Matterhorn – Wo die Liebe hinfällt (DVD)

Mut versetzt Berge

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Inhalt (DVD-Info)A1 Plakat_Matterhorn_RZ_end.indd

Sodom und Gomorra bricht über ein kleines, bigottes Dorf in Seeländisch-Flandern, Holland, herein, als der alleinstehende, stets tadellos korrekt gekleidete und ordnungsliebende Witwer Fred (phänomenal Ton Kas) dem sanftmütigen, aber nicht-so-ganz-richtig-im-Kopf-erscheinenden Landstreicher Theo (Rene van ’t Hof) das Ja-Wort gibt und der spießigsten Einöde der nördlichen Hemisphäre den Rücken kehrt.

Ausgezeichnet mit der größten Anzahl an Preisen, die je auf dem internationalen Filmfestival in Moskau an einen einzelnen Film vergeben wurden, besticht Diederick Ebbinges trocken absurde und unglaublich unterhaltsame Dramödie über Einsamkeit, Liebe und Freiheit durch seine begnadeten Hauptdarsteller, ein exzellentes Drehbuch und das wohl grandioseste Finale der neueren Filmgeschichte. Menschlich, zu Herzen gehend, Oscar-würdig.

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Offizieller Deutscher Trailer

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Witwer Fred (Ton Kas) lebt einsam in einem erzkonservativ calvinistischem Dorf in den Niederlanden. Dort scheint die Zeit stillzustehen. Starre Konventionen trotzen der Moderne, die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist ein Fremdwort und Homosexualität gilt auch im 21. Jahrhundert als Sünde.

PF1114D_10Der Tagesablauf des Anfang Fünfzigjährigen folgt strengen Regeln: Pünktlich auf die Minute stehen dieselben Mahlzeiten auf dem Tisch. Am heiligen Sonntag geht es in die Kirche. Fred neigt zu Pedanterie, ist stets pünktlich, angemessen gekleidet, tief religiös – und ein absoluter Langweiler. Seine Frau und seinen Sohn hat er verloren. Seitdem verläuft sein Dasein in rigiden reglementierten Bahnen. Das einzige, was ihn lächeln lässt, sind alte Tonbandaufnahmen seines Sohnes, der Bach singt.

Doch eines Tages wird die erstickende Monotonie durchbrochen: Der einsilbige Landstreicher Theo (wunderbar gespielt von René van ‘t Hof) versucht, sich Benzin zu ergaunern. Fred ist verärgert und weist ihn zurecht: “Wenn du lügst, dann belügst du auch Gott”. Zur Wiedergutmachung lässt er den Mann ohne Eigenschaften bei sich im Garten arbeiten. Schließlich nimmt er den rätselhaften Fremden bei sich auf und bindet ihn in seine rigide Tagesstruktur ein.

So entsteht zunächst eine höchst ungwöhnliche Wohngemeinschaft zwischen zwei Männern, die kaum unterschiedlicher sein könnten: Auf der einen Seite der regelkonforme Fred, auf der anderen der zunächst namenlose Fremde, der liebevoll Ziegen umarmt, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Schafe imitiert und auch mit dem Tragen von Frauenkleidern kein Problem hat.

Letztendlich tun sie sich gegenseitig gut: Fred und Theo, Theo und Fred. Und dann bleibt auch noch die Verwirklichung eines ganz großen Traums: Es zieht Fred aus persönlichen Gründen zu dem titelgebenden Berg in den Schweizer Alpen.

Das Zusammenleben der beiden Männer befeuert die Gerüchteküche des kleinbürgerlichen Dorfes im holländischen Seeländisch-Flandern. In den ultrareformierten Kreisen befürchtet man das nächste „Sodom und Gomorrha“ und schon bald stehen die besorgten Glaubensbrüder zum „korrektiven“ Hausbesuch vor der Tür. In steifer Atmosphäre darf der obligatorische Krakeling – ein Plätzchen aus Blätterteig mit Zuckerkristallen – nicht fehlen… Doch auch die linientreuen Kirchenmänner hüten Geheimnisse, die sich ungewollt an die Oberfläche schieben.

