Toni Morrison: „Heimkehr“

Die langen Schatten der Vergangenheit

Die amerikanische Autorin Toni Morrison thematisiert in ihren Romanen die oft verschwiegene Geschichte der Afroamerikaner in den USA. Sie erzählt scharfsinnig in poetischer Sprache von den Schattenseiten ihres Heimatlandes, von Sklaverei, Segregation und Diskriminierung.

„Heimkehr“ sind die Zeilen eines von Toni Morrison selbst verfassten Liedes vorangestellt. Die eindringlichen Worte stimmen auf das Leitmotiv der Erzählung ein und werfen die Frage auf, was das eigentlich ist, Heimat:

„Wessen Haus ist das?
Wessen Nacht hält das Licht fern
Hier drinnen?
Sag, wem gehört dieses Haus?
Meins ist es nicht.
Ich hab von einem anderen geträumt, wohnlicher, heller,
Mit einem Blick auf Seen, befahren in bunten Booten,
Auf Felder, weit wie Arme, ausgebreitet für mich.
Dieses Haus ist fremd.
Seine Schatten lügen.
Sag mir, sag, warum mein Schlüssel hier passt.“

“

Toni Morrison: “Heimkehr”, aus dem Englischen von Thomas Piltz, Rowohlt Verlag 2014

HeimkehrDer Roman ist Teil einer Reihe von Werken, in denen Toni Morrison unterschiedliche Jahrzehnte der amerikanischen Geschichte in den Blick nimmt. So spielt beispielsweise „Jazz“ (1992, dt. 1993) in den 1920er-Jahren in Harlem. Das Setting von „Liebe“ (2003, dt. 2004) ist ein Strandhotel für Schwarze in den 1930er Jahren und „Paradies“ (1998, dt. 1999) ist in den 70ern verortet.

Beim Lesen von „Heimkehr“ erwartet ein unverstellter Blick auf das Leben der Schwarzen in den Vereinigten Staaten in den 1950er Jahren, kurz vor dem Einsetzen der Bürgerrechtsbewegung. Es geht um den (gern vergessenen) Koreakrieg, posttraumatische Belastungsstörungen von Veteranen, den allgegenwärtigen Rassismus, den Ku-Klux-Klan, Gewalt, medizinische Experimente an Menschen, das Gesundheitssystem, Armut, Bildung, Solidarität innerhalb der schwarzen Bevölkerung, Selbstbestimmung und Selbstfindung. Nicht zuletzt steht über allem die Frage nach Halt und Heimat.

Vermutlich taucht spätestens jetzt die Befürchtung auf, diese thematische Vielfalt könne den schmalen Roman überfrachten. Das genau das nicht geschieht, ist große Kunst. Vieles wird nur streiflichthaft berührt und ist überaus geschickt miteinander verflochten. Es sind die Prägungen, Erlebnisse und täglichen Herausforderungen des Protagonisten, die wir als Lesende begleiten. Er ist ein Kind seiner Zeit, und für ihn ist genau das Alltag.

*

Heimatlos

Frank Money kehrt 1953 traumatisiert als Veteran aus dem Korea-Krieg in die USA zurück. In der Armee spielte die Hautfarbe keine Rolle. Doch nun ist er wieder in seiner nach wie vor durch Segregation bestimmten Heimat. Seine besten Freunde hat er auf dem Schlachtfeld verloren. Wut und Selbstekel haben ihn fest in der Gewalt. Wie soll er jemals wieder in den Alltag zurückfinden? Längst ist sein Entlassungssold dem Alkohol und dem Glücksspiel zum Opfer gefallen. Er flieht vor den Bildern in seinem Inneren, die ihn nicht loslassen. Seit einem Jahr treibt haltlos von einem Ort zum anderen. Die einzige, die die Bilder zum Schweigen bringen konnte, ist Lily. Doch er hat sie verlassen.

Schließlich landet Frank wegen Landstreicherei in der Psychiatrie, ruhig gestellt mit Morphium. Als er erfährt, dass seine jüngere Schwester Cee ihn braucht („Sie wird tot sein, wenn du trödelst“), bricht Frank mit Hilfe eines Tricks aus und macht sich mitten im Winter auf den Weg. Ohne Schuhe, ohne Geld, zerlumpt und heruntergekommen.

