mit einem Kindertransport nach England geschickt hatten, um sie vor dem Zugriff der Nazis zu retten, sind den leiblichen Eltern entfremdet und wollen nicht zurück. Im Landgericht Mainz muss Kornitzer erleben, dass die Entnazifizierung noch längst nicht überall greift…

Ursula Krechel, die in ihrem Roman gekonnt Fakten und fiktive Elemente verknüpft, erzählt diese berührende und von stiller Tragik und Melancholie durchsetzte Familiengeschichte in einem vier Jahrzehnte umspannenden Bogen, der in den 1930er Jahren seinen Anfang nimmt. Vor dem Hintergrund der Biographie Richard Kornitzers und seines zermürbenden Kampfes um Gerechtigkeit und Wiedergutmachung bekommt man einen Blick auf Deutschland kurz vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Autorin schildert das Geschehen distanziert bis nüchtern. Beim Hören bleibt man beobachtend außen, ist aber nichtsdestotrotz tief berührt. Das ist kein Hörbuch, das sich fürs Autofahren eignet, sondern eins, das höchste Aufmerksamkeit verlangt und verdient.
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Der Sprecher: Frank Arnold

Frank Arnold liest angenehm sachlich und neutral bis nüchtern, aber gleichzeitig so einnehmend, dass man sich seiner Stimme nicht entziehen kann. Wechseln in Dialogen die Sprecher, so bewegt er sich mühelos von einem Charakter zum anderen, was das Gefühl entstehen lässt, mehreren Personen zuzuhören. Teilweise fühlt man sich fast wie die sprichwörtliche „Fliege an der Wand“, als sei man eingedrungen in zutiefst private Gespräche.

Arnold spielt mit unterschiedlichen Tonlagen, ohne dass es je aufgesetzt wirkt, wechselt den Sprechrhythmus passend zur jeweiligen Situation und verleiht dadurch jedem Charakter eine individuelle Note.

Einige Passagen habe ich unmittelbar nach dem Anhören noch einmal abgespielt, einfach, weil der Vortrag so mitreißend war. Seine Stimme bleibt wochenlang im Ohr, die Worte unvergesslich.

Der gebürtige Berliner Frank Arnold hat Philosophie und Theaterwissenschaften studiert. Er war viele Jahre als Schauspieler, Regieassistent und Dramaturg unter anderem in München, Düsseldorf und Heidelberg tätig. Dabei arbeitete er Größen wie Luc Bondy, George Tabori, Samuel Beckett und Peter Stein zusammen. Zudem war er Regisseur für Theater und Oper u.a. in Berlin, München, Zürich, London und Wien und lehrte am Trinity College in Dublin.

Als Sprecher ist er unter anderem in Hörbuch-Aufnahmen von I. Trojanows „Der Weltensammler“, D. L. Sayers’ „Mord braucht Reklame“, W. Isaacsons „Steve Jobs“, R. Safranskis „Goethe“ und C. Clarks „Die Schlafwandler“ zu hören.

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Präsentation

Bei dieser autorisierten Lesefassung handelt es sich um eine gekürzte Version. Die insgesamt 580 Minuten Hörvergnügen kommen auf acht CDs, die – untergebracht in zwei Doppel-CD-Hüllen – in einem Pappschuber stecken. Bedruckt sind die Silberlinge mit dem Namen der Autorin, dem Titel, dem Sprecher und der entsprechenden Nummer, entweder in blauer bzw. roter Schrift auf weißem Hintergrund.

Ein separates Booklet gibt es zwar nicht. Aber die Rückseiten der CD-Hüllen sind mit den relevanten Informationen zum Inhalt des Hörbuches, sowie mit Kurzbiographien von Ursula Krechel und Frank Arnold bedruckt. Auf der Rückseite der Box findet sich zudem ein Auszug aus der Begründung der Jury anlässlich der Auszeichnung von „Landgericht“ mit dem Deutschen Buchpreis im Jahre 2012.

Alternativ ist dieses Hörbuch auf auf der Verlagsseite als Download (DRM-frei) verfügbar.

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Landgericht

Autor: Ursula Krechel
Sprecher: Frank Arnold
Genre: Literatur
Produktionsart: Gekürzte Lesung
Produzent: Audiobuch Verlag
Auszeichnungen: Deutscher Hörbuchpreis, hr2 Hörbuch-Bestenliste
ISBN: 978-3-89964-482-1

Verlag
Amazon
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1 reply

  1. Interessant, ich lese gerade das Buch. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wegen der etwas sperrigen Sprache und den vielen Zitaten bin ich jetzt so richtig im Lesefluss und sehr gespannt auf die weitere Handlung. Als Hörbuch stelle ich es mir sehr schwierig vor, Du schriebst ja auch, dass man sich da sehr konzentrieren muss. Manche Stellen musste ich auch mehrmals lesen, um sie richtig zu verstehen. Um so mehr hast Du mich jetzt neugierig auf das Hörbuch gemacht. Viele Grüße, Claudia

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