 

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Als Lüge erweist sich schließlich einzig und allein die zwanghaft-ritualisierte Pedanterie und die mit Gewalt erzwungene, trostlose Normalität. Was folgt, ist ein mehr als überfälliger Neustart auf ganzer Linie…Denn in Wirklichkeit ist alles ganz anders, als es anfänglich scheint.

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Internationaler Überraschungshit

In schönen ruhigen Bildern entfaltet sich eine zutiefst ungewöhnliche Geschichte, die nahegeht und tief berührt. Ist man anfangs noch etwas befremdet von der langsamen Gangart und den sparsamen Dialogen, kann man sich PF1114D_1der Sogwirkung des Films schon bald nicht mehr entziehen. Die beiden Hauptdarsteller Ton Klas, Jahrgang 1959, und René van’t Hof, Jahrgang 1956, spielen ihre Rollen absolut überzeugend und mit überragender Selbstverständlichkeit.

Diederik Ebbinges Debüt „Matterhorn – Wo die Liebe hinfällt“ (2013) war ursprünglich als Fernsehproduktion gedacht. Durch seine ausdrucksvolle Symbolik und punktgenaue Komposition fordert der zeitlos anmutende Film von Anfang an zur Auseinandersetzung heraus. Man langweilt sich der gemächlichen Entwicklung und reduziert eingesetzte n Dialoge zum Trotz keine Sekunde. Im Gegenteil: „Matterhorn“ gefällt durch seine durchdachte, aufwändige Ausstattung und erzählt leise Momente voll berührender Intimität und Herzenswärme. Fast wie nebenbei geht es um die zerstörerische Kraft gesellschaftlicher Vorurteile und religiös bedingte Homophobie im ultrakonservativen Milieu. Es geht um Fehler, Einsamkeit und Schmerz. Aber auch um Verstehen, Annäherungen und Neuanfänge jenseits der Lebensmitte.

Auf dem Filmfestival in Rotterdam erwies sich der Film als Überraschungshit: Nach 16 Jahren gewann erstmals wieder eine niederländische Produktion den Publikumspreis. Sogar in Moskau entschieden sich die begeisterten Zuschauer auf dem 35. Internationalen Filmfestival (MIFF), das vom 20. Bis 29. Juni 2013 stattfand, für die liebenswert-schräge Dramödie.

Insgesamt drei Filme homosexuellen Inhalts waren innerhalb des Wettbewerbs zu sehen. Das führte dazu, dass der russische Präsident Wladimir Putin ein Gesetz verabschiedete, das jegliche „homosexuelle Propaganda“ untersagt. Vorgeblich, um Kinder vor „unangebrachten Inhalten“ zu bewahren. Die Jugendfreigabe wurde auch „Matterhorn“ letztendlich verweigert.

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Soundtrack

Bestechend schön ist die Filmmusik: Beinahe ausnahmslos wird hier auf die Werke Johann Sebastian Bachs zurückgegriffen. Unter anderem sind Stücke aus der Matthäus-Passion zu hören.

Außerdem dabei:

“I Am What I Am” von Jerry Herman sowie “This is My Life” von Antonio Amurri, Bruno Canfora and Norman Newell, beide gesungen von dem niederländischen Sänger und Komiker Alex Klassen.

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Sprache/Synchronfassung

Auf die deutsche Synchronisation wurde glücklicherweise bei dieser DVD-Veröffentlichung verzichtet. Der Film liegt in der niederländischen Originalfassung in Dolby Digital 5.1 und 2.0 vor. Deutsche Untertitel sind wahlweise einblendbar.

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Extras

Enttäuschend gering fällt das Bonusmaterial aus: Enthalten sind neben zwei Kinotrailern im niederländischen Original sowie in der deutschen Fassung nur eine Bildergalerie mit Schnappschüssen aus dem Film sowie eine Vorschau auf andere Pro-Fun Filmproduktionen. Außerdem beinhaltet die Amaray-Box ein Wendecover, sodass sich das lästige FSK-Logo aus dem heimischen DVD-Regal verbannen lässt.

Gewünscht hätte ich mir Interviews mit den beiden – zumindest hierzulande wenig bekannten niederländischen – Hauptdarstellern und näheres zu den Publikumsreaktionen auf den diversen LGBT-Festivals. Gerade angesichts der Situation in Russland hätte sich das als Bonusmaterial mehr als angeboten.