„Im Winter ohne Schuhe draußen herumzulaufen, würde garantiert zu seiner Festnahme und geradewegs zurück in diese geschlossene Abteilung führen. […] Interessant dieses Gesetz gegen Landstreicherei, womit Herumstehen im Freien oder zielloses Umhergehen gemeint war. Ein Buch in der Hand zu halten, würde schon helfen. Aber fehlende Schuhe waren mit zielgerichtetem Gehen schwer vereinbar. […] Er wusste besser als die meisten, dass man sich nicht im Freien aufhalten musste, um rechtmäßig oder unrechtmäßig behelligt zu werden.“

Toni Morrison: “Heimkehr”, aus dem Englischen von Thomas Piltz, Audiobuchverlag 2014, eigene Mitschrift

Ziel der Reise ist Lotus, ein kleines Kaff in Georgia. Noch ältere Dämonen als die Kriegserinnerungen lauern dort, denn die Kindheit im Haus der Stief-Großmutter war gezeichnet von Lieblosigkeit und körperlicher Züchtigung. Aber dort liegt gleichzeitig der Schlüssel zu einem anderen Frank. Zu dem großen, über alle Maßen bewunderten Bruder, der seine kleine zerbrechliche Schwester immer beschützt und getröstet hat, zu seinem „starke[n], gute[n] Ich“.

Auch Cee hat kein einfaches Leben. Bildungsfern aufgewachsen, fällt sie im Alter von 14 Jahren auf einen Blender herein, heiratet und wird kurz darauf verlassen. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, nimmt sie schließlich eine Anstellung bei einem Mediziner an. Sie hält Dr. Beauregard Scott für einen Helden; sie versteht nicht, was wirklich geschieht oder was die Bücher in seinen Regalen bedeuten. Sie erkennt nicht, dass sie bei seinen medizinischen Experimenten beinahe ihr Leben verliert…

Während Frank der Schwester entgegeneilt, drängen sich immer wieder Bilder aus der Vergangenheit in sein Bewusstsein:

“Der Bus war nur schütter besetzt, trotzdem nahm Frank pflichtschuldig in der letzten Reihe Platz, wo er seine Einsneunzigfigur so klein wie möglich zu machen suchte und die Tüte mit dem Reiseproviant umklammert hielt. […] Die vereinsamt wirkenden Häuser liehen ihre Umrisse dem Schnee, der sich hier und da auf dem Leiterwagen eines Kindes türmte. Nur die Pick-ups, die in den Einfahrten feststeckten, sahen aus wie lebendige Wesen. Er sann darüber nach, wie es in diesen Häusern zugehen mochte, aber er konnte es sich nicht vorstellen. Stattdessen sah er, was er, wo immer er sich auch befand, häufig sah, wenn er allein und nüchtern war – einen Jungen, der sich seine Därme in den Bauch zurückstopfte, sie zwischen den Handflächen hielt wie die Kristallkugel eines Wahrsagers, zerschmettert von schlimmen Prophezeiungen.

“

Toni Morrison: “Heimkehr”, aus dem Englischen von Thomas Piltz, Rowohlt Verlag 2014

Bedingt durch eine Sehstörung, die sporadisch zutage tritt, entfärbt sich für Frank die Welt. Statt bunt sieht er dann alles nur noch in Schwarz und Weiß. Eine Metapher für die Situation in den USA. Toni Morrison zoomt zwar vor allem an das Schicksal ihrer beiden Hauptfiguren Frank und Cee heran und öffnet über ihre Erfahrungen den Blick für das große Ganze, für das Erleben der 1950er Jahre aus der Sicht schwarzer Amerikaner, ihren Zusammenhalt untereinander und ihre Solidarität kurz vor dem Beginn der Bürgerrechtsbewegung. Dennoch gelingt es ihr, alle Figuren vielschichtig und komplex zu gestalten. Sie alle sind Stellvertreter für bestimmte Konflikte oder Erfahrungen – allerdings ohne, dass man je das Gefühl hätte, die Autorin habe sie lediglich als Mittel zum Zweck instrumentalisiert. Nein, man kann sich vorstellen, problemlos, dass genau jene Menschen an genau jenen Orten und genau zu jener Zeit so gelebt und agiert haben.

In weiten Teilen ist der Ton von „Heimkehr“ bedrückend, beklemmend und düster. Doch die Rückkehr nach Lotus, an den Ort ihrer Kindheit, wird für die Geschwister zum alles entscheidenden Wendepunkt. Es gibt etwas, was getan werden muss. Unbedingt.

*

Das „Grüne Buch“

Auf dem langen Weg nach Lotus bekommt Frank immer wieder Hilfe. Durchgefroren klopft er etwa an die Tür eines Reverends und wird von ihm und seiner Frau versorgt, verpflegt und für eine Nacht einquartiert. Hilfe bekommt er nicht nur in Form von Bargeld, Nahrung und Galoschen, sondern auch mit Informationen aus dem „Grünen Buch“. Nur so kann er die Lokalitäten finden, die ihre Türen für Schwarze öffnen. In den 1950er Jahren keine Selbstverständlichkeit.