Ein nettes, wenngleich auch nicht zwingend notwendiges Gimmick, wäre ein Rezept für einen traditionellen Krakeling gewesen.

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Der Krakeling zum Film

Für ein rundherum sinnliches Filmvergnügen sollte man vorab etwa 35 Minuten in der Küche einplanen. „Matterhorn“ muss man einfach mit dem traditionellen niederländischen Gebäck genießen. Am besten stilecht aus der Blechdose.

Zutaten:
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  • 4 Platten Blätterteig
  • 3 EL Sahne
  • 1 Eigelb
  • Brauner Rohrzucker
  • Zimt

So geht es:
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Zuerst werden die vier Blätterteigplatten aufeinander gelegt und anschließend mit dem Nudelholz bis zu einer Größe von ungefähr 20 x 20 cm ausgerollt. Ziel ist es, am Ende eine Möglichst gleichmäßige Form zu haben. Anschließend verwendet man ein Teigrädchen und schneidet den Teil per Augenmaß in ca. 1 cm breite Streifen. Wer seine Krakelinge kleiner bevorzugt, kann auch 0,5 cm anvisieren. (Fred würde für ein perfektes Ergebnis zweifellos mit Lineal und Messer zu Werke gehen. Geht auch!)

Man legt ein Backblech mit Backpapier aus, bringt die selbst geschnittenen Streifen in Krakeling-Form und drückt die Enden leicht an.

Hinterher trennt man das Ei und vermengt das Eigelb mit Sahne. Das Gemisch wird mit einem Pinsel gleichmäßig auf die Krakelinge aufgetragen. Anschließend noch nach Herzenslust mit Zucker und Zimt bestreuen. – Fertig ist die Vorarbeit! Rund 10 Minuten sollte man den Teig ruhen lassen. Jetzt wird es Zeit, den Backofen auf 180° C vorzuheizen.

Dann kommt das Blech für 25 Minuten in den Backofen.

Nach dem Abkühlen bewahrt man die Krakelinge am besten in einer Blechdose auf.

Guten Appetit!

Das Rezept stammt von Rudolph van Veen.

Website

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DVD-Info

FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung
Laufzeit: ca. 87 Min.
Bildformat: 16:9 anamorph (2,35:1 Cinemascope)

Genre: Spielfilm, Tragikomödie, gay, metro, bi
Produktionsland / Jahr: Niederlande 2013
Darsteller/innen: René van ‘t Hof, Ton Kas, Porgy Franssen, Ko Aerts, Kees Alberts, Lucas Dijker
Drehbuch: Diederik Ebbinge; Kamera: Dennis Wielaert; Schnitt: Michiel Reichwein; Ton: Giel van Geloven
Produzent: Gijs van de Westelaken
Label/Studio: PRO-FUN MEDIA

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Festivalteilnahmen / Auszeichnungen (Auswahl):

– PUBLIKUMSPREIS – Int. Filmfestival Rotterdam
– PUBLIKUMSPREIS – 35. Internationales Filmfestival Moskau
– HAUPTPREIS Russischer Filmkritiker Verbund – 35. Internationales Filmfestival Moskau
– BESTER SPIELFILM Russian Film Club Federation – 35. Internationales Filmfestival Moskau
– BESTER SPIELFILM 11. ZINEGOAK Filmfestival Bilbao
– BESTER SCHAUSPIELER 11. ZINEGOAK Filmfestival Bilbao
– BESTES DREHBUCH 11. ZINEGOAK Filmfestival Bilbao
– 26. Exground Filmfest Wiesbaden
– 17.QUEER Filmtage Weiterstadt
– 17. Queersicht Filmfestival Bern
– 17. Pink Apple Filmfestival Zürich

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Categories: DVDs - Filme und Serien, DVDs -Filme, GLBT

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1 reply

  1. Vielen Dank für diesen wunderbaren Tipp! Ich werde die Augen offen halten, sollte er jemals im TV gezeigt werden. DVD ist leider für mich nichts, da ich ohnehin nie dazu komme und die hier nur Staub ansetzen.

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