Dieses so genannte „Grüne Buch“ – im Original hieß es zunächst „The Negro Motorist Green Book“, später „The Negro Travelers’ Green Book“, bis sich „The Green Book“ durchsetzte – hat es tatsächlich gegeben. Benannt war es nach dem Herausgeber Victor H. Green. Es war für Schwarze ein unverzichtbarer Wegweiser durch die Südstaaten. Dort waren die Hotels, Restaurants, Friseur- und Schönheitssalons, öffentliche Toiletten und anderes aufgelistet, in denen sie willkommen waren. Dadurch blieben Reisenden Repressalien, Probleme und unangenehme Situationen erspart.

Die Version von 1956 kann online hier eingesehen werden: The Green Book 

Mit der Einführung des Civil Right Acts im Jahre 1964 erfüllte sich dann endlich der Wunsch der an diesem Buch Beteiligten: dass eine Publikation irgendwann nicht mehr nötig ist.

*

Raffiniertes Spiel mit Perspektiven

Frank als Ich-Erzähler sucht immer wieder den Dialog und zuweilen die Auseinandersetzung mit der Autorin:

„Du willst meine Geschichte erzählen, also lass dir, was du auch denkst und was du auch schreibst, eins sagen: Das Vergraben der Leiche hab ich tatsächlich vergessen. Erinnert habe
ich mich nur an die Pferde. Sie waren so schön. So brutal. Und sie standen da wie Männer.“

Toni Morrison, “Heimkehr”, aus dem Englischen von Thomas Piltz, Rowohlt Verlag 2014

Wird sie es schaffen, seine Geschichte richtig zu erzählen? Es gibt Momente, da hegt Frank Zweifel. Manchmal fordert er sie aber auch nachdrücklich auf, etwas Bestimmtes niederzuschreiben – so sie es denn kann.

In anderen Kapiteln ist wiederum ein Er- bzw. Sie-Erzähler vorherrschend. Im Mittelpunkt stehen neben Frank seine Schwester Cee, aber auch seine Freundin Lily oder die Stiefgroßmutter werden in den Blick genommen.

*

Fazit

„Heimkehr“ ist – gemessen an den anderen Werken der Autorin – ein kurzer Roman. Aber er ist nichtsdestotrotz reich an unvergesslichen, dreidimensional gezeichneten Charakteren und voller Tiefe. Wer sich darauf einlässt, wird Teil einer beindruckenden, berührenden und oft auch sehr bedrückenden Reise durch das Amerika der 1950er Jahre und erlebt Geschichte aus einem ungewohnten Blickwinkel. Wenn man das Buch schließt, dann mit einem Gefühl der Bereicherung. Toni Morrison ist eine großartige Autorin, deren Werke man sich nicht entgehen lassen sollte. Wer sie noch nicht kennt, sollte den Einstieg mit “Heimkehr” wagen – auch wenn diese Erzählung vielleicht nicht unbedingt typisch für ihren (sonst doch eher ausschweifenderen) Stil ist.

**

Toni Morrison

Toni Morrison, Jahrgang 1931, zählt zu den bedeutendsten Autorinnen der Vereinigten Staaten. Sie wurde in Lorain, Ohio, USA, als zweites von vier Kindern geboren und entdeckte ihre Liebe zur Literatur schon als Kind. Nach dem Studium der Anglistik an der Howard University in Washington, DC und an der Cornell University nahm sie eine Lehrtätigkeit, zunächst an der Texas Southern University (1955-1957), später an der Howard University (1957-1964) auf.

1970 veröffentlichte sie ihren Debütroman „The Bluest Eye“ (dt. „Sehr blaue Augen“). Weitere bedeutende Werke sind „Solomons Lied“ (1977, dt. 1979), „Menschenkind“ (1987, dt. 1989), „Jazz“ (1992, dt. 1993), „Paradies” (1998, dt. 1999) und die Essaysammlung „”Im Dunkeln spielen” (1992, dt. 1994).

Seit 1989 ist Toni Morrison Professorin für afroamerikanische Literatur an der Princeton University, NJ.

Sie wurde mit vielen Auszeichnungen geehrt: National Book Critics’ Circle Award (1978); American-Academy-and-Institute-of-Arts-and-Letters Award für Erzählliteratur (1980); Cleveland Arts Award für Literatur (1980); Robert F. Kennedy Book Award (1988); Melcher Book Award (1988); Unitarian Universalist Award (1988); Nobelpreis für Literatur (1993); Commandeur des Arts et des Lettres, Frankreich (1993).

*

 

Toni Morrison liest einen Auszug aus “Home”:

 

*

 

Toni Morrison spricht über “Home”

 

_________________

Rowohlt
07.03.2014
160 Seiten
ISBN 978-3-498-04525-8

Verlag
Amazon

Leseprobe
*

Advertisements


Categories: Belletristik, Literatur

Tags: , , , , ,

1 reply

Trackbacks

  1. [Die Sonntagsleserin] KW #21 – Mai 2014 | Phantásienreisen

